07.03.2020 - 15:36 Uhr
RegensburgSport

HSV gewinnt dank zu Unrecht aberkannten Jahn-Treffers

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Es ist billig, dem Schiri die Schuld für eine Niederlage in die Schuhe zu schieben: Aber was sich Arne Aarnink beim schmeichelhaften 2:1 des HSV gegen Jahn Regensburg leistet, ist grenzwertig. Ein klares Tor wird aberkannt.

Hamburgs Spieler bejubeln Aaron Hunts 2:1.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

In der ersten Hälfte macht der SSV Jahn dem HSV mit hohem Pressing das Leben schwer. Mit dem ersten Standard geht Hamburg dennoch in Führung, Kopfball Timo Letschert ins leere Tor (24.), Regensburg durch den Wind. Doch dann macht Grüttner den Gerd Müller, der Ausgleich im stochernden Fallen (40.). In der zweiten Hälfte knüpft der SSV an die Drangphase vor der Pause an, Albers setzt sich robust, aber erkennbar ohne Foul am Fünfer durch, Jann George schießt zum vermeintlichen 1:2 ein – Schiri Aarnink pfeift den Jubel sofort ab.

Klar, man kann diese Spielszene auf den ersten Blick so sehen: Aber warum reagiert hier Köln nicht, warum schaut sich der Schiedsrichter das nicht am Bildschirm an? Auch in der dritten Wiederholung ist kein Foul zu erkennen. Und ganz genau wie in Stuttgart fällt fast im Gegenzug die Führung für Hamburg. Daran ist keiner Schuld, außer die Jahn-Defensive, die wie so oft zu zaghaft agiert: Leibolds Hereingabe bombt Aaron Hunt zum 2:1 in den Kasten (51.).

Spielrhythmus zerstört

Die Oberpfälzer kämpfen aufopferungsvoll. Oft fehlen nur Zentimeter, die letzte Präzision. Schiedsrichter Aarnink entscheidet bei engen Situationen meist für Hamburg, übersieht etwa, dass Sony Kittel Jann George absichtlich in die Bande schubst – der kann gerade noch drüberspringen. Nah an einer Tätlichkeit, geht das Spiel einfach weiter. In den Schlussminuten hilft es Jahn Regensburg wenig, dass acht Minuten nachgespielt wird: Er lässt Jordan Beyer minutenlang auf dem Feld behandeln, zerstört damit jeden Spielrhythmus.

Nicht falsch verstehen: Der HSV zeigt in einigen Szenen die bessere Spielanlage, der Jahn wie zuletzt oft dagegen Nerven und zu unpräzisen Spielaufbau. Aber unterm Strich haben sich die Hamburger den ersten Sieg gegen den Jahn überhaupt hier und heute nicht verdient, ein Remis wäre verdient gewesen. Und wie das Spiel bei Jahn-Führung verlaufen wäre, möchte man sich bei der gezeigten Nervosität der Hanseaten gar nicht vorstellen.

Auf der Suche nach dem Mentalitätsmonster

Eigentlich ist der HSV der Lieblingsgegner. Eigentlich, denn Jahn Regensburg ist weit von der Form entfernt, in der die Oberpfälzer die Hamburger in deren Stadion mit 5:0 düpierten: Statt Mentalitätsmonster eher Krisenmodus.

Doch auch der Hamburger SV ist nach zwei Niederlagen gegen Stadtrivalen FC St. Pauli (0:2) und Erzgebirge Aue (0:3) nervös geworden, wieder den Aufstieg zu vergeigen. „Es geht darum, Regensburg zu schlagen, egal wie“, fordert Trainer Dieter Hecking am Donnerstag. „Wir haben die Trainingswoche genutzt, um einige Dinge auszuprobieren.“

Beim SSV Jahn Regensburg beschwört man dagegen alte Tugenden: „Wir wollen Mentalität zeigen, wir wollen uns in jeden Zweikampf reinhauen“, verspricht Jann George, der selbst noch viel Luft nach oben hat. „Herz und Leidenschaft sind bei uns genug da, um zu bestehen.“ Lasst Taten sprechen. „Wir werden unser Bestes geben, dass wir da bestehen“, setzt Mittelfeldspieler Andreas Geipl oben drauf.

Hoffen auf Stolze

Trainer Mersad Selimbegovic muss auf Aaron Seydel (Muskelfaserriss), der gegen Dresden seinen ersten Startelfeinsatz verbuchte, und Markus Palionis als Backup (Schwellung nach Schlag auf Knie) verzichten. Hoffnung setzen Trainer und Fans in ein Comeback von Sebastian Stolze. Nach seiner Gesichtsfraktur „kommt er von Tag zu Tag besser rein“, sagt Selimbegovic.

