14.11.2019 - 15:07 Uhr
WaldsassenSport

Ghost-Fahrerin Anne Terpstra hat Olympia in Tokio im Visier

Sie ist Holländerin, ist viele Wochen im Jahr auf der ganzen Welt unterwegs, freut sich aber jedesmal, wenn sie wieder nach Waldsassen kommt. Warum das so ist, verrät Anne Terpstra, die den Olympischen Spielen entgegenfiebert, im Interview.

Anne Terpstra bei der Zieldurchfahrt in Andorra. Es war ihr erster Weltcupsieg.
von Armin Eger Kontakt Profil

Waldsassen. Tausende von Kilometern legt Anne Terpstra, die für das Ghost Factory Racing Team Jersey im Mountainbike-Cross-Country-Weltcup startet, jährlich auf ihrem Mountainbike zurück. Zum Interview-Termin kommt die 28-Jährige aber mit dem E-Bike. „Die Fahrten in der Stadt und die Erledigungen mache ich gerne mit dem E-Bike. Hier ist es doch sehr hügelig“, lacht sie. Aufgewachsen ist Terpstra nämlich in Holland.

Mit 12 Jahren begann sie mit dem Mountainbiken, fuhr auch regelmäßig kleinere Rennen. Als Juniorin startete sie bei internationalen Cross-Country-Meisterschaften. Nach der Schule kam nebenbei noch das Studium und der Bachelor Abschluss in Medizin hinzu. 2013 ist die Holländerin ins Profilager gewechselt und seit 2016 fährt sie für das Ghost-Team aus Waldsassen.

ONETZ: Die Saison ist vorbei. Sind Sie mit Ihrem Abschneiden zufrieden?

Anne Terpstra: Das war meine bisher erfolgreichste Saison überhaupt. In Andorra feierte ich meinen ersten Weltcupsieg, es war der erste Weltcupsieg einer Holländerin, im Gesamtklassement wurde ich Vierte. Dazu kommen zwei zweite, zwei siebte und ein zwölfter Platz. Wenn man als Erster unter dem Zielbogen durchfährt, ist das schon der Hammer. Das ist mega-geil.

Anne Terpstra hat eine beeindruckende Saison hinter sich. Sie freut sich schon jetzt auf Olympia 2020 in Tokio.

ONETZ: Hatten Sie sich bestimmte Ziele für diese Saison gesetzt?

Anne Terpstra: Ich wollte in diesem Jahr einmal auf dem Podest stehen. Das hat schon beim ersten Weltcup in Albstadt geklappt, als Fünfte. Aber es hat mich viel Energie gekostet. Ich war danach unheimlich fertig. Ich habe daraus gelernt, dass ich, wenn mehrere Rennen hintereinander anstehen, das anders angehen muss. Mit diesem Wissen bin ich nach Andorra gefahren, ganz entspannt. Ich habe zwar alles gemacht, was ich machen musste, habe aber auch versucht, Energie zu sparen. Und es hat gut funktioniert.

ONETZ: Die Olympia-Qualifikation ist ja jetzt unter Dach und Fach ...

Anne Terpstra: Ja, es war kompliziert. Der holländische Verband gibt vor, dass man sich neben der WM und EM vier Rennen aussuchen kann, um die Qualifikation zu schaffen. Voraussetzung sind einmal Top 6 oder zweimal Top 12. Albstadt hätte also als Fünfte gereicht, hatte ich aber nicht gewählt, weil mir das zu früh in der Saison war. Andorra auch nicht, weil ich in der Höhe noch nie Leistung abgeliefert hatte. Die Leute haben das nicht verstanden, dass ich damit nicht bei Olympia dabei sein sollte.

Die Ghost-Fahrerin Anne Terpstra fühlt sich inzwischen auf jedem Terrain wohl.

ONETZ: Wie haben Sie es dann doch noch geschafft?

