28.05.2020 - 16:00 Uhr
Neumarkt i. d. Opf.OTon

Zu krumm, zu groß, zu unförmig: Brüder retten aussortiertes Gemüse

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Zu kleine Kürbisse, mehrbeinige Karotten oder Birnen mit braunen Flecken: Eine ganze Menge Obst und Gemüse wird nach der Ernte aussortiert - nur aufgrund der Optik. Zwei Brüder aus Neumarkt haben das zum Geschäftsmodell gemacht.

Krumm gewachsene Möhren und anderes Gemüse liegt in einem Korb. Die Rübenretter nutzen solches Gemüse für ihr Geschäftsmodell
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Hochglanz-Obst und Gemüse findet man sehr selten in den "Rübenretter-Boxen" von Pascal Nießlbeck. Das ist Konzept. Zusammen mit seinem Bruder gründete der Neumarkter im Mai 2017 einen Online-Shop. "Zuerst", erinnert sich der 24-Jährige, "hatten wir überlegt, ganz normales Gemüse online zu verkaufen." Er sei zwischen Obst- und Gemüseregalen großgeworden, sagt er. Die Affinität war da, die Erfahrung auch. Die zündende Idee aber kam erst später: Krummes Gemüse wollten die beiden Brüder anbieten. Gemüse, das bei der Ernte aussortiert und gar nicht erst in den Handel gelangt.

Inzwischen arbeiten die beiden "Rübenretter" mit fünf Höfen zusammen - alle aus dem fränkischen Knoblauchsland. Ihre Zentrale: Eine Halle in Neumarkt. Hier packen sie zu krumme Karotten oder unförmige Kartoffeln in Kisten. Die Post bringt sie quer durch Deutschland, bis nach Hamburg oder Hannover.

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Dort, in den Großstädten, sagt Nießbeck, sind die Obst- und Gemüseboxen populärer als auf dem Land. "Wir liefern direkt an die Haustüre, das ist natürlich schon bequem." Einige seiner Kunden holen sich die Kisten auch direkt vom Lager ab. Hier packen die Brüder Nießlbeck und acht bis zehn Helfer Lauch, Birnen, Kartoffeln und Kohl in die Kisten, ab und zu kommen zum Beispiel Bio-Paprika aus Griechenland oder Tomaten aus Italien hinzu. Jeden Mittwoch und Donnerstag gehen die Pakete zur Post. "Als wir angefangen haben, war das Thema Lebensmittelrettung und -verschwendung noch kein so großes Thema." Inzwischen fand da ein Umdenken statt, sagt Pascal. Viele seiner Kunden verbänden krummes Gemüse aber auch mit Kindheitserinnerungen: Wie man es auch dem eigenen Garten kennt. "Gerade bei jüngeren kommt aber Nachhaltigkeit gut an."

Superkrumm vs. perfekt

Ursprünglich wollten er und sein Bruder nur regionale Produkte verkaufen, sagt Pascal. "Im Winter hätten die Leute dann aber nur Kartoffeln und Kohl in ihrer Box gefunden. Und das reicht dann doch nicht." Anspruchsvoll sind die Leute trotzdem. Deshalb, so glaub Pascal, funktioniert ihr Geschäftsprinzip nur mit vorgepackten Portionen. "Jeder Mensch sucht sich nunmal das schönste Teil raus. Kaum einer würde wohl eine superkrumme Karotte in seinen Einkaufskorb packen, wenn daneben perfekt-geradegewachsene liegen." In der Rübenretter-Kiste aber habe man keinen Vergleich. Die Rübenretter verkaufen natürlich gewachsenes Obst und Gemüse. Es ist krumm, schief, fleckig. Zu groß, zu klein. Verformte Kartoffeln, zu dünner Lauch, mehrbeinige Karotten, zu kleine Orangen, Äpfel und Birnen mit Schalenfehler. "Unperfekt" schreiben die Rübenretter auf ihrer Homepage. "Unförmig" nennt es die EU. Laut Unece-Norm FFV-15 sollen zum Beispiel Gurken der Extraklasse für den Handel "gut geformt und klassisch gerade" sein, ihre "Höhe der inneren Krümmung" darf nicht mehr als zehn Millimeter auf zehn Zentimeter Gurkenlänge betragen. Für Klasse eins gelten schon mildere Bestimmungen - nämlich "ausreichend gut geformt und praktisch gerade". Gurken mit leichtem Formfehler - wobei die "Höhe der inneren Krümmung" nicht mehr als 20 Millimeter auf 10 Zentimeter Länge betragen darf - sind schon zweitklassig.

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Bei Speisekartoffeln zählt dagegen die Größe: Im Schnitt sollen sie jeweils 35 Millimeter lang und breit sein. Erstklassiger Kohlrabi, Pastinaken, Radieschen oder Speiserüben müssen "gut geformt" sein. Erlaubt sind nur leichte Fehler, zum Beispiel der Form oder Farbe - dafür gibt es hier keine Größenvorschriften. Bis zu 50 Prozent einer Ernte wird nur durch optische Makel aussortiert, sagt der 24-Jährige.

Futter für das Vieh

Was mit krummem Obst und Gemüse passiert ist, bevor Nießlbeck sie in Kisten packte und verkaufte? "Viele Bauern haben es als Dünger in die Felder eingefräst oder ans Vieh verfüttert", sagt Pascal. Oder, schlimmer noch: weggeworfen, was übrig blieb. Sich zu etablieren war deshalb auch nicht einfach, erinnert sich Nießlbeck. "Der Einkauf war eine Herausforderung. Viele Bauern kannten und verstanden unser Geschäftsmodell nicht." Anfangs betrieben die Brüder das Geschäft nur nebenbei. Inzwischen "Man muss einen starken Willen mitbringen und ein Ziel verfolgen", rät Nießlbeck.

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