Um in Hamburg etwas mitzunehmen, sollte vor allem mal wieder mehr als ein Törchen gelingen. Vor allem, weil der Jahn zuletzt nach jedem Gegentor einzubrechen drohte – ob in Bielefeld, Stuttgart oder gegen Dresden, ein Gegentor blieb selten lange allein. „Du darfst nicht verzweifeln“, weiß Selimbegovic. Seine Mannschaft müsse „noch härter arbeiten, noch mehr Überzeugung“ zeigen. Der HSV habe aber wohl „Wut im Bauch“ nach den jüngsten ernüchternden Ergebnissen im Aufstiegsrennen.

Zurecht hat Jahn-Kapitän Marco Grüttner viel Diskussionsbedarf mit Schiedsrichter Arne Aarnink.

Jahn beginnt mit hohem Pressing

Den Worten Taten folgen lassen, den Willen sieht man den Regensburgern in der ersten Minute an, nach dem ersten Fehlpass lässt man den Favoriten aber schon wieder viel Raum, so dass am Ende der Kette Keeper Meyer zum ersten Mal eingreifen muss (2.). Die Ansätze sind gut, die Weiterverarbeitung schlecht: Ballgewinn am Hamburger Strafraum, blinder Pass ins Nichts (4.). Wieder gute Kombination zwischen Besuschkow und Okoroji zum Elfmeterpunkt, aber wenn‘s darauf ankommt, fehlt die Präzision.

Auf der anderen Seite gibt’s die erste Ecke: zum Einwurf geklärt. Van Drongelens Kopfball von der Strafraumkante klar drüber (8.). Konter HSV, Jatta schneller als Nachreiner, aber zur Hereingabe von der Grundlinie reicht’s nicht mehr, der Ball im aus. Jetzt holt Albers auch den ersten Eckball für den Jahn (11.): Wie gegen Dresden immer die neue Variante auf den kurzen Pfosten, die Verlängerung verfehlt Freund und Feind. Der HSV tut sich in der ersten Viertelstunde noch schwer mit Regensburgs hohem Pressing.

HSV-Führung mit erster Chance

Okoroji holt die zweite Ecke für die Gäste und legt sich den Ball zurecht: Besuschkow fällt beim Schussversuch, Nachreiner mit dem zweiten Ball daneben (17.). Jann George hat sich viel vorgenommen, wiederholt dribbelt er durchs Mittelfeld, vergisst aber das Abspiel, Ballverlust (19.). Bedrängt spielt Correia Okoroji frei, Pass von der linken Seite, Wekesser im Strafraum, der Schuss leider mit Effet nach außen statt innen (21.). Erst sieht Okoroji Gelb, dann stoppt Geipl einen Hamburger in aussichtsreicher Position: So leicht geht das, Flanke an den Elfer, erst Pfosten, dann Letschert mit Kopf aus fünf Metern, 1:0 (24.).

Es ist neuerdings immer das gleiche Muster: Bis zum Gegentor macht das Regensburg sehr passabel, danach beginnen die Probleme. Während man die vergangenen zwei Jahre danach das Tempo unbeeindruckt erhöhte, brechen neuerdings die Dämme. Correia kann gerade so Harnik den Ball im 16er abluchsen. Meyer eben mal so vor Jatta, Fehlpass ins Seitenaus (30.). Wann ist der Glauben an sich selbst abhandengekommen? Es ist auch jetzt nicht so, dass der HSV groß aufspielen würde, aber vom Jahn kommt zu wenig.

Hamburgs Spieler jubeln nach dem Tor zum 1:0 von Timo Letschert (Mitte),

Grüttner mit dem Abstauber

Typische Situation: Fein darf in drei Anläufen am 16er versuchen, einen Kollegen zum Abschluss freizuspielen – zum Glück für den Jahn genauso zögerlich wie damals oft im Regensburger Trikot. Meyer muss Pässe von links und rechts abfangen, lange geht das nicht mehr gut – dabei müsste Regensburg ja etwas in die andere Richtung unternehmen. Pass in die Mitte, Nachreiner steht Jatta auf der Grundlinie auf den Füßen, der will den Elfer, bekommt ihn nicht (34.). Mit Hängen und Würgen kämpft sich Geipl in den 16er, Fein ist mit dem Fuß an seiner Wade, aber auch dafür gibt’s keinen Strafstoß (36.). Beste Chance bisher, ein Ball, der immer länger wird, Albers am Fünfer mit der Fußspitze noch dran, zu schwach, um den Keeper zu überwinden.

