05.11.2021 - 14:15 Uhr
Weiden in der OberpfalzSport

Sehnsuchtsziel New York City: Keine Verletzung kann Claudia Wittmann stoppen

Sie strömen aus aller Welt herbei, um sich in die Häuserschluchten des "Big Apple" zu stürzen. 50.000 Lauffreaks starten am Sonntag beim New-York-Marathon. Vor zwei Jahren war eine Weidenerin am Start, obwohl damit nicht zu rechnen war.

Claudia Wittmann (links) und ihr Lebensgefährte Christian kommen im Central Park ins Ziel.
von Josef Maier Kontakt Profil

Die Bronx - das klingt nach Gewalt, Verbrechen, nach düsteren Ecken. Der Norden von New York City soll zwar nicht mehr so gefährlich und verrucht sein wie in früheren Jahren, doch der Ruf hallt nach. Hier ist auch noch immer der "Mann mit dem Hammer" unterwegs. Einmal im Jahr lauert er an jeder Straßenecke. Die Weidenerin Claudia Wittmann hatte großes Glück – sie ist dem "Mann mit dem Hammer" vor zwei Jahren gerade noch entkommen.

Er lauert hier immer an dem Tag, an dem der New York Marathon startet. Wenn die Läuferinnen und Läufer die Bronx hoch im Norden Manhattans erreichen, haben sie schon gut 30 Kilometer in den Beinen, im ganzen Körper. Und jetzt fürchten sie den "Hammer-Schlag". Den Moment, in dem nichts mehr läuft – im wahrsten Sinne des Wortes. Der plötzliche Leistungseinbruch, sagen Experten, werde durch zu wenig Wasser- und Nahrungsaufnahme verursacht. In der Bronx platzen an diesem Tag auch viele Träume. Claudia Wittmann hat das live miterlebt: "Ich habe einige gesehen, die total gebückt gegangen sind. Bei denen ging gar nichts mehr."

Es gibt viele Details, an die sich die 52-jährige Oberpfälzerin noch erinnern kann. "Es war mein erster Marathon, ich war das erste Mal in New York erzählt sie. Dabei schien ihr Traum noch früher geplatzt zu sein, als der mancher Läufer an diesem 3. November 2019. Da war ein herrlicher Abend Ende Juli, Sommerfest in der Weidener Fitnesslounge. Und da Wittmann total sportbegeistert ist, nahm sie auch diese Aktion voller Freude in Angriff. "Da stand da dieses kleine Mädel, vielleicht vier, fünf Jahre alt mit dem Gummiseil", erzählt sie. Gummitwist, als Kind schon die Lieblingsbeschäftigung von Claudia. Also zeigte sie dem etwas ratlosen Mädel, wie's geht: Schuhe aus, harter Betonboden, letzter Sprung – die Achillessehne knackt. Das MRT bringt's ans Licht. "Die Achillessehne war zu einem Drittel eingerissen", sagt sie. " Der Arzt meinte noch, wenn die Sehne durchs Laufen nicht so stark gewesen wäre, wäre sie komplett durch gewesen.

Mit Krücken in den Wald

Das war's dann mit New York. Ein Anriss drei Monate vor dem Marathon – Goodbye America. Sofort kamen die ersten Mitleisdebekundungen. "O weh, Claudia, das wird nichts mit New York." Wittmann konterte energisch: "Egal was kommt, ich laufe." In der Zeit, in der die anderen gut 50000 Teilnehmer ihre Laufeinheiten steigerten, begann Wittmann ihren Wettlauf gegen die Zeit. Mit ihrem Bekannten, dem Physiotherapeuten Michael Riester, ging sie das Unternehmen an. Riester machte ihr Mut, Wittmann gab Gas. Sie unterzog sich bei einem Arzt einer Eigenblutbehandlung. trainierte weiter ihre Atmung und den Oberkörper. "Nach 14 Tagen saß ich auf dem Fahrradergometer." Nach drei Monten ging es ganz vorsichtig mit Krücken in den Wald. Mit Heiß- und Kaltrollen förderte sie die Durchblutung der lädierten Stelle. Leichte Schmerzen waren oft noch da, doch die Oberpfälzerin, die als Trainerin in der Fitness Lounge und nebenher auch als Friseurin arbeitet, lernte zu dosieren. Nicht zu viel zu wollen, das war auch Training. "Nach sechs Wochen bin ich dann sechs Kilometer gelaufen", erinnert sie sich. Die Zweifel liefen nie mit. Sie fand ihr Tempo. Bei einem Schnitt von 6:15 Minuten auf einen kilometer meldete sich der rechte Fuß. Also wurde ein Gang zurückgeschaltet. Als Wittmann zwei Wochen vor dem Start in New York ihre bis dahin längste Strecke, 28 Kilometer am Stück, rund um Weiden lief, war klar: "Ich schaff's, die Achillessehne hält."

