23.04.2020 - 16:29 Uhr
OTon

Dank Corona den Lieben ganz nah

Braucht es ein Virus, um das zu begreifen? Es ist wunderbar, mit lieben Menschen stundenlang zu quatschen. Ihnen nah zu sein, wenn auch nur digital. Im OTon beschreibt Redakteurin Stephanie Wilcke, wie Corona sie nach Frankreich bringt.

Symbolbild.
von Stephanie Wilcke Kontakt Profil

Nicht schon wieder eine Geschichte über Corona. Das sind meine ersten Gedanken gewesen, als ich anfing, diese Zeilen zu schreiben.

Doch ob man will oder nicht: Dieses blöde Virus ist zum ständigen (Gedanken-) Begleiter geworden. Gezwungenermaßen hat man jetzt Zeit, viel über sich und die Umwelt zu grübeln – und dem Ganzen auch etwas Positives abzugewinnen. Der Alltag? Wie weggeblasen.

Die Anweisungen zur Ausgangsbeschränkung waren keine Woche alt, da ploppten nach und nach Nachrichten von Freunden und Verwandten aus ganz Europa auf meinem Handy auf. Jeder interessierte sich dafür, wie es dem anderen geht. Bist du krank? Wie läuft es mit der Ausgangssperre in Frankreich?

Ich frage mich: Warum brauchte es ein für manche Menschen tödliches Virus, um wieder daran erinnert zu werden, dass es total schön ist, von Nahestehenden zu hören? Mit ihnen zu quatschen. Sich bewusst Zeit für lange Gespräche zu nehmen. Wenn auch nur digital.

Es ist gut neun Jahre her, dass ich mit vier Mädels in eine WG in Frankreich zog. Die Erfahrung einige Monate in einem fremden Land zu studieren und mit fremden Menschen Esstisch, Badezimmer und Co. zu teilen, war die intensivste in meinem bisherigen Leben. Der Bretonin, der Philippinin, der Südfranzösin und der Holländerin verdanke ich wunderschöne Momente. Ab und zu flossen Tränen - vor allem dann, wenn der Bauch wehtat vom Lachen. Vor allem aber, als ich Lebewohl sagen musste.

Einmal im Jahr versuchen wir uns zu treffen: am Atlantik, in Berlin, in Paris, in Südfrankreich - heuer ist Nürnberg angedacht. Ich bin wenig optimistisch, dass wir uns zwischen Biergarten und Kaiserburg sehen. Stattdessen haben wir kürzlich abends geskypt. Vier Stunden lang. Mit einigen Gläsern Wein. Und plötzlich war ich wieder in Frankreich. Die gleiche ausgelassene Freude, tiefgehende Gespräche, blindes Verstehen.

Warum nochmal brauchte es ein Virus, um uns daran zu erinnern?

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