24.05.2019 - 09:47 Uhr
OTon

Freund oder Feind?

Gleich fliegen die Fetzen, glaubt Wolfgang Fuchs, als er beobachtet, wie ein Wanderer und ein Radfahrer aufeinander zu steuern – oder doch nicht? Im neuen OTon geht es darum, dass nicht immer alles so läuft, wie erwartet.

Wenn Radfahrer und Fußgänger aufeinander treffen, ist nicht immer vorhersehbar, was geschieht.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

An einem der ersten warmen Tage in diesem Jahr sitze ich auf einer Bank in der Sonne und schaue. Ein Radfahrer kommt schwitzend den schmalen und steilen Hügelweg bergauf gestrampelt. Seinen Blick hält er fokussiert vor sich auf den Boden gerichtet, das Gesicht gerötet vor Anstrengung. Sein Schnauzbart trieft. Von oben schreitet ihm ein Wanderer mit schwingenden Armen entgegen.

Langsam aber stetig steuern die beiden aufeinander zu. Noch hat keiner den anderen bemerkt. Sie scheinen auf sich selbst konzentriert, auf den Rhythmus ihrer Arm- und Beinbewegungen, ihren Atem. Vögel singen, Eichhörnchen klettern, Krähen schreien. Der Radfahrer kämpft sich bergauf, als er mich erblickt. "Haberdere Bou." – "Servus." Wir grüßen uns mit einem Lächeln. Zwischen Radler und Fußgänger ist jetzt noch eine Fahrradlänge Abstand.

Gleich geht's los, denke ich. In diesem Augenblick heben beide ihren Blick. Mit einem Ruck bleibt der Wanderer stehen. Stöhnend bremst der Radfahrer und steigt ab. Da bellt der eine: "Dat is fei ein Fuuußweeeg!" Und schaute böse. "Ja mei", schnalzt der andere zurück. Ein kühles Lüftchen weht nun durch die Ästchen des Apfelbaums, unter dem ich sitze. Wie vorhersehbar doch alles ist, denke ich.

"Haha, du oida Brasilianer", höre ich zu meiner Überraschung den Wanderer sagen. Er klopft seinem Gegenüber auf die Schulter. "Schleich di. Mir seng' uns dann ja spada. Der Grill is schon bereit." Sie klatschen sich ab und entfernen sich lachend voneinander. Verwirrt bleibe ich sitzen und schaue abwechselnd dem einen und dann dem anderen hinterher.

OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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