23.09.2018 - 14:25 Uhr
RegensburgSport

Jahn beim HSV als schwarze Bestie

45.000 Zuschauer im Hamburger Volksparkstadion, darunter 1000 Regensburger, sehen ein Debakel des HSV. Regensburg deklassiert beim 5:0 (3:0) den Tabellenzweiten und knüpft wieder an die starke Aufstiegssaison im vergangenen Jahr an.

Jann George macht mit seinem 5:0 das HSV-Debakel perferkt.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Jetzt nur nicht abheben, SSV Jahn: Klar, wer ein Zweitligaspiel gegen den Tabellenzweiten im Hamburger Volksparkstadion mit 5:0 gewinnt, fühlt sich nicht gerade als gesetzter Absteiger. Und die Art und Weise, wie die Regensburger den HSV, der immerhin zuletzt vier Siege in Folge einfahren konnte, demontierten, erinnerte mehr an die Sahne-Saison nach dem Aufstieg als an den Holperstart mit unglücklichen Niederlagen in Bielefeld (3:5) und gegen Dresden (0:2).

Wenn man trotz des Spielrausches, in den sich die Oberpfälzer phasenweise spielten, genauer hinschaut, bleiben noch genügend Baustellen, die es für einen sicheren Verbleibt in Liga 2 zu beackern gilt: Es ist auch dem gebrauchten Tag der Hamburger zu verdanken, dass Hunt (Elfer), Ito und Lasogga die vorhandenen Chancen liegenließen – etliche Male konnte Santos von links ungehindert in den Strafraum dribbeln. Und es passiert nicht alle Tage, dass der gegnerische Keeper Adamyan die Kugel selbst auflegt und der dann auch noch die Nerven behält.

Resümee: Der historische Kanter ist dass Gold wert, wenn der SSV Jahn in den folgenden Spielen gegen Mannschaften auf Augenhöhe – wie Heidenheim und Duisburg – mit gleicher Konzentration Fehler vermeidet und vorne einlocht.

Beierlorzer: „Absolute Sternstunde“

Regensburgs Trainer Achim Beierlorzer dirigiert meisterhaft.

„Wenn wir in den letzten Wochen immer davon gesprochen haben, dass wir zu wenig aus unseren Torchancen gemacht haben“, bilanziert Jahn-Coach Achim Beierlorzer, „dann haben wir heute natürlich einiges wieder zurückbekommen.“ Man habe den Gegner mit seinen individuellen Stärken intensiv bespielt, Räume verschoben und folgerichtig Chancen erarbeitet: „Wenn dann ein Torhüter offensiv mitspielt, dann passiert so was“, beschreibt er die Szene vorm 0:1, als Sargis Adamyan Keeper Julian Pollersbeck den Ball abluchst.

In der Halbzeit habe er etwas umgestellt, „weil wir bemerkt haben, dass vor der Kette immer noch viel Räume da waren“. Mit dem zusätzlichen 6er habe man sich weitere Konterchancen erarbeiten können. „Insgesamt ist das für den SSV Jahn Regensburg fußballerisch natürlich eine absolute Sternstunde“, freut sich Beierlorzer, „hier in Hamburg einen Sieg zu landen, einen Sieg mit natürlich etwas zu viel Toren.“ Das wichtigste seien aber die drei Punkte.

Titz: „Keine Verunsicherung durch Rotation“

Hamburgs Trainer Christian Titz ist das Lachen schnell vergangen.

„In der erste Halbzeit war es leider so“, erklärt HSV-Trainer Christian Titz, „dass wir uns zwei Gegentore eingefangen haben, bei denen wir wirklich tatkräftig mitgewirkt haben.“ Schlimmer als Pollersbecks Schnitzer seien die schlecht verteidigten Standards gewesen. „Dann bekommen wir das 2:0, dann wird‘s schwierig gegen eine Mannschaft, die hier gut verteidigt hat, ein gutes Umschaltspiel gezeigt hat.“ Dennoch habe seine Mannschaft dann besser ins Spiel gefunden: „Machen dann leider kein Tor, dann bekommen wir die dritte Standardsituation und es steht 3:0.“

In der Halbzeit habe man mit dem Wechsel noch mal versucht, alles nach vorne zu werfen. „Mit dem 4:0 auch wieder aus einer Standardsituation heraus war das Spiel dann endgültig entschieden.“ Die Kritik, dass die große Rotation mit sechs neuen Spielern die Mannschaft verunsichert habe, könne er nicht teilen: „Ich fand, dass wir sehr individuelle Fehler gemacht haben.“ Man bekomme einfach viel zu viele Tore: „Das wird Gegenstand einer intensiven Analyse sein.“

Achim Beierlorzer schickt eine auf drei Positionen veränderte Elf auf den Rasen: Pentke - Saller, Sörensen, Correia, Föhrenbach - Thalhammer, Geipl - Stolze, George - Grüttner, Adamyan. Correia also zurück, Thalhammer und Stolze neu in der Startelf.

Saller sieht die frühe gelbe Karte. Nach einem Foul zeigt er Schiedsrichter Gräfe den Daumen. Dieser verwarnt – übertriebene Sanktion. Immerhin, die erste Ecke holt sich der Gast aus Regensburg. Ablage und dann direkt in die Arme Pollersbecks. Schiri Manuel Gräfe vermahnt schon wieder Saller, weil er beim Rausrutschen den Ball ein wenig wegschiebt.

