25.11.2021 - 16:41 Uhr
OTon

Ein Ball, ein Bier

Redakteur Julian Seiferth ist seit über zehn Jahren mit mehreren Unterbrechungen Fußball-Schiedsrichter. Vor wenigen Wochen hat er wieder angefangen. Ein Plädoyer für die Schiedsrichterei als Hobby schreibt er im OTon.

Schiedsrichtern in Kümmersbruck: Elf Rote, Elf Schwarze, ein Blauer.
von Julian Seiferth Kontakt Profil

Es ist Donnerstagabend, Mitte September, ein Fußballplatz irgendwo im Amberger Hinterland. Auf zwei seiner vier Seiten geht es in einen dichten Wald. Wenn der Ball hier aus dem Feld fliegt, ist er öfter mal für einige Minuten verschwunden. Es spielt die C-Jugend, die Eltern der 12- bis 14-Jährigen stehen rund um den Platz. Mitte der ersten Halbzeit: Regen. Genau so muss das.

Unter uns: Nach diversen Lockdowns hatte ich ja mit kompletten Chaos-Monaten gerechnet, in denen Spieler und Zuschauer ohne Ende aufgestaute Energie irgendwo rauslassen wollen – vorzugsweise zuerst aneinander und dann bei dem, der sie beruhigen soll – also mir, dem Schiedsrichter. Das ist zur Hälfte passiert: Die Spiele fühlen sich energischer an als vorher, körperlich aber auch nach mehr Freude. Doch der, den Spieler und Zuschauer meistens in Ruhe lassen, bin – zu meiner eigenen Überraschung – ich. Selbst die Fußball-Eltern, sonst als Schiedsrichter-Albtraum verschrien, sind in der Lage, sich zu benehmen.

Mein absolutes Lieblingsspiel der vergangenen Monate durfte ich in Schlicht pfeifen. Der 1. FC Schlicht 2 empfing Ende August die FV Vilseck 2/SV Sorghof 2. Derby, klar, aber viel wichtiger: Kirwa-Spiel.

Es war wild. Nach etwas über einer Stunde stellten die Gäste auf 4:0, fast 100 zum größten Teil gut angetrunkene Zuschauer eskalierten bereits seit Anpfiff. Innerhalb der kommenden 20 Minuten sollten die Schlichter verkürzen, das 3:4 fiel in der 96. Minute, zu spät. Zwischendurch fuhr ein Traktor mit Hänger auf den Parkplatz und warf um die 20 junge, betrunkene Menschen in Tracht ab. Schlicht kochte.

Kurz nach dem Abpfiff, ich war gerade auf dem Weg in die Kabine, kam eine Gruppe Heim-Fans auf mich zu. Ich stellte mich auf das Schlimmste ein: Ihre Mannschaft hatte gerade immerhin ein Derby knapp verloren und gerade die jetzt vor mir stehende Truppe war mir während des Spiels immer wieder negativ aufgefallen. Doch ich lag falsch: Einer zog eine Bierflasche aus dem Rucksack, klopfte mir auf die Schulter und sagte nur: "Gut gepfiffen." Ich nahm ihm das Bier ab und fragte leicht verwirrt: "Bruder, du hast mich jetzt zwei Stunden lang angeschrien. Was wäre hier denn passiert, wenn ich das Ding komplett verpfiffen hätte?" Er schaute mich irritiert an, sagte dann: "No, a Bier mit dir neigstelld." Genau so muss das.

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Hintergrund:

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Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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