Jetzt einige Freistöße in der Hamburger Hälfte: Der erste Ball ganz schwach, aber im zweiten Anlauf bekommt Grüttner die Kugel vor die Füße und stochert die Kugel über die Linie, 1:1 (40.). Starke Jahn-Kombi in den 16er, Albers steckt durch, George reicht für Wekesser weiter, seinen Drehschuss fälscht Van Drongelen zur vierten Ecke ab – Regensburg bleibt dran, aber Georges Fallrückzieher am Mann abgepfiffen (45.).

Endlich vorbei mit Ladehemmung: Marco Grüttner müllert zum 1:1.

Klares Jahn-Tor aberkannt, 2:1 im Gegenzug

Aron Hunt mit dem ersten Warnschuss über den Jahn-Kasten (46.). Das erinnert an Stuttgart: Albers bekommt die Kugel am 5er, der Gegenspieler fällt ohne ersichtlichen Grund, Querpass, George knallt die Kugel ins Netz, abgepfiffen – das kann man sich auch mal auf Video anschauen (48.). Also, das muss man jetzt einfach mal benennen: Genau der gleiche Verlauf wie in Stuttgart: Ein Tor von Regensburg wird nicht anerkannt, fast im Gegenzug verwertet Hunt Leibolds Hereingabe zum 2:1 (51.).

Harnik kommt kurz vorm Fünfer zum Kopfball, Meyer im Nachfassen (55.). Beim HSV kommt Sonny Kittel für Schaub (57.). Freistoß für den Jahn von links außen. Okoroji mit Kopf, siebte Ecke für den Jahn – daraus macht Regensburg einfach zu wenig, 7:1 Ecken, aber eben 1:2 (61.). Flanke Saller, Albers mit Kopf, dankbar für Torwart Daniel Heuer Fernandes (63.). Nach Grüttners Schwalbe Wekesser etwas übermotiviert mit Judogriff, Doppel-Gelb (66.). Hamburg holt sich die zweite Ecke: kurz und schlecht (67.).

Stolzes Comeback

Moritz‘ Hand an Georges Hals, Gelb auch für den Hamburger (69.). Chaos im Hamburger Strafraum, der Ball Sekunden frei zum Einschuss ins leere Tor, Grüttner am Boden, will wieder den Elfer, stattdessen der Konter. Jetzt endlich das Comeback von Sebastian Stolze mit Maske (71.). Wekesser muss runter. Schnell ausgeführter Freistoß, Stolze geht ab, Leibold rettet akrobatisch, ganz knapp verfehlt (76.). Noch einmal versucht es Hunt aus der zweiten Reihe, klar drüber. Dann ist die Situation eigentlich geklärt, der Jahn lässt den zweiten Ball zu, Meyer rettet artistisch gegen Hinterseers Kopfball.

Nach der Ecke darf Jatta draufhalten, wieder Meyer mit Lufteinlage. Interessante Regelauslegung von Schiri Arne Aarnink: Hamburg darf auch Fallrückzieher am Mann (80). Hamburg hat Zeit, Beyer wird minutenlang am Feld behandelt – nach fünf Minuten wird er mit Halskrause auf der Bahre weggetragen, hoffentlich keine schlimme Verletzung (86.). Für ihn kommt Khaled Narey. Nächste Fehlentscheidung, Kittel schubst George bewusst in die Bande, nicht geahndet (88.).

Acht Minuten oben drauf ohne echte Chance

Beim SSV ist jetzt Jan-Marc Schneider im Spiel, der den enteilten Narey einfängt. Immerhin: Acht Minuten obendrauf, in diesem Punkt mal keine Wettbewerbsverzerrung. Saller sieht die zehnte Gelbe und fehlt gegen Kiel. Selimbegovic bringt Derstroff für Besuschkow (90.). Hamburg nagelt den Ball in der Regensburger Hälft fest, und wenn der Jahn dazwischengeht, zieht der HSV dankbar den Freistoß. Fein fällt Schneider, Freistoß mit Verzögerung, Missverständnis zur Ecke, Meyer mit vorne, das Tor leer, Correia macht das geschickt, hält die Kugel.

Dramatische Schlussszenen, Regensburg wirft alles nach vorne, stürmt mit zwölf Mann, der Schiri pfeift „pünktlich“ ab, ein völlig unverdienter Sieg für den Favoriten. Für den Jahn wird es dennoch langsam problematisch: sechs der letzten sieben Spiele verloren und benachteiligt wurden die Oberpfälzer dabei nur in Stuttgart und Hamburg. Gegen Angstgegner Kiel muss der SSV endlich mal einen Komplex ablegen.

Bedingungslosen Kampf versprechen die Regenburger vor dem Spiel beim HSV: Im Hinspiel schmeißt sich hier Erik Wekesser vergeblich Bakery Jatta in den Weg.
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