27.11.2020 - 13:07 Uhr
Waldau bei VohenstraußSport

Über 400 m Hürden zum Sensationssieg: Als Sylvia Staab im Juli 1981 den Nagel auf den Kopf traf

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Als Kind übte die kleine Sylvia fleißig an Turngeräten. Doch dann wurden für diesen Sport die Beine zu lang. Sie sattelte kurzerhand um und entwickelte sich zu einer brillanten Hürdenläuferin. Ein Datum bleibt besonders in Erinnerung.

Die damals 18-jährige Sylvia Nagel jubelt an der Stätte ihres größten Erfolgs: Am 19. Juli 1981 wurde die in Waldau bei Vohenstrauß aufgewachsene Leichtathletin in Gelsenkirchen Deutsche Meisterin über 400 Meter Hürden. Statt Nagel heißt die jetzt 57-Jährige mit Nachnamen Staab und lebt in Großostheim bei Aschaffenburg.
von Alfred Schwarzmeier Kontakt Profil

Es kommt nicht oft vor, das Sylvia Staab an vergangene, sportliche Triumphe zurückdenkt. An jene Zeiten vor rund 40 Jahren, als sie als junges Mädchen unter ihrem Mädchennamen Sylvia Nagel in Waldau bei Vohenstrauß aufwuchs und beim TV Vohenstrauß zu einem Laufjuwel heranreifte.

Bisweilen packt die 57-Jährige, die zusammen mit Ehemann Elmar seit langem in Großostheim bei Aschaffenburg lebt, jedoch der Rappel. Dann holt sie die Utensilien vom Dachboden, die ihre Erfolge belegen. Bayerische und deutsche Meisterschaften, Junioren-Europameisterschaft, Länderkämpfe. "So etwas vergisst man nicht", sagt Staab und gesteht: "Wenn ich die Zeitungsausschnitte und Urkunden anschaue, kommen bei mir wahnsinnige Emotionen hoch. Viele positive, aber auch einige wenige negative. Der ganze Aufwand war ja auch mit viel Verzicht verbunden."

Die Kehrseite des Sports war an jenem Sonntag am 19. Juli 1981 jedoch kein Thema. Im weiten Rund des Gelsenkirchener Parkstadions erwarteten damals einige Tausend Zuschauer bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften den Startschuss zum Endlauf über die 400 Meter Hürden. Über die designierte Siegerin gab es auf den Rängen kaum Debatten. Dreimal in Folge hatte Sylvia Hollmann vom OSC Thier Dortmund zuletzt den nationalen Titel über die Rundendistanz geholt. Und auch diesmal galt die EM-Silbermedaillengewinnerin von 1978 als klare Favoritin.

"Die Konkurrenz war wirklich hochkarätig. Da waren welche aus dem Olympiakader dabei", erinnert sich Staab. Mit der Nummer 172 stand sie an der Startlinie, sah sich selbst als krasse Außenseiterin. "Ich war froh, es überhaupt in den Endlauf geschafft zu haben. Ich hatte keine Erwartungen an das Rennen." Deutlich optimistischer war das Umfeld der 18-Jährigen. Ihr Vater Klaus tippte im Vorfeld auf Rang drei und Siegmund Balk, Trainer der damals überaus erfolgreichen Mittelstreckler der DJK Weiden, lehnte sich noch weiter aus dem Fenster. "Sylvia holt den Titel", lautete sein Tipp.

Mit dem Hochleistungssport hat Sylvia Staab längst abgeschlossen. Die Erfolge als Läuferin sind aber nicht aus dem Gedächtnis gestrichen.

Solch optimistische Prognosen hörte die von Heimtrainer Max Pflaum betreute Athletin des TV Vohenstrauß nicht gerne. "Ich war bei jedem Rennen ein Nervenbündel", gibt Staab zu. Ein vermeintliches Handicap geriet jedoch zum Vorteil. "Ich hatte die Innenbahn, die eigentlich unter Läuferinnen sehr unbeliebt ist. Ich habe diese Bahn aber geliebt, weil ich wahnsinnig gut Kurven laufen konnte."