Das HSV-Desaster nimmt seinen Lauf

Sargis Adaman (rechts) jubelt nach dem 1:0 für den SSV Jahn Regensburg mit Marco Grüttner.

Was für ein Fehler der Hamburger: Rückpass auf Pollersbeck, der verdribbelt sich gegen Adamyan, der ihn umläuft und den beiden Hamburgern im Tor keine Chance lässt, 0:1 (11.). Die nächste Gelbverwarnung, diesmal für Sörensen nach leichtem Bodycheck an der Außenlinie. Was ist mit den Hamburgern los, was mit den Regensburgern: Balleroberung im Mittelfeld, steil auf Adamyan, der zieht im Strafraum ab, abgefälscht, 0:2 (21.). Beierlorzer nimmt den Rot-gefährdeten Saller runter, Marc Lais springt ein.

Freistoß von der Grundlinie, weil Thalhammer zu viel schiebt: rausgeköpft (23.). Die erste Chance überhaupt für den HSV, der Jahn bekommt links außen Santos nicht vom Ball, Mangala verfehlt um Zentimeter (26.). Konter über Föhrenbach, der läuft über links, Flanke auf Adamyan, der bekommt die Kugel nicht mehr gedrückt. Und Gräfe bleibt bei seiner Gelbsucht, Lais mit seinem ersten Foul sieht die Karte (29.).

Adamyans Hattrick perfekt

Hamburg spielt rund um den Regensburger Strafraum, sucht die Lücke, Ecke, jetzt brennt’s im Oberpfälzer 16er, Pentke pariert, Nachschuss an einen Regensburger Fuß. Und jetzt wechselt auch der Gastgeber, nimmt Unsicherheitsfaktor Steinfeld runter, bringt Khaled Narey, der Föhrenbach gleich mal am Trikot zieht – kein Gelb auf dieser Seite. Ja gibt’s denn das? Der Freistoß auf den Kopf, verlängert auf Adamyan, Hattrick, 0:3 (35.).

Adamyan von links, Grüttner verpasst den Kopfball knapp (36.). Für einen der unglaublichsten Elfmeter in der Geschichte des Fußballs, Hunt fällt außerhalb des Spielfelds über Starke, die gerechte Strafe: Hunt schiebt Pentke den Ball in die Arme (40.). Kurz danach Hunt mit der nächsten Chance, hauchzart daneben (41.). Ungeschickt von Grüttner, er springt Pollersbeck an, diesmal kein Gelb (43.). Hamburg setzt sich vor der Pause fest, die letzte Ecke: Pentke hat die Kugel.

Der Jahn macht so weiter

Der HSV bringt den lange erwarteten Lasogga. Und Adamyan zieht schon wieder ab, Außenpfosten (48.). Und wieder bleibt das Gelb bei einem Foul der Hamburger stecken, Hunts Frustfoul im Mittelfeld bleibt ungesühnt (49.). Naray bekommt im 16er den zweiten Ball, Pentke unten (51.). Auf der anderen Seite ist der Ball auf Grüttner etwas zu lang (51.). Und er hat sie doch dabei, die Gelbe für den HSV, Lacroix stoppt den Konter (52.).

Geipls Freistoß auf Correia, der macht ihn aus fünf Metern, 0:4 (54.). Mal wieder Ecke für Regensburg: Geipl auf George, Pollersbeck hebt den Kopfball über die Latte. Man muss auch bei diesem Spielstand das Scheunentor nicht aufmachen, Ito hat freie Bahn, Pentke zieht die Fäuste zurück, gute Übersicht (62.). Starker Konter über fünf Stationen, zum Schluss steht George allein vorm Keeper, abseits (63.). Santos Pass auf Lasogga, bedrängter Kopfball drüber (65.). Föhrenbach spurtet mit letzter Kraft durch, der Abschluss etwas zu schwach (69.). Correia hat die Lufthoheit im eigenen 16er, die Ecke bringt nichts ein. Hamburg jetzt mit optischer Überlegenheit, der Jahn wieder massiert hinten.

Jahns höchster Zweitligasieg

Was soll man da noch sagen? Jann George will man fast schon tadeln, dass er den Konter verschleppt, nicht schnell weiterspielt, eigensinnig ist, dann versenkt er die Kugel unten rechts, 0:5 (75.). Jetzt wird’s vogelwild, der SSV gleich zweimal auf dem Weg zum halben Dutzend. Für den HSV gibt’s dafür die nächste Ecke in Penktes Handschuhe.

Titz nimmt Hunt vom Feld, bringt Janjicic (78.). Und Marc Lais macht nach seiner Einwechslung schon wieder Platz für das junge Talent Adrian Fein (80.). Adamyan holt noch eine Ecke, Sörensen setzt den Kopfball zu hoch an (81.). Und Sargis kämpft selbst im Mittelfeld, als ginge es hier noch um alles: Gelb nach Trikotzerrung (85.). Adamyan mit allen Wassern gewaschen, alleine da vorne mit Drehschuss aus 30 Metern aus dem Zweikampf heraus ans Außennetz (87.). Und dzum Schluss bringt der SSV Jahn den höchsten Zweitligasieg ever ohne Nervenflattern über die Bühne.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp