01.11.2018 - 11:12 Uhr
OTon

Nur noch scharfe Menschen

Eitelkeit ist so eine Sache. Ein peinlicher Moment kann dann aber alles verändern.

von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

„Ach Schmarrn, ich seh super“, hab ich geantwortet, wenn mir wieder jemand vorgeworfen hat, dass ich doch ein kleiner Maulwurf sei. „Für den Alltag seh ich genug, und beim Autofahren hab ich ja immer 'ne Brille auf“, lautete meine Standardantwort. Dass ich mir angewöhnt habe, meine Mitmenschen an ihren Schuhen zu unterscheiden, weil ich die aus der Ferne besser erkennen konnte, als verschwommene Gesichter, musste ja keiner wissen.

Dann aber kam er, dieser eine Moment. Dieser eine Moment, bei dem ich mich immer noch schäme, wenn ich zurückdenke. Dieser eine Moment, in dem mir klar wurde, dass es so nicht weitergeht:

Es ist früh am Morgen. Ich laufe durch die Altstadt. Von Weiten sehe ich einen Kerl, dem ich eigentlich nicht begegnen will. Ich entscheide mich, so zu tun, als würde ich ihn nicht sehen. Starre in mein Handy. Er kommt näher … und grüßt freundlich. Peinlich berührt grüße ich zurück, blicke nach oben und sehe: Das ist ja gar nicht der, für den ich ihn gehalten habe. Allerdings kenne ich den auch – und er mich. Und er hat gemerkt, dass ich versucht habe, ihn zu ignorieren. Das sehe ich in seinem Blick. Ich schäme mich und gehe weiter.

Es kommt noch schlimmer. Wir treffen uns am gleichen Tag noch einmal. Ich hätte mich am liebsten unterm Tisch versteckt.

Nach diesem Erlebnis kapituliere ich. Eine alltagstaugliche Brille muss her. Mit der fürs Autofahren kann ich mich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen. Zu oft haben sich meine Beifahrer daraufgesetzt, nachdem ich die ungeliebte Sehhilfe nach einer Fahrt auf den Sitz neben mir geworfen habe. Also ab zum Optiker. Drei Läden und gefühlte 100 Brillen später, finde ich ein passendes Modell. Und was soll ich sagen? Ich liebe meine neue Brille! Und: Ich sehe! Endlich muss ich nicht mehr auf Schuhe achten und kann meinen