Folarin Balogun zögerte keine Sekunde und blieb in der Interviewzone von Seattle vor dem riesigen Pulk an Reportern stehen. Der amerikanische Stürmer, dessen einkassierte Sperre nach einem Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Boss Gianni Infantino zu einem WM-Skandal wurde, hatte nach der demoralisierenden 1:4-Pleite gegen Belgien tatsächlich die Größe, sich den Fragen der versammelten Weltpresse zu stellen.
„Wir haben die Entscheidung akzeptiert, als ich die Rote Karte gesehen habe, und wir haben die Entscheidung akzeptiert, als uns gesagt wurde, dass ich spielen kann“, stellte der 25 Jahre alte Fußballprofi klar. Balogun spielte beim WM-Aus im Achtelfinale sportlich schwach - und wurde an einem einzigartigen Fußball-Tag im Lumen Field trotzdem zu einem der Gewinner.
Infantino sah im Stadion zu
Nach Abpfiff unterhielt sich Balogun mit Belgiens Trainer Rudi Garcia über die Ausnahmesituation, die es in den 30 Stunden vor Anpfiff für beide Seiten zu bewältigen gab. „Er kam zu mir, das hat mir gefallen. Er ist nicht schuld. Er hat nichts falsch gemacht. Ich schätze ihn“, sagte Garcia über die Unterredung auf dem Rasen.
Der Furor der Belgier richtete sich stattdessen ausschließlich gegen die FIFA-Funktionäre um Präsident Infantino, der zwar im Stadion live dabei war, aber diesmal nicht auf den großen Videoleinwänden eingeblendet wurde.
Trump hat längst wieder andere Themen
Die USA sind bei der WM draußen, die von Trump zusätzlich befeuerte Pathos-Party hat ein jähes Ende gefunden. Doch der Skandal bleibt. Balogun hatte beim 2:0-Erfolg des US-Teams gegen Bosnien-Herzegowina die Rote Karte gesehen. Doch nachdem Trump bei Infantino angerufen hatte, annullierte die FIFA kurzerhand die Sperre, ohne dafür eine echte inhaltliche Begründung zu nennen.
„Ich habe um eine Überprüfung gebeten, weil ich nicht dachte, dass es ein Foul war“, sagte Trump auf einer Pressekonferenz im Oval Office. Während Trump in der deutschen Nacht zum Dienstag längst wieder mit anderen Themen wie der Rapperin Nicki Minaj („heiß“ und „eine gute Freundin“) sowie dem anstehenden NATO-Gipfel in Ankara beschäftigt war, ebbte die Welle der Empörung im Fußball so gar nicht ab.
Klopp: Stellt alles infrage
„Es darf nicht dazu kommen, dass Staaten eingreifen. Das geht nicht“, sagte Ex-Weltmeister Bastian Schweinsteiger während der Live-Übertragung in der ARD. Auch der designierte Bundestrainer Jürgen Klopp hatte das Vorgehen in aller Schärfe kritisiert. „Wenn das wirklich Trump und Infantino miteinander ausgemacht haben, das ist verrückt. Das stellt alles infrage“, hatte Klopp bei MagentaTV gesagt.
Weiter erklärte Klopp: „Diese beiden Menschen, die beide keine Ahnung von Fußball haben, sollten gar nichts damit zu tun haben.“ Gerade für den schwer in der Kritik stehenden Präsident Infantino dürfte das Thema längst nicht beendet sein. Schon vor dem Anpfiff war die Welle der Empörung so groß wie selten zuvor. Auch die UEFA verurteilte den Vorgang scharf und sagte, eine „rote Linie“ sei überschritten worden.
Die Leidtragenden waren am Ende vor allem die US-Profis um Balogun, die völlig verunsichert wirkten. Sinnbildlich dafür stand vor allem der krasse Aussetzer von Torhüter Matt Freese vor dem 1:3 von Hans Vanaken, das die Partie letztlich entschied. Das wichtigste Fußball-Spiel der USA seit dem WM-Viertelfinale 2002 endete in einer sportlichen Demütigung.
