Update 20.05.2019 - 00:04 Uhr
RegensburgSport

Saisonabschluss: Jahn verschenkt Geld und sucht neue Gesichter

Nach dem 2:2 gegen Sandhausen schließt der SSV Jahn die Saison mit Platz 8 ab. Es wäre mehr drin gewesen. Jetzt beginnt die Suche nach dem neuen Trainer und neuen Gesichtern für die Mannschaft.

Bei seinem letzten Auftritt als Jahn-Trainer muss Achim Beierlorzer das 2:2 seiner Noch-Mannschaft gegen Sandhausen von der Tribüne aus beobachten.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Zur Pause ein leistungsgerechtes Unentschieden, am Schluss verblödelt der SSV Jahn nach lange ungefährdeter 2:1-Führung noch zwei Plätze und die 50-Punkte-Marke. Sandhausen gleicht kurz vor Schluss mit der ersten Chance in Hälfte 2 aus.

Zweimal 2:2 fällt die Bilanz zwischen Jahn Regensburg und dem SV Sandhausen in der Zweitliga-Saison 2018/19 aus. Im Hinspiel gelang Adamyan der Doppelpack, der Ausgleich erst in der 94. Minute. Im Rückspiel heißt der Regensburger Doppelpacker Hamadi Al Ghaddioui, Sandhausen gleicht in der 86. Minute aus. So viel zur Parallele zwischen den beiden Spielen. Für den SSV Jahn ging es nicht mehr um die sportliche Zukunft, allerdings durchaus noch um mehr als Kosmetik: Um einen satten Zuschlag an Fernsehgeldern durch die Fünf-Jahres-Wertung, den Wunsch, die 50-Punkte-Marke zu überspringen und den möglichen Platz 6. Zum Schluss wurde es der bereits gesicherte, respektable Platz 8.

Für Sandhausen die sichere Rettung, auch wenn nach dem 4:2 der Heidenheimer gegen Ingolstadt auch eine Niederlage keine Rolle gespielt hätte. Beim SSV Jahn geht es ab sofort um das Geschick von Sportchef Christian Keller, nach zwei Glücksgriffen einen dritten Erfolgstrainer zu installieren. Man kann Achim Beierlorzer bei Aufsteiger Köln wünschen, dass ihm beim Abenteuer Bundesliga mehr Glück vergönnt ist, als seinen Vorgängern Markus Weinzierl und Heiko Herrlich.

Heiko Herrlich hatte wie sein Vorgänger Markus Weinzierl wenig Glück bei seiner nächsten Station.

Wunschtraum Kontinuität

Im Gegensatz zum bekennenden Christen Herrlich, hat Beierlorzer keine Lippenbekenntnisse für Regensburg abgelegt. Der Jahn-Trainer der vergangenen zwei Jahre überzeugte mit seiner klaren Ansprache, mit einem noch klareren System Marke Leipzig, mit der die Oberpfälzer forsch die Liga aufmischten: zwei Siege gegen den HSV, ein 5:3 in Köln sind nur die markantesten Stationen dieser erstaunlichen Entwicklung.

Trotzdem hätte man sich gewünscht, dass es noch kleine Wunder im bezahlten Fußball gibt. Warum kann nicht mal ein Fußballlehrer zu Ende bringen, was er furios begonnen hat? Warum versucht nicht mal ein mutiger Mensch, ein Projekt mit den Mitteln eines mittleren Fußballzwergs zu vollenden? Man stelle sich vor, Beierlorzer hätte den SSV Jahn Regensburg in den nächsten zwei Jahren bundesligareif entwickelt – und es geschafft, Ostbayern in der Beletage des deutschen Fußballs zu etablieren. Das bleibt leider ein Wunschtraum.

Abgänge bekannt, Neuzugänge noch unklar

Stattdessen ist die nüchterne Realität: Was ein Verein mit viel Einsatz in Jahren aufbaut, kann schnell wieder Makulatur sein. Ein Fehlgriff beim Trainer, Verstärkungen für die Abgänge, die nicht einschlagen. Und schon beginnt der Teufelskreislauf von vorne: Kampf gegen den Abstieg, ausbleibende Fans, Geldsorgen. Das muss nicht kommen, aber das Risiko besteht.

Ausnahmekönner Sargis Adamyan hofft auf einen Stammplatz bei der TSG Hoffenheim. Keine Zukunft haben außerdem Sebastian Freis, Stürmer Hyseni und Innenverteidiger Odabas in Regensburg. Offen ist der weitere Weg der vier Leihspieler: Adrian Fein (Bayern München), Maxi Thalhammer (Ingolstadt), Asger Sörensen (Salzburg) und Jonas Föhrenbach (Freiburg).

In Lauerstellung? Daniel Bierofka wird von einer Löwen-Fanpage als Trainer-Kandidat für Regensburg gehandelt.

Gerüchte um Bierofka

Inzwischen wird andernorts bereits über einen möglichen Nachfolger für Beierlorzer spekuliert: „dieblaue24.com“ befürchtet den Wechsel des Löwen-Idols Daniel Bierofka von der Isar an die Donau: „Auch der Name Bierofka ist nach db24-Informationen beim Jahn schon gefallen. Der Löwen-Trainer soll zum engeren Kandidatenkreis zählen. In Regensburg zählt allein der Fußball, nicht die Politik - das würde Bierofka entgegenkommen. Eine Kontaktaufnahme soll es aber noch nicht gegeben haben.“

Eigentlich habe der 40-Jährige an der Grünwalder Straße als Cheftrainer eine Mannschaft entwickeln und formen wollen, die mittelfristig in die Zweite Liga aufsteigen kann. In Regensburg könnte er diese Station schon mal überspringen. Zumal dem Münchener diese Perspektive zu Hause von Präsident Robert Reisinger im Winter genommen worden sei, als dieser den Konsolidierungskurs eingeläutet hätte. „Mit den e.V.-Funktionären führt Bierofka ein Nichtverhältnis. Beim 3:2-Sieg gegen Fortuna Köln, dem Tag des Klassenerhalts, würdigten sich Bierofka und Reisinger nach dem Schlusspfiff keines Blickes. Das Verhältnis ist auch vermutlich nicht mehr zu kitten.“

Koschinat: „Kein verdienter Punkt“

„Aus unserer Sicht war das ein Spiel“, sagt SV-Coach Uwe Koschinat bei der Pressekonferenz, „das eine ständig wechselnde und für uns sehr nervenaufreibende Dramaturgie hatte.“ Durch die Unordnung in der Regensburger Defensive sei man sehr früh in Führung gegangen. „Eine absolute Wunschkonstellation, es mit einer Führung in der eigenen Hand zu haben.“ Man sei immer über den Spielstand in Heidenheim informiert gewesen, wo der Gastgeber schnell mit 2:0 geführt habe. „Eine tolle Situation für uns.“ Dennoch sei man in der ersten Hälfte unterlegen gewesen, habe große Probleme gehabt, mit der Geschwindigkeit mitzuhalten. Zunächst habe Regensburg noch ungenau abgeschlossen. „Kurz vor der Pause dann doch das 1:1.“

In der zweiten Hälfte fand Koschinat seine Elf „viel zu passiv und Regensburg hat wahnsinnig viel investiert, um dieses letzte Heimspiel hier heute zu gewinnen“. Folgerichtig die 2:1-Führung. „Parallel dazu haben sich die Ereignisse in Heidenheim überschlagen, insofern waren wir gezwungen, auch ,all in' zu gehen.“ Trotzdem sei der Ausgleich aus dem Nichts gefallen. Mit der sich abzeichnenden Niederlage der Ingolstädter seien „sehr viele Steine aus dem imaginären Rucksack gefallen“. Der Klassenerhalt war gesichert. Vielen Dank nach Heidenheim. „Wenn ich nur das Spiel betrachte, war es kein verdienter Punkt, aber wieder einmal eine sehr starke Moral, gute Comeback-Qualitäten.“

Sandhausens Trainer Uwe Koschinat versucht zu transportieren, dass die Mannschaft nach dem 2:2 der Ingolstädter noch ein Problem bekommen könnte.