Bei der WM wurde ich Vierte und habe damit alles klar gemacht. Ich bin froh, dass es so deutlich war und ich schon im August Gewissheit hatte. Also fast ein Jahr vor Tokio. Das bringt mir viel Ruhe in den Wintermonaten, weil ich nicht mehr dran denken muss.

ONETZ: Sie haben die Olympiastrecke im Oktober schon testen dürfen.

Anne Terpstra: Ja, aber keiner hatte mehr Bock, so weit zu reisen. Die Motivation war nach der langen Saison schon etwas weg. Das Rennen war nicht so wichtig für uns. Die Infos über die Strecke, über das Olympische Dorf und wo wir trainieren können aber umso mehr. Ich habe viel Zeit auf der Strecke verbracht. Das Rennen ist überraschend gut gelaufen und ich wurde Dritte. Für den Veranstalter war das eine Art Generalprobe. Es hat sich alles schon wie Olympia angefühlt.

ONETZ: Also scheint Ihnen die Strecke zu liegen?

Anne Terpstra: Die Anstiege sind zwar gering, aber unheimlich steil. Ich werde ein Kettenblatt mitnehmen, das zwei Zähne weniger hat, das habe ich bisher noch nie gebraucht. Diese Steilheit und danach die Flachpassagen sind für mich neu. Die Downhills sind nicht super, super schwierig, aber man muss präzise fahren. Wenn es trocken ist wird die Beste gewinnen. Wenn es nass ist bin ich nicht sicher, ob es ein gutes Rennen wird. Der Dreck bleibt dann kleben und du fährst ein 25-Kilo-Radl.

ONETZ: Sie waren vor vier Jahren schon bei Olympia dabei.

Anne Terpstra: Ich wurde bei der EM damals nur Elfte, 15 Sekunden haben mir für die Qualifikation gefehlt. Aber nachdem eine Russin, die Siebte war, nachträglich disqualifiziert wurde, erhielt ich nach langem Hin und Her den Startplatz. Dreieinhalb Wochen vorher habe ich davon erfahren. Wir sind vom Weltcup in Kanada direkt nach Rio geflogen. Ich hatte die Enttäuschung schon verarbeitet und keine Zeit zum Nachdenken. Das war genau das, was ich gebraucht habe. Obwohl ich nicht vorbereitet war, war der 15. Platz das beste Ergebnis des Jahres.

ONETZ: Sabine Spitz wurde 2008 in Peking Olympiasiegerin mit einem Ghost-Bike. Hat man das im Kopf?

Anne Terpstra: Überhaupt nicht. 2008 bin ich noch nicht einmal internationale Rennen gefahren. Das war alles noch weit weg. Aber ich weiß noch, dass ich aufgestanden bin und mir das Rennen angeschaut habe.

ONETZ: Ihr Ziel für Tokio?

Anne Terpstra: So schnell wie möglich Radfahren. Das ist mein Ziel bei jedem Rennen.

ONETZ: Bleibt das Rad nach der Saison für einige Wochen stehen?

Anne Terpstra: Ich würde gerne mal nicht auf das Rad steigen, das braucht mein Kopf einfach. Aber wir hatten nach Saisonende viel zu tun. Unter anderem stand ein Techniktraining und ein Kidscamp an, zwei Tage besuchten wir einen Sponsor in Italien. Und ich wollte ein Cyclo-Crossrennen in München fahren. Es hat sich also nicht wie Ruhe angefühlt. Letzte Woche habe ich wieder mit dem Training angefangen. Aber mit meinem Trainer habe ich ausgemacht, wenn ich keinen Bock habe, fahre ich nicht. Aber das passiert selten.

ONETZ: Laufen die Trainingsvorbereitungen für 2020 diesmal anders ab?

Anne Terpstra: Nein. Mein Trainer wird aber einen speziellen Trainingsplan für die Strecke in Tokio ausarbeiten. Ich werde woanders vielleicht nicht so gut sein. Wichtig ist aber, dass es am 28. Juli 2020 bei Olympia passt.

ONETZ: Und was ist in den nächsten Wochen geplant?

