10.07.2020 - 15:39 Uhr
Sulzbach-RosenbergSport

Wagners Erinnerungen: Als sich der 1. FC Nürnberg quasi zum Aufstieg streikte ...

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Am Samstagabend kämpft der 1. FC Nürnberg nochmal ums sportliche Überleben in der 2. Bundesliga. Die Chancen auf den Ligaerhalt stehen gut. Es gibt einen Oberpfälzer, der hat mit dem Traditionsverein ganz andere Zeiten erlebt.

Norbert Wagner mit einem Club-Magazin von 1984. Damals wurde der junge Oberpfälzer den Fans vorgestellt. Bild: mr
von Josef Maier Kontakt Profil

Die Streikenden trugen keine Westen oder schwenkten Fähnchen, die Streikenden steckten in Fußballklamotten. Die ganze Geschichte ist bisher wohl einmalig im deutschen Profifußball. Die Kicker des Zweitligisten 1. FC Nürnberg verweigerten an einem Tag im Oktober 1984 das Training, sie wollten den ungeliebten Trainer Heinz Höher loswerden. Der Verein um Präsident Gerd Schmelzer zog die Konsequenzen – und warf nicht den Trainer, sondern die sechs Rädelsführer, darunter so bekannte Namen wie Torhüter Rudi Kargus, Horst Weyerich oder den Ex-Bayern Udo Horsmann raus.

Mit unter den Streikenden war auch Norbert Wagner, der Sulzbacher, der erst wenige Monate zuvor zum großen Club gekommen war. „Wir haben dann eine mündliche Abmahnung bekommen“, erzählt der grinsend. Danach ging’s weiter – und wie. Eine der vielen Geschichten, die der 59-Jährige im Profifußball erlebt hat.

Lob für Patrick Erras

Die wehenden langen Haare von damals hat der Mann aus Großenfalz immer noch, doch vieles ist anders geworden: „Ich schaue nur noch wenig Fußball“, sagt er, als er vor einem Cafe in Amberg über seine Karriere und den aktuellen Zustand des 1. FC Nürnberg plaudert. „Das Spiel gegen Ingolstadt habe ich nur in Ausschnitten gesehen.“ Diesen 2:0 Hinspiel-Sieg in der Relegation. „Der Club hat verdient gewonnen und er wird auch den Klassenerhalt schaffen. Da bin ich ganz sicher.“ Und dann ergänzt er vor dem Rückspiel am Samstag (18.15 Uhr/ZDF) ernst: „Die dritte Liga wäre für den Club eine Katastrophe.“ Seinen Oberpfälzer Nachfolger im Dress der Franken, Patrick Erras, verfolgt er ein bisschen genauer: „Er ist ein guter zentraler, defensiver Mittelfeldspieler.“ Es sei nur schade gewesen, dass er durch seine schwere Knieverletzung so lange ausgefallen sei. Das Comeback des Raigeringers nötigt Wagner einen Riesenrespekt ab: „Nach so einer Verletzung kommen nicht viele wieder so zurück.“ Gerne würde er es auch sehen, wenn der Club wieder mehr auf eigene Talente setzen würde.

Kein Kontakt mehr zum Club

All die schlechten Vorstellungen während der Saison, den Absturz in der Liga, das hat Wagner, der gelernte Landwirt und Gastronom, eher am Rande mitbekommen. Er hat wieder viel in seiner Gastwirtschaft zu tun, auch im Tanzsaal dürfte nach den Corona-Lockerungen bald wieder Leben einkehren. „Kontakt zum Club gibt es keinen“, sagt er. Da verfahre der FCN nun mal anders als der FC Bayern, der ehemalige Spieler mit einbinde. Sauer ist er deswegen nicht. Er hatte auch erst einmal genug vom Fußball, als er beim damaligen Landesligisten SV Neusorg die Karriere beendete.

Schafkopfen mit Manni Schwabl

Einige Kontakte zu ehemaligen Mitspielern hat er sich dennoch bewahrt. Etwa zum Bundestorwart-Trainer Andi Köpke, mit dem er lange zusammenspielte. Und vor allem zu Manfred Schwabl. „Letztes Jahr haben wir uns mal auf dem Clubgelände getroffen“, erzählt Wagner und bekennt dann: „Der Manni war ja mein Zockkumpan beim Schafkopfen.“ Früher waren die Profis noch viel mit dem Bus unterwegs. „Da haben wir immer Schafkopf gespielt.“ Er, Schwabl, Dieter Eckstein und das „Nordlicht“ Joachim Philikowski. Den einstigen Mannschaftsarzt Dr. Klaus Haage besucht Wagner auch ab und an.