Koschinat: „Ein halber Hahn ist kein Hühnchen“

In der kritischen Phase zwischen der 82. und der 86. Minute, als der Jahn 2:1 führte und Ingolstadt in Heidenheim ausgeglichen hatte, habe er versucht, die Konsequenzen in eine entsprechende Taktik umzumünzen: „Deswegen haben wir sofort umgestellt und das System etwas offensiver gemacht.“ Emotion spiele auch eine Rolle: „Ich muss der Mannschaft transportieren, dass wir da ein Problem bekommen, dass wir uns nicht auf Heidenheim verlassen sollten, sondern wirklich alles in die Waagschale werfen.“

Der Wahl-Kölner gibt dann Beierlorzer noch ein paar Tipps mit auf den Weg: „Wenn dir jemand einen halben Hahn anbietet, ist das kein Hühnchen, sondern tatsächlich ein Roggenbrötchen mit Käse. Und wenn du nach Saisonzielen gefragt wirst, machst du keinen Fehler, wenn du sagst, es köt wie et köt, dann bist du auf der richtigen Seite.“

Beierlorzer: „Danke für zwei tolle Jahre“

„Herzlichen Dank für die Hinweise“, bedankt sich Jahn-Trainer Achim Beierlorzer artig, „die werde ich mir später noch notieren.“ Zum Spiel: „Letztendlich sind wir sehr unglücklich in Rückstand geraten, die Mannschaft wollte unbedingt den eigenen Fans einen Heimsieg schenken.“ Das habe man heute gespürt, auch wenn man in der ersten Hälfte manchmal zu langsam, zu wenig entschlossen, zu ungenau gespielt habe. „Der unbedingte Wille hat dann auch dazu geführt, dass wir das 1:1 geschossen haben.“

In der Halbzeitpause habe man besprochen, diese Entschlossenheit und noch mehr Tempo auf den Platz zu bringen. „Das ist uns dann teilweise gut geglückt, deshalb sind wir auch verdient in Führung gegangen.“ In der Zweiten Liga könne man aber erst mit einem Sieg rechnen, wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hat. „So eine Standardsituation, das wussten wir, dass da gerade Behrens bärenstark ist, der da mit einer Wucht anläuft, da waren wir eigentlich darauf vorbereitet.“ Das 2:1 hätte 51 Punkte bedeutet: „Wir hatten auch noch nie 49 und das Ziel, wir wollten besser sein als letzte Saison, das haben wir erreicht, aber wir hätten natürlich schon gerne mit einem Sieg abgeschlossen.“

Beierlorzer bedankt sich für zwei Jahre, die er immer in Erinnerung behalten werde. „Die Menschen, mit denen ich hier zu tun hatte, da möchte ich mich bedanken für die Ehrlichkeit, für die Aufrichtigkeit.“ Zu seiner ungewohnten Tribünenperspektive erklärt er: „Nachdem ich der Mannschaft in der Pause erklärt hatte, wir dürfen uns auf keinen Fall mit dem Schiedsrichter beschäftigen, habe ich nach dem bösen Foul an Wastl Nachreiner so ein bisschen meine innere Ruhe verloren und habe mich dazu verleiten lassen, auf den Platz zu gehen – was ich jetzt weiß, dass ich auf keinen Fall mehr tun sollte.“

Slapstick-Führung für Sandhausen

Los geht's auf dem Platz: Förster flankt nach innen, wo Asger Sörensen den Ball zur Ecke klärt (2). Ganz unglückliche Szene von Wastl Nachreiner, der vor Pentke klären will und sich den Ball von Kevin Behrens hinter ihm wegspitzeln lässt, die Bogenlampe fällt ins Tor, 0:1 (5.). Da wäre der schnelle Ausgleich drin gewesen, Stolze stürmt in den Strafraum, Keeper Schuhen mit Fußabwehr (6.). Thalhammer wird klar am 16er weggesperrt, Schiri Martin Petersen (Stuttgart) winkt ab (7.).

Nach viel Leerlauf mal ein Abschluss von Thalhammer, noch zur Ecke abgefälscht (18.). Die dritte Ecke saust durch den Strafraum, kein Regensburger Kopf zur Stelle (19.). Nach völlig überflüssigem Ballverlust von Fein im Mittelfeld schneller Angriff, Taffertshofer verzieht unbedrängt aus 16 Metern (20.). Adrian Fein versucht's aus 20 Metern, direkt auf Keeper Schuhen (25.).