Und der Trumpf stach. "Ich hatte alle vor mir, schnell die erste Läuferin eingeholt, dann die zweite", erinnert sich Staab, die auf diese Weise das gesamte Feld einsammelte. Auf der Zielgeraden nutzte sie dann ihre Chance, überholte ohne Respekt die schwächelnde Titelverteidigerin Sylvia Hollmann und stürmte als Überraschungssiegerin ins Ziel. "Das war eine Sensation. Die Hollmann war so enttäuscht, dass sie zur Siegerehrung gar nicht auftauchte", freut sich Staab auch knapp 40 Jahre später noch diebisch über ihren Coup. "Dass ein so junger Hüpfer wie ich gewonnen hat, konnte sie nicht verkraften."

In der Heimat war nach dem Zieleinlauf die Hölle los. "Waldau und halb Vohenstrauß standen Kopf. Es gab einen Riesenbahnhof für mich", beschreibt Staab die Siegesfeiern. Gefühlt jeder Waldauer schüttelte der deutschen Meisterin die Hand, das Schulterklopfen wollte kein Ende nehmen. "Dabei war ich ja der eher schüchterne Typ. Ich dachte mir nur: Oh je, jetzt hat jeder die Wahnsinnserwartung, dass ich nächstes Jahr den Titel verteidige."

So schön der Gewinn des nationalen Titels auch war, ein bisschen ärgert sich Staab aber, dass sie fast nur auf diesen Wettkampf angesprochen wird. "Ich war als Leichtathletin ein Naturtalent und ein Allrounder. Lediglich im Kugelstoßen war ich eine Niete." Ein super Rennen lieferte Staab dann noch einmal 1982 ab. Nachdem sie in Aschaffenburg eine Ausbildung zur Bankkauffrau angetreten hatte, wurde sie im Trikot der LAV Aschaffenburg-Stadt deutsche Vizemeisterin bei den Juniorinnen und stellte dabei mit 57,56 Sekunden eine persönliche Bestzeit über 400 Meter Hürden auf.

Das war's dann mit dem Spitzensport. Ein Jahr später hängte Staab von einem Tag auf den anderen die Spikes an den Nagel. "Ich hatte keine Lust mehr nach so vielen Jahren Hochleistungssport", lautet ihre ebenso einfache wie schlüssige Erklärung. Alle Versuche, sie umzustimmen, blieben erfolglos. "Ich bin so viel gelaufen, das reicht fürs Leben." Und was ist mit Sport als Hobby? Ein kurzer Waldlauf? Eine wöchentliche Gymnastikstunde? "Nein", winkt Staab ab. "Ich mache gar keinen Sport mehr. Mir geht's trotzdem gut. Ich genieße meine Freizeit und das Leben."

Hintergrund:

Zur Person

Sylvia Staab, geb. Nagel, ist am 23. Januar 1963 in Weingarten/Baden-Württemberg geboren

1975 Umzug von Murnau/Oberbayern nach Waldau bei Vohenstrauß, dort Besuch der Realschule

1981 Umzug nach Aschaffenburg und Ausbildung als Bankkauffrau, später Chefsekretärin bei der Raiffeisenbank

Verheiratet; Wohnort: Großostheim bei Aschaffenburg

Vereine

TV Vohenstrauß 1975 bis 1981

LAV Aschaffenburg-Stadt 1981 bis 1983

Sportliche Erfolge (Auszug)

Bayerische Schüler-Meisterin im Hochsprung (1,65 Meter/1977)

Bayerische Jugend-Meisterin über 200 Meter (24,8 Sek./1979)

Bayerische Hallenmeisterin über 400 Meter (58,13 Sek./1980)

Deutsche Meisterin über 400 Meter Hürden (58,78 Sek./1981)

Deutsche Jugendmeisterin über 400 Meter (1981)

Deutsche Junioren-Vizemeisterin über 400 Meter Hürden (57,56 Sek./1982)

Junioren-EM: Fünfte über 400 Meter Hürden (1981)

Junioren-EM: Bronze mit der 4 x 400-Meter-Staffel (1981)

Mitglied des Bayernkaders und des Nationalkaders

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.