Ibrahimovic spricht von „Reality-Check“
Die Profis, von Kapitän Tim Ream über Tyler Adams bis zu Balogun selbst, versicherten in ihren Interviews, der Skandal und der beispiellose mediale Rummel über eineinhalb Tage habe keinerlei Auswirkung auf die Leistung gehabt. Auf dem Rasen sah das anders aus. Die USA waren im Vergleich zu ihren bisherigen Auftritten schlicht nicht wiederzuerkennen.
„Das war die schlechteste Leistung der USA, aber sie haben niemanden enttäuscht. Es war wie ein Reality-Check heute“, sagte Fußball-Kultfigur Zlatan Ibrahimovic bei Fox. Der Schwede hatte vor zweieinhalb Wochen noch behauptet, das Team von Mauricio Pochettino habe das Zeug zum Weltmeister. Vor 66.925 Fans in Seattle bekamen die USA aufgezeigt, wie weit sie tatsächlich von der Weltspitze entfernt sind.
Zwei Tore von „König Charles“
Ein Freistoßtor von Malik Tillman (31. Minute) war viel zu wenig, denn Belgien zeigte seine beste Leistung im Turnier. Nach zwei Toren von Charles De Ketelaere (9./33.) sowie Treffern von Vanaken (57.) und Romelu Lukaku (90.+3) wartet nun im Viertelfinale am Freitag (21.00 Uhr/MESZ) in Inglewood bei Los Angeles Europameister Spanien auf die Belgier. De Ketelaere hatte in den bisherigen WM-Spielen durchweg enttäuscht und wurde aus dem Nichts zu „König Charles“.
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Gemessen daran, wie viel auf Balogun innerhalb kurzer Zeit eingeprasselt war, wirkte der Stürmer von AS Monaco erstaunlich reflektiert und besonnen. „Heute haben wir den Fans nicht viel gegeben, über das sie hätten jubeln können. Das ist das Enttäuschende, dass wir vier Jahre warten müssen“, sagte Balogun. 2030 steigt die WM in Spanien, Portugal und Marokko. Dazu sind drei Eröffnungsspiele in Argentinien, Paraguay und Uruguay geplant.
Balogun selbst hatte immerhin den Freistoß zum 1:1 herausgeholt, kurz vor der Halbzeit aber eine riesige Chance zum 2:2 vergeben. Kurz vor dem Schlusspfiff wurde er ausgewechselt, die Partie war da längst entschieden. Und die US-Fans, die wochenlang in ihrer Begeisterung für „Soccer“ aufgingen, verließen zügig die Arena. Die meisten wirkten nicht traurig oder geknickt. Eher so, als ob man die unterhaltsamen WM-Wochen recht schnell abhaken könne.
Belgien spottet: „Macht das mal rückgängig“
Belgien hingegen darf nach einer reifen Leistung weiter auf den ganz großen Wurf hoffen, nachdem die WM beim 3:2 nach 0:2-Rückstand im Sechzehntelfinale gegen Senegal eine Runde zuvor quasi beendet schien. „Ich möchte den USA zu einer guten WM gratulieren, sie waren gut, unabhängig von diesem letzten Spiel“, sagte Trainer Garcia ohne jeden Anflug von Genugtuung.
Die kleinen Spitzen an einem besonderen Fußball-Tag setzten andere. Die Profis um Torschütze Lukaku, die nach dem 4:1 in der Nachspielzeit einen Tanz aufführten, der durchaus als Imitation des US-Präsidenten Trump verstanden werden konnte. Und der Verband, der nach Schlusspfiff genüsslich ein Bild des jubelnden Lukaku mit einer Hand am Ohr bei X postete, und dazu schrieb: „Macht das mal rückgängig.“
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