Al Ghaddioui freut sich über seinen Treffer zum 1:1.

Al Ghaddioui im dritten Anlauf

Immer wieder versucht sich der SSV durch die Mitte zu wuseln, wo Sandhausen kompakt steht. Dann schafft's Al Ghaddioui mal halbrechts in den 16 er, halb Pass, halb Schuss gut drei Meter daneben (28.). Das wär's gewesen: Konter Regensburg, genialer Pass Adamyan auf Grüttner, der den Keeper umrundet und einschiebt, Abseits (34.). Auch Thalhammer mal wieder aus 16 Metern einen Meter drüber (35.). Nächste Konterchance, Adamayan umkreist den Strafraum und verzettelt sich (37.). Konterchance auf der anderen Seite, Wooten versucht's direkt, deutlich vorbei (38.). Starker Pass von Stolze, Al Ghaddioui mit Flugkopfball um Zentimeter am rechten Pfosten vorbei (39.).

Riesenchance für den Jahn, und wieder verstolpert der SSV den Konter, Al Ghaddioui muss sich bei Stolzes Vorlage so weit strecken, dass er aus dem Gleichgewicht gerät (41.). Eine Minute später macht er es besser: Langer Pass aus dem Mittelfeld, Al Ghaddioui zieht ab, Schuhen noch dran, aber der Kracher schlägt im Kreuz ein (42.). Der Jahn kann nachlegen, Adamyan verpasst.

Al Ghaddioui mit dem Doppelpack

Zwei Großchancen für Regensburg zu Beginn von Hälfte 2: Blitzsaubere Konter, Adamyan in der Mitte ein wenig geschubst kann das präzise Ding aus fünf Metern nicht verarbeiten. Kurz darauf kommt Adamyans Flanke um ein großes Lineal zu hoch (49.). Auf der anderen Seite hat Saller Dusel, dass sein Schubser im Strafraum zum Stürmerfoul umgedeutet wird (50.).

Kuriose Ecke, Pentke läuft zu weit raus, ohne die Kugel zu fassen zu kriegen, die hüpft auf einen Sandhäuser Kopf, Aufsetzer, ein Hühnerhaufen im Tor springt orientierungslos herum, Aufsetzer übers Tor. Im Gegenzug spielt Adamyan rechts raus, präzise Flanke auf Al Ghaddioui, Kopfballaufsetzer, Schuhen etwas unglücklich, 2:1 (60.). Kasperletheater: Förster steigt unnötig hart ein, kaut dem Schiri, der Gelb zeigt, ein Ohr ab, Beierlorzer erzürnt muss auf die Tribüne: Reckaufschwung und der Jahn-Trainer ist eine Etage höher.

Erste Chance, Ecke, Tor

Erster Wechsel beim Jahn: Correia kommt für Nachreiner (69.). Langsam spitzt sich das Drama zu: Ingolstadt gleicht in Heidenheim aus – noch ein Treffer für die Oberbayern und die Sandhäuser müssen in die Relegation. Beierlorzer holt Fein vom Platz und schickt Nietfeld ins Rennen (77.). Eine Chance aus dem Nichts, Wooten aus fünf Metern, Pentke zur Ecke – Behrens stürzt sich wie ein Berserker in den Kopfball. 2:2 (86.). Ein weiteres Tor der Marke überflüssig, die Situation vor der Ecke war bereits geklärt, dann schenkt die Abwehr die Kugel nochmal ab.

In der letzten Minute noch ein Wechselzirkus, Saller steckt sich die Kugel ins Trikot, Pentke wird mit mit warmem Applaus verabschiedet. Letzte Abseitssituation im Gästestrafraum, Feierabend. Der SSV schenkt ohne Not zwei Plätze und die 50-Punkte-Marke ab, aber was soll's, Sandhausen ist gerettet, weil Heidenheim zum Schluss noch mal Gas gibt und Ingolstadt mit 4:2 in die Relegation schickt.

Applaus für den Abgang der Nummer 1: Wo Keeper Philipp Pentke nächste Saison spielt, ist noch unklar.
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