08.08.2019 - 15:30 Uhr
OTon

Keine Liebe auf den ersten Blick

Als wir uns kennenlernten, flogen erstmal die Fetzen. Doch nach und nach freundeten wir uns an, die Katze aus meiner Siedlung und ich.

Das Kätzchen aus meiner Nachbarschaft wünscht sich, dass man es lieb hat.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

"Miao miau maooouuu", fiept meine kleine namenlose Nachbarin unter dem Gebüsch hervor, sobald ich mit dem Fahrrad um die Ecke biege. Mit großen runden Augen läuft sie mir entgegen. Ihre Beine verwursteln sich, so eilig hat sie es. Gleich stolpert sie, fürchte ich und halte den Atem an, aber nein: Die kann das. Maunzend stellt sich mir das bunt gefleckte Knäuel in den Weg. Dieses Ritual wiederholt sich täglich, manchmal mehrmals. Niemand weiß, zu wem die kleine Katze eigentlich gehört. Kennen tut sie jeder, und alle scheinen sie zu lieben.

Zwischen ihr und mir war es jedoch keine Liebe auf den ersten Blick. Gerade frisch umgezogen parkte ich eines Abends bei geöffneter Fahrertür vor dem Haus und kramte gedankenverloren in einer Tasche, als plötzlich etwas auf meinen Bauch sprang. Ich schrie, schlug wild um mich und prellte mir vor Schreck das Knie am Lenkrad. Auch dieses haarige Büschel auf meinem Bauch erschrak und sprang vor lauter Panik fauchend und kreischend auf den Beifahrersitz, dann wie ein Gummiball auf das Armaturenbrett und von dort direkt in mein Gesicht. Dann floh es mit zerrauftem Fell raus aus dem Auto und verschwand im Dunkel eines Gestrüpps. Ich blickte ihm entgeistert hinterher. So haben wir uns kennengelernt.

In den folgenden Tagen sahen wir uns immer wieder und beäugten uns misstrauisch aus sicherer Entfernung. Die Katze schaute mir kalt von ihrem schattigen Platz unter dem Gebüsch nach, ich versuchte sie zu ignorieren, während ich zum Auto ging und ihren bohrenden Blick in meinem Rücken spürte. Die Stimmung war negativ. Irgendwann beschloss ich, dass das so nicht weitergehen konnte und ging zu ihr und setzte mich neben sie auf die Wiese. Sie stieg schnurrend auf meinen Schoß. So haben wir uns also doch noch angefreundet.

OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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