02.08.2019 - 18:38 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Segeln in der Oberpfälzer Karibik

Segeln – rund um die Uhr. Der Yachtclub Weiden macht das einmal im Jahr im Herzen der Oberpfalz, auf dem Brückelsee. Unser Sportredakteur Josef Maier war auch mit an Bord – aber keine 24 Stunden lang.

von Josef Maier Kontakt Profil

Naja, so richtig beruhigend ist das nicht. „Eine Jolle kann kentern“, erklärt Thomas Sparrer, „aber ein Kielboot nicht.“ Also ganz ruhig bleiben, wenn sich das Boot total auf die Seite legt und man glaubt, man rutscht jeden Moment von der Bank senkrecht runter ins Wasser. „Mona“ ist ja ein Kielboot. Doch dann schiebt der 56-Jährige noch lächelnd nach: „Es gibt aber auch Ausnahmen.“

Aber bei Thomas Sparrer passiert garantiert nichts. Er und seine „Mona“ – die kentern nicht. Dabei macht die „Krängung“, die Schräglage des Bootes, das Segeln erst richtig spektakulär. Thomas wechselt immer wieder schnell auf die andere Seite, um die Schräge etwas auszugleichen. Er hat richtig Spaß. „Da sieht man“, sagt er schmunzelnd, „das ist Sport.“ Der Weidener hat auf dem Boot alles im Griff. Jede Bewegung sitzt, was ein Wunder ist bei all den Seilen, Haken, Ösen und Griffen an Bord.

„Heute haben wir guten Wind“, freut er sich. Aha, wo denn? Er schaut aufs Wasser, auf die Kräuselungen auf der Oberfläche. Und flugs geht der Blick nach oben. „Dort oben ist der Verklicker“, sagt er und zeigt auf die Mastspitze, wo ein Pfeil aus Stahl angebracht ist. „Jeder zweite Blick geht dahin.“ Thomas bräuchte den Verklicker wahrscheinlich gar nicht. Segler können den Wind riechen, erahnen. „Ich bin jetzt 56 Jahre alt und segle, seit ich 8 bin“, erzählt er, während er ein Segel aufrollt. Segeln ist Familiensache. Sein Vater war Segler, seine Schwestern sind es, das Boot ist nach seiner Mutter benannt.

Die „Mona“ gleitet flott dahin – im Herzen der Oberpfalz. Thomas befindet sich auf der ersten Runde der Langstrecken-Regatta des Yachtclubs Weiden. Es ist Samstag, kurz nach 12 Uhr. Soeben sind sieben Boote zu den „24 Stunden vom Brückelsee“ gestartet.

Hier ist seit 20 Jahren das Eldorado der Weidener Segler. Damals sind sie vom Süßenloher Weiher bei Altenstadt/WN in die Oberpfälzer Seenlandschaft im Kreis Schwandorf umgezogen. Das Bootshaus liegt auf dem Damm zwischen Murner See und Brückelsee. Auch die Regensburger Segelsportgemeinschaft und der Wassersportverein Wackersdorf haben sich schöne Häuschen hingestellt. „Wir haben uns gedacht, jeder See hat eine Langstrecken-Regatta“, erzählt Thomas. Die Länge des Brückelsees, mit seinen knapp drei Kilometern, gebe das aber nicht her. „Da sagten wir uns, dann segeln wir halt 24 Stunden lang.“ Und manche ziehen das sogar konsequent durch.

Seit sieben Jahren ist Thomas Vorsitzender des Yachtclubs, der 330 Mitglieder zählt. Die kommen aus allen Ecken der Oberpfalz. Und all die Segler suchen das, was auch Thomas sucht: „Das ist einfach die totale Entspannung für mich.“ Und schon wieder geht der Blick zum Verklicker hoch. „Der Wind ist schon da“, sagt der Ingenieur. Aber wo? „Man spürt ihn nur nicht.“ Bei der nächsten Richtungsänderung bläst der Wind die Segel fast bis zum Bersten auf.