Norbert Wagner beim offiziellen Fototermin des 1. FC Nürnberg am 7. Juli 1987.

Auch der Doc sah immer zu, wie Wagner, dem sie in Nürnberg den Spitznamen „Katsche“ verpassten, auf der linken Seite rauf und runter sauste, und kernige Zweikämpfe führte. „Der Name Katsche kommt übrigens nicht von Katsche Schwarzenbeck“, erklärt Wagner. „Den Namen hat mir mal Roland Grahammer verpasst.“ Die Katschow-Grätsche am Reck im Turnen ist weltberühmt. Schnell war der grätschende „Katsche“ Wagner geboren. In der Jugend des TV Sulzbach hatte er sich schon die Wettkampfhärte geholt, später auch beim Bayernligisten 1. FC Amberg, wo er vier Jahre lang zusammen mit seinem Bruder Sepp spielte. Norbert dirigierte das Spiel, der zwei Jahre ältere Sepp traf vorne, wie er wollte. Dann sah Club-Talentspäher Fritz Popp Norbert Wagner. Das Probetraining in Nürnberg lief sehr gut. „Mein großes Plus war mein Ehrgeiz“, blickt der Rackerer zurück. „Mit Talent allein erreichst du nichts.“ Das gelte auch für seinen Jüngsten Pascal, sagt der Vater dreier Kinder. Der Junior kickt beim FC Amberg in der C-Jugend. „Ich hoffe, dass er mal besser wird als ich“, sagt der Papa lachend. Mama Claudia ist nahezu bei jedem Spiel dabei. Druck übt Wagner nicht aus. „Er hat Talent, aber er soll erst mal hier weiterspielen.“ Jungs schon früh in Leistungszentren bei Proficlubs zu geben, davon hält er nicht viel. „Ich war auch lange beim TV Sulzbach.“

Der Bericht zum Relegations-Hinspiel gegen den FC Ingolstadt

Nürnberg

Trotzdem gab es den großen Sprung zum Club: „Wir waren nach dem Streik eine junge, hungrige Mannschaft damals“, blickt Wagner nochmal auf den Oktober 1984 zurück. Spieler wie Stefan Reuter oder Roland Grahammer wurden ins Team eingebaut. Mit Trainer Höher, der im Herbst vergangenen Jahres verstorben ist, hatte Wagner dann auch keine Probleme. „Er war sehr wortkarg“, charakterisiert der Oberpfälzer den Mann aus dem Ruhrpott. „Aber er hat uns immer glänzend eingestellt.“ Der Club marschierte noch durch und stieg am letzten Spieltag mit Wagner in die Bundesliga auf. „Wir haben da 2:0 gegen Hessen Kassel gewonnen“, erinnert er sich an diesen Tag im Juni 1985. Das waren noch Club-Zeiten ...

Nicht nur der Club in der Vita:

Die Karriere von Norbert Wagner

Norbert Wagner aus dem Sulzbacher Stadtteil Großenfalz wurde am 12. April 1961 geboren und begann beim TV Sulzbach das Fußballspielen. Dort spielte er auch noch das erste Jahr im Aktiven-Alter in der Bezirksliga, ehe es 1980 hinüber ging zum Bayernligisten 1. FC Amberg, der auch von Steff Reisch trainiert wurde. Im Jahr 1984 erfolgte der Wechsel zum 1. FC Nürnberg, für den Wagner ein Jahr in der 2. Bundesliga und vier Jahre in der Bundesliga kickte. Insgesamt bestritt er 108 Erstligaspiele und etwa 60 in der 2. Bundesliga. In dieser Liga spielte Wagner nämlich nochmal, nach seinem Wechsel 1989 zu Blau-Weiß Berlin. 1991 wechselte er für ein Jahr zum Bayernligisten SpVgg Bayreuth, ab 1992 kehrte er für zwölf Monate zu den Club-Amateuren zurück. Zum Abschluss seiner Karriere lief der Linksfuß noch zwei Jahre beim damaligen Landesligisten SV Neusorg auf.

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