11.02.2021 - 11:48 Uhr
OTon

Älter werden? Ein Spaziergang!

In circa vier Wochen wird OTon-Autor Sebastian Böhm 30 Jahre alt. Soll er wirklich noch peinlich in den Clubs abtanzen oder ist er jetzt endlich erwachsen? Die Antwort auf diese Frage hat ihm die Pandemie abgenommen.

Das Spazierengehen wird inmitten der Corona-Pandemie für viele Menschen eine beliebte Abwechslung.
von Sebastian Böhm Kontakt Profil

In circa vier Wochen werde ich 30 Jahre alt. Und ja, diese aktuell nervige, belastende, komische Zeit der Selbstreflexion hat auch ihre guten Seiten. Corona hat mich vor peinlichen Wochen der Unentschlossenheit bewahrt. Wenn du alterstechnisch von den 20er in die 30er Jahre übergehst, ist das erst einmal kein Spaziergang. Es ist ein steiniger Weg voller Widersprüche. Soll ich wirklich noch in den Clubs abtanzen wie in meiner Jugend? Die Gefahr hierbei ein trauriges Image der Art "Ist der Typ immer noch da?" zu erreichen, ist bei den Überlegungen nicht zu unterschätzen. Es gibt Fakten, die ganz klar gegen mich sprechen. Denn während ich an der Bar zwischen einem Gin Tonic und Cuba Libre wähle, suchen sich viele meiner Freunde gerade ihren neuen Bodenbelag aus – Parkett oder doch lieber die angesagten rauen Anthrazit-Fließen?

Puh, in der Grundschule waren wir alle gleich und jetzt bauen sie plötzlich Häuser. Irgendwann haben sie mich wohl abgehängt auf diesem steinigen Weg hin zum Erwachsenwerden. Oke, ich muss etwas ändern. Irgendwie muss ich der Versuchung der Clubs widerstehen. Aber wie soll ich das nur schaffen? Und zack, da sind sie zu. Lockdown. Die Pandemie hat entschieden: Ich bin jetzt alt. Ich lasse den Rotwein atmen, koche und gehe nach dem Essen spazieren – natürlich. Denn nichts ist erwachsener als der gute alte Verdauungsspaziergang. Schlendern ist jetzt mein Hobby.

Ein Schritt nach dem anderen. Nur nicht zu schnell. Wenn ich eines habe in diesen Zeiten, dann ist es Zeit. Mein neues Hobby tut mir gut. Ich sehe meine Heimatstadt mit einem ganz neuen Blick. Okay, vielleicht auch etwas unschärfer, ich bin ja älter. Aber: Es ist schön abzuschalten, zu entschleunigen, früher bin ich gejoggt, heute wird gegangen. Auf der anderen Straßenseite schlendert ein älterer Herr. Als er mich sieht, nickt er mir grüßend zu. Er weiß es. Ich bin jetzt einer von ihnen. Im Alter angekommen und zufrieden damit. Geistig fühle ich mich ihm verbunden, körperlich halte ich Abstand. Es ist ja Corona. Meine Runde ist zu Ende. Ich habe den Spaziergang genutzt, um meine nächste Woche durchzuplanen.

Und nun ja, was soll ich sagen? Herrlich, endlich habe ich Struktur in meinem Leben: Arbeiten, Essen, Lauterbach bei Lanz anschauen und danach spaziere ich ins Bett. Tag für Tag. Ich stehe quasi kurz vor der Suche nach Anthrazit-Fließen. Die Steine auf meinem Weg hin zum Erwachsenwerden habe ich nun also beseitigt. Eigentlich wäre jetzt ja wieder Platz zum Tanzen. Und irgendwie freue ich mich dann doch, wenn die Clubs endlich wieder aufmachen dürfen.

Wir haben mit einem jungen Paar gesprochen, das liebend gerne spazieren geht

Regensburg
HINTERGRUND:

OTon

In der Kolumne „OTon“ schreiben junge Mitarbeiter von Oberpfalz-Medien über das, was ihnen im Alltag begegnet. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie sie die jungen Leute tagtäglich für die Leser aufbereiten, sondern um ganz persönliche Geschichten und Meinungen.

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