Eine Woche vor dem Startschuss am ersten Sonntag im November wird New York schon überschwemmt von den Läufermassen, die aus allen Erdteilen zum wohl berühmtesten Marathon der Welt kommen. Wittmann, ihr Sohn, ihr Lebensgefährte Christian und auch dessen zwei Söhne checkten in einem Hotel in Manhattan ein. Sie genossen die Zeit vor dem Lauf beim Shopping, beim Sightseeing: "Ich habe da nicht daran gedacht, da nicht viel rumzulaufen und mich zu schonen." Sie genoss "Big Apple" in vollen Zügen. Drei Mal gingen sie auch im Central Park trainieren. Und auch da kam ihr nochmal in den Sinn, wie alles begann: Im Jahr 2007 lief sie ihren ersten Halbmarathon beim Freundschaftslauf Amberg–Weiden, den die beiden Städte sowie die Oberpfalz-Medien damals veranstalteten. Einige Halbmarathonis schwören sich, wenn sie im Ziel die ausgemergelten Marathonläufer sehen, nie einen kompletten Marathon zu laufen. Wittmann dagegen sagte: "Als ich die Marathonläufer im Ziel gesehen habe, hab' mir geschworen, ich laufe auch mal einen." Und – wenn schon, denn schon: "Und zwar in New York."

Auf Augenhöhe mit dem Hubschrauber

Jetzt war die Oberpfälzerin da: 3. November 2019, New York City, strahlend blauer Himmel, Sonnenschein, ideale neun Grad – der liebe Gott muss auch ein Marathonläufer sein. Die große Verrazano-Narrows-Bridge mit einer Spannweite von drei Kilometern und insgesamt gut 42 Kilometer vor sich. Nur kurz schwappte im Startblock hoch, was im Vorfeld war: "Da hab' ich kurz an meine Achillessehne gedacht." Nur kurz, denn jetzt lag ein langer Weg vor ihr: "Das war alles so gigantisch, so imposant", schwärmt sie noch heute. Auf der zweistöckigen Hängebrücke am Start flog ein Hubschrauber auf Augenhöhe mit den Läufern, ein Bild, das sich einprägt. Immer an ihrer Seite hatte Wittmann ihren "Bodyguard". Lebensgefährte Christian wich im Läufer-Gewusel keinen Meter von ihrer Seite: "Er hat aufgepasst, dass mir nichts passiert." Es passierte nichts. Schon gar nicht mit der Achillessehne. "Erst, als wir kurz vorm Hotel waren, habe ich wieder drangedacht." Da hatte sie schon all die tollen Momente komplett aufgesogen: "Es war der Wahnsinn, wie uns die Amerikaner auf der Strecke gefeiert haben. Du hast zu essen und zu trinken gekriegt." Nach exakt füf Stunden liefen Claudia und Christian im Central Park gemeinsam ins Ziel. Überglücklich, doch auch die Sportlerin kam durch: "Ohne Verletzung hätte ich mir vier Stunden zum Ziel gesetzt."

Garantiert nicht Gummihüpfen

Aber sie kommt ja wieder. "Wenn wir einen Startplatz bekommen, sind wir 2022 wieder dabei", verspricht Wittmann. Und so grob hat sie auch schon die Details der Trainingsplanung im Kopf, wie sie lachend erzählt: "Also, eines werde ich garantiert nicht vorher machen: Gummihüpfen!"

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Info:

Der New York-City-Marathon

  • Am 7. November 2021 die 50. Auflage des New-York-City-Marathons.
  • Im Jahr 2020Absage wegen Corona.
  • Seit 1970 jährlich von der Organisation New York Road Runners veranstaltet.
  • Neben dem Boston-Marathon und dem Chicago-Marathon die wichtigste und größte Laufveranstaltungen in den USA. Im Jahr 2006 mit diesen beiden Veranstaltungen sowie dem London-Marathon und dem Berlin-Marathon Zusammenschluss zu den World-Marathon-Majors.
  • Kein Rundkurs, sondern die Strecke geht von Fort Wadsworth auf Staten Island über Brooklyn, Queens und die Bronx nach Manhattan, wo sich im Central Park das Ziel befindet.
  • Weltweit größter Marathonlauf mit mittlerweile über 50000 Finishern. Die Zahl der Interessenten liegt regelmäßig bei über 100000.
  • Streckenrekorde über die 42,195 Kilometer:
    Männer: 2:05:06 Stunden, Geoffrey Kiprono Mutai (Kenia) im Jahr 2011.
    Frauen: 2:22:31 Stunden, Margaret Okayo (Kenia) im Jahr 2003.

 

 

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