Auch die Schießls haben dieses Gespür für den Wind. Die junge Familie aus Schwarzenfeld ist am flottesten unterwegs. Vater Benni, Mutter Melanie und der kleine Willi. Mit großen Augen verfolgt der Fünfjährige alles, was an Bord passiert. „Er ist total segelbegeistert“, freut sich die Mama. Nach zehn Stunden, abends um 22 Uhr, geht Willi aber schweren Herzens von Bord. „Er hat morgen ein Fußballturnier“, sagt die Mama. Die Bambini des 1. FC Schwarzenfeld wollen natürlich nicht auf ihren Stürmer verzichten. Segeln bestimmt bei den Schießls das Leben: „Mein Mann und ich haben uns beim Segeln auf dem Steinberger See kennengelernt“, verrät Melanie.

Es gibt viele dieser kleinen Geschichten, die auch draußen vorm Bootshaus auf den Kaffeetisch kommen. Simone Hofen sitzt mit in der Runde. Die junge Frau kann dieses Mal leider nicht mitmachen – ein Abendtermin. Aber ihr Mann Jürgen ist mit den vier Kindern Johannes, Sophie, Anna und Jakob draußen. „Ja, die wollen das die 24 Stunden durchziehen“, sagt Simone. Als die Seglerfamilie um die Boje am Start kommt, scherzt Papa Jürgen: „Es läuft ganz gut. Wir sind momentan Letzter.“ Aber das ist den Kids egal. Der Große, Johannes, freut sich, dass er nachts auch mal ans Ruder darf.

Ans Ruder will auch Josef Griebl. „Ich segle jetzt dann mit Ulf eine Runde“, sagt er und nimmt noch einen Schluck aus der Kaffeetasse. Aus Langeweile habe er mal zum Segeln angefangen, berichtet der Tännesberger lachend. Mitte der 80er Jahre auf den Malediven. Jetzt hat er auch einen Katamaran auf dem benachbarten Steinberger See.

Für Olga Blaschzoks Mann Franz läuft es noch nicht so gut. Das macht aber nichts. Olga erzählt viel lieber davon, warum sie alle segelbegeistert sind. Selbst die Enkelkinder, fünf und sieben Jahre alt, kennen die Fachbegriffe wie Spinnaker, Gennaker, Schot oder natürlich Krängung. Oft geht es jetzt zum Segeln von Aschach bei Amberg rüber in die Seenlandschaft. Zu Hause haben sie den Blick auf den Mariahilfberg, hier einen beruhigenden Blick aufs Wasser. „Es ist wunderschön, was sie hier geschaffen haben“, sagt sie und meint sowohl das, was der Yachtclub anbietet, als auch diese einzigartige Seenlandschaft, die nach dem Ende des Braunkohleabbaus zwischen Schwarzenfeld und Wackersdorf entstanden ist.

Thomas, der Vorsitzende, ist so oft hier, wie es nur geht. Zweimal im Jahr macht er aber auch größere Touren in die Karibik. Der Oberpfälzer ist dort Skipper für eine Agentur. Das heißt, er sorgt dafür, dass segelbegeisterte Touristen zwei Wochen lang sicher übers Meer kommen – auf Yachten, bis zu 15 Meter lang.

Die Bedingungen in der Karibik sind anders als in der Oberpfalz, ausrechenbarer. „In der Karibik ist der Wind immer gleich, und es ist immer heiß.“ Der Oberpfälzer Wind ist manchmal gemein, doch Thomas weiß ja, wo er in dem Gestrüpp aus Seilen hinlangen muss, um „Mona“ in der Spur zu halten. Wenn er jetzt so von seiner gut sechseinhalb Meter langen Yacht auf den Brückelsee blickt, dann erinnert er sich auch ein bisschen an seine Urlaubstouren: „Das Blau vom See hier verbreitet auch Karibikstimmung.“

Von der ist nachts aber nichts mehr zu spüren. Es ist kurz vor 1 Uhr. Gespenstisch ist es fast zwischen Murner See und Brückelsee. Der Mond wirft durch Wolkenlücken Lichtkegel aufs Wasser. In der Ferne sind rote und grüne Lichter auszumachen, die Positionslichter auf den Booten. Werner und Norbert, beide aus Neustadt, trinken vorm Bootshaus einen Kaffee. „Jetzt geht gar kein Wind“, sagt Norbert etwas frustriert. „Da braucht man zwei Stunden für eine Seerunde.“ Trotzdem gehen beide auf das Boot „Lisa“. In der Früh um sieben werden sie von Heinz Adolf und Richard Einsporn abgelöst.

