23.12.2018 - 10:13 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Boxenstopp beim Boxing Day

"You'll never walk alone" statt "Stille Nacht, heilige Nacht": Während die meisten hierzulande ihren Gänsebraten verdauen, jagen die Fußballer in England am zweiten Weihnachtsfeiertag dem runden Leder nach. Mittendrin: drei Oberpfälzer.

Am Boxing Day (zweiter Weihnachtsfeiertag) geht es in Englands Stadien zur Sache.
von Fabian Leeb Kontakt Profil

Am frühen Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages bricht Patrick Bauer auf. Gemeinsam mit einem Kumpel geht es von Frankfurt in Richtung des Londoner Flughafens Heathrow. Und wenn daheim in der Oberpfalz gerade der dritte Teil des weihnachtlichen Festschmauses vonstatten geht, sitzt der Neusorger (Kreis Tirschenreuth) bereits im Craven Cottage: Um 12.30 Uhr wird dort am Boxing Day die Premier-League-Partie des FC Fulham gegen die Wolverhampton Wanderers angepfiffen.

"Seit 2012 bin ich etwa 15 Mal in England gewesen. Oftmals mit einem oder zwei Freunden, aber auch schon mal alleine. Mir gefällt es auf der Insel einfach", sagt der 28-Jährige, der im familiären Handwerksbetrieb tätig ist. Bauer würde sich selbst als Groundhopper bezeichnen, der ganzjährig von Fußballplatz zu Fußballplatz tingelt - völlig unabhängig von der Liga. Der weihnachtliche England-Trip stellt stets den Höhepunkt der Stadien-Tour dar. Die Planungen starten bereits früh: "Wenn im Juli die Spielpläne der ersten vier englischen Ligen veröffentlicht werden, schauen wir, welche Partien für uns infrage kommen, wo erscheint es realistisch, an Tickets zu kommen und welche Tour lässt sich am ehesten kombinieren."

Fußball trifft Eishockey

Beim aktuellen Trip steht am zweiten Feiertag abends noch die Partie FC Watford gegen den FC Chelsea auf dem Programm. Bis zum Rückflug am 2. Januar folgen die Spiele Brighton Hove&Albion gegen den FC Everton sowie Charlton Athletic gegen Walsall FC in der drittklassigen League One. Neben dem Fußball sind Bauer und seine Begleiter große Eishockey-Fans, die bei fast allen Spielen der Blue Devils Weiden zugegen sind und auch schon des öfteren ins tschechische Karlsbad pilgern, um dort Eishockey-Spielen in der ersten Liga beizuwohnen. "Seitdem die Autobahn-Maut bis nach Karlsbad weggefallen ist, lohnt sich so ein Abstecher immer wieder mal. Ein Ticket für acht Euro ist selbst in der Oberliga in Weiden Utopie."

Und so hat Bauer, der die Trips stets detailliert plant und koordiniert, auch zwei Eishockey-Spiele ins England-Programm 2018/19 mit aufgenommen. Sheffield Steelers gegen Nottingham Panthers und Guilford Flames gegen die Cardiff Devils runden den Trip ab. "Die englische Eishockey-Liga bewegt sich vom Niveau her zwischen der deutschen DEL und der DEL2", glänzt Bauer mit Insiderwissen. Bevor er sich um Tickets kümmert, genießen bei Bauer die Flug- und Hotelbuchungen Priorität. "Je früher, desto günstiger", lautet seine Prämisse. In diesem Jahr legen Bauer und sein Mitstreiter je knapp 800 Euro hin. Für die Tickets zu vier Fußball- und zwei Eishockeyspielen sowie für Hotel- und Parkplatzgebühren und den Transfer durch England per Bahn. Mit 76 Euro je Ticket ist es in Fulham am teuersten.

Familiäre "Pflichten"

Auf früheren Reisen gingen mit dem Ticketkauf auch schon mal ungewöhnliche Begleiterscheinungen einher. "Wir kaufen Tickets nie vom Schwarzmarkt, immer über den offiziellen Homepage-Verkauf der Vereine. Bei Manchester United und bei Arsenal London muss man etwa erst Vereinsmitglied werden, um Eintrittskarten für Heimspiele kaufen zu können. So bin ich bei beiden Vereinen nun Mitglied." Immerhin läuft diese Mitgliedschaft nach einem Jahr automatisch wieder aus.

Und was sagt die Familie zum außergewöhnlichen Weihnachtshobby? "Ich komme allen familiären 'Pflichten' an Heiligabend und am ersten Feiertag nach, so kann ich ruhigen Gewissens am 26. Dezember losfliegen." Da der familiäre Handwerksbetrieb "zwischen den Jahren" ohnehin Betriebsurlaub hat, "bietet sich dieser Trip förmlich an". Bislang hat der Neusorger "erst 30 Stadien in den ersten vier englischen Ligen besucht": Als Langzeit-Ziel schwebt Patrick Bauer der Besuch aller 92 Profi-Stadien auf der Insel vor. Da müssen noch einige Boxing-Day-Trips folgen.

Dauergast an der Anfield Road

Der weihnachtliche Besuch beim Papa in Köln hat sich für Marco Klünter ausgezahlt. Der 18-jährige Auszubildende zum Medienkaufmann aus Pechbrunn (Kreis Tirschenreuth) hat am Boxing Day stets die Spiele in der Premier League verfolgt, bis sein Vater einmal sagte: „Da müssen wir hin.“ Gesagt, getan: Zwar nicht am Boxing Day selbst, aber am 29. Dezember reisen die Klünters zum Kracher FC Liverpool gegen Arsenal London. Es wird der vierte Besuch an der legendären Anfield Road seit 2016. „Allein die drei Minuten, in denen vor dem Spiel ‚You’ll never walk alone‘ ertönt, sind das Eintrittsgeld und die Strapazen wert“, schwärmt Klünter junior.

An Eintrittskarten kommen die beiden über schwedische Tickethändler. „Die besitzen 50 oder 60 Dauerkarten beim FC Liverpool. Wir haben sie auf einer Zugfahrt kennengelernt, als wir den FC Liverpool 2015 zu einem Auswärtsspiel beim FC Burnley begleitet haben.“ Seitdem sei der Kontakt dank Whatsapp nie abgerissen und der Weg zu den begehrten Karten kurz. Um den horrenden Flugticket-Preisen zu entgehen, wenden die Klünters einen Trick an. „Wir fliegen für etwa 20 Euro von Köln zunächst nach Manchester und fahren für weitere zehn Euro per Zug nach Liverpool. Der Direktflug würde rund 1000 Euro kosten.“

Eigentliches Ziel: Darts-WM

Für Benedikt Eckert, 25-jähriger Gemeindereferent aus Amberg, und seine Kumpanen war eigentlich die Darts-WM im legendären Alexandra Palace das Ziel. „Aber wenn wir zu dieser Zeit eh schon in London sind, schauen wir uns am 29. Dezember gleich noch die Partie FC Fulham gegen Huddersfield Town an“, sagte Eckert. Dort war es relativ unkompliziert an Tickets zu kommen – ganz im Gegenteil zur Darts-WM: „Innerhalb von zwei Minuten waren im Online-Verkauf sämtliche Tickets weg. Wir aber hatten Glück und haben welche für die Halbfinals am 30. Dezember ergattert.“ Der Bayern-Fan zahlt in der Allianz-Arena ansonsten 20 Euro für einen Stehplatz, in Fulham legt er für das „Erlebnis Premier League“ gerne 40 Pfund fürs Ticket hin. „Ich glaube dort wird noch richtiger englischer Fußball zelebriert. Im Gegensatz zu den Events beim FC Chelsea oder bei Arsenal London.“ Aber für die Stimmung ist beim weihnachtlichen Trip ohnehin der „AllyPally“ zuständig.

Hintergrund:

Warum heißt es Boxing Day?

Der Boxing Day ist in der Premier League eine Tradition. Lange stand der erste Weihnachtsfeiertag, der familiäre Geschenke-Tag, auf der Insel im Fußball-Fokus, ehe der Verband ab 1966 komplett auf den 26. Dezember umschwenkte. Als sich das Fernsehen durchsetzte und die Ansprache der Queen zum wichtigsten Ereignis dieses weihnachtlichen Tages wurde, folgte der Umzug des Fußballs. Der Boxing Day ist stets ein besonderer (Fußball-)Tag auf der Insel: Die Stadien sind immer voll, dazu sitzen viele Millionen Anhänger in den Pubs oder vor dem heimischen TV.

Die Bezeichnung Boxing Day hat mit einer anderen, handfesten Sportart rein gar nichts zu tun. Vielmehr ist der Hintergrund eine menschliche Geste: Einst wurden die Bediensteten in den Commonwealth-Ländern von ihrem Arbeitgeber am Tag nach dem ersten Weihnachtstag traditionell beschenkt, mit Hilfe einer Geschenkschachtel oder auch einer "Christmas Box".

Benedikt Eckert (links) war mit seinem Kumpel Maximilian Härtl bereits im Santiago Bernabeu in Madrid. Nach den Feiertagen geht’s nach London an die Craven Cottage in Fulham und zur Darts-WM.
Marco Klünter (rechts) und sein Vater Arno vor der Anfield Road in Liverpool.
Patrick Bauer trifft Patrick Bauer: Der Groundhopper aus Neusorg (rechts) traf seinen Namensvetter, der für Charlton Athletic in der dritten englischen Liga spielt. Ein Wiedersehen in diesem Jahr ist möglich.

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