Anne Terpstra: Ich werde meine Familie besuchen, ich war schon lange nicht mehr da. Dann werde ich ein paar Crossrennen nur zum Spaß fahren und im Januar geht es ins Trainingslager in die Wärme. Anfang Februar bereite ich mich in Südafrika auf die Saison vor. Ich möchte beim Cape Epic starten, das ist ein Etappenrennen über acht Tage. Danach liegt die Vorbereitung darin, das in Spritzigkeit umzusetzen, die man für den Cross Country braucht.

ONETZ: Sie haben gesagt, dass Sie gerne in Waldsassen sind und dass für Sie die Gegend schon zur Heimat geworden ist?

Anne Terpstra: Ich bin hier trainingsmäßig richtig verwöhnt. Ob Grundlage, Technik, kurze oder lange Intervalle, es gibt hier für alles die perfekte Location. Alles vor der Haustüre direkt in Waldsassen oder im Fichtelgebirge. Das ist Luxus. Zudem habe ich mich auf Steinen enorm verbessert. Ich bin, wenn ich nicht bei Rennen bin, immer in Waldsassen. Da ich soviel unterwegs bin, möchte ich nicht noch extra reisen. Ich fühle mich in Waldsassen sehr wohl. Es ist echt fein, wenn man hierher heimkommt und man kann in den Wald fahren und trifft zwei Stunden keinen Menschen.

ONETZ: War es die richtige Entscheidung, 2016 zu Ghost zu gehen?

Anne Terpstra: Als ich zu Ghost gekommen bin, war ich gut, und habe auch gute Ergebnisse gebracht. Aber ich war zwei Schritte weg von da, wo ich jetzt bin. Das, was ich jetzt leiste ist ein Produkt von mir, aber ein Großteil vom Ghost-Team und von dem Rad, das ich fahre. Ich bin hier gewachsen, auch mental. Ich habe Ghost vorher nicht gekannt, habe aber gedacht, es könnte passen. Und ich bereue nichts.

ONETZ: Das gesamte Renn-Team ist ja unheimlich stark ...

Anne Terpstra: Ja, es hängt nicht nur von einer Person ab. Das Gefühl, dass alle es gut machen, motiviert. Es gibt keinen Neid. In Lenzerheide habe ich es geschafft, mit Sina Frei (Anm.: eine von fünf Fahrerinnen des Ghost-Teams) auf dem Podium zu stehen. Und auch Physiotherapeut und Mechaniker stehen mit da oben. Das ist so schön und so wichtig.

ONETZ: Ein Blick in Zukunft.

Anne Terpstra: Ich denke viel darüber nach. Ich fahr kein Rad, weil ich so lange wie möglich Profiradfahrerin sein will. Mir ist bewusst, dass es noch andere Sachen im Leben gibt. Aber solange ich am Rad sitze, ist keine Zeit dafür. Wenn der Moment da ist, werde ich die richtig Entscheidung treffen. Ich weiß nicht, wann das sein wird.

ONETZ: Werden Sie weiter für Ghost fahren?

Anne Terpstra: Nachdem 2019 mein bestes Jahr war, gibt es keinen Grund, dass ich 2020 aufhöre. Was ich reinstecken muss, um Ergebnisse zu erzielen, kostet allerdings viel Kraft und Energie. Motivation ist wichtig, wenn die nicht da ist, kannst du zwar Rennen fahren, aber es macht keinen Spaß. Ich habe noch genügend Motivation und wäre total unglücklich, wenn ich jetzt aufhören müsste.

ONETZ: Privat läuft es ja auch gut bei Ihnen ...

Anne Terpstra: Ich bin mit Tom (Anm.: Thomas Wickles ist Racing-Team-Manager bei Ghost) seit August 2016 zusammen. Wir sind oft zusammen unterwegs am gleichen Ort und haben immer ein bisschen Zeit für uns. Das macht es für mich soviel leichter. So habe ich auch unterwegs ein bisschen ein Zuhause-Gefühl.

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