Einige Segler bleiben tatsächlich 24 Stunden auf ihren Booten – von 12 bis 12 Uhr. Melanie Schießl etwa. Oder auch Sergej Ilinov und sein Kumpel Oliver Perzl. Der Altenstädter und der Burglengenfelder sind ein eingespieltes Team. Aber wird es bei 24 Stunden Segeln am Stück nicht irgendwann langweilig? Sergej schüttelt den Kopf: „Das ist harte Arbeit, da geht es immer darum, Kurs zu halten.“ Oliver will derweil nur eins: „Ein Bier.“

Müde sehen sie alle aus nach dem Zieleinlauf am Sonntag um 12 Uhr – und glücklich. Ulli Marx hat in der Küche des Bootshauses einen Schweinebraten mit Knödeln vorbereitet. Den gibt es, bevor die Ergebnisse ausgewertet werden. Thomas Sparrer hat auch mächtig Hunger und sagt noch: „Das war wieder eine Super-Veranstaltung.“ Wer braucht da schon die Karibik?

Das Blau vom See hier verbreitet auch Karibikstimmung.

Thomas Sparrer, Vorsitzender des Yachtclubs Weiden

Vereinsporträt:

Der Yachtclub Weiden

Auf einen sind sie beim Yachtclub Weiden richtig stolz – auf Christian Demleitner. Der junge Weidener ist international auf Regatten unterwegs. Vergangenes Jahr gewann er sogar den Balkan-Cup. Seine Herkunft hat er nicht vergessen. „Er gibt manchmal Segelkurse für unsere Jugend auf dem Brückelsee“, sagt Yachtclub-Chef Thomas Sparrer.

Segelinteressierte sind ohnehin beim Yachtclub, der 330 Mitglieder zählt, willkommen. Den Verein gibt es seit 46 Jahren. Für den Nachwuchs werden immer wieder Kurse angeboten. Um teilnehmen zu können, müsse man aber aus versicherungstechnischen Gründen Mitglied sein, erklärt Sparrer, der auch mit einem Klischee aufräumt: „Segeln ist wirklich kein elitärer Sport. Wir sind alles ganz normale Leute.“ Und auch der Jahresbeitrag ist alles andere als überdimensioniert. Er liegt bei 100 Euro. Es gibt auch mehr als 20 Vereinsboote, die Mitglieder gegen eine geringe Gebühr (zwischen 60 und maximal 100 Euro) ganzjährig nutzen können.

24-Stunden-Regatta am Brückelsee:

Die Ergebnisse

24 Stunden segeln – fast 24 Runden gesegelt. Die Schießls aus Schwarzenfeld hatten bei den „24 Stunden vom Brückelsee“ einen guten Schnitt. Alle Stunde nahezu eine Runde von etwa 6 Kilometern.

Natürlich geht es den Seglern in erster Linie um den Spaß, um Entspannung auf dem Wasser, aber es ist auch ein Wettbewerb. Und so siegten die Schießls mit dem kleinen Willi bei der Regatta. Zweiter wurden Sergej Ilinov und Otto Perzl auf „Salix“ (19,75 Runden). Ulf Neumann lag auf der „Jaspis“ auf Rang drei (19,5 Runden). Vierter wurde die Crew des Weideners Heinz Adolf („Lisa“/18,5 Runden), Fünfter Yachtclub-Vorsitzender Thomas Sparrer auf der „Mona“ (13,25 Runden). Auf Platz sechs landete der Aschacher Franz Blaschzok mit „Little-Diga“ (10 Runden) und auf Platz sieben die Hofens aus Neudorf mit „Anna-Sophie“ (7,5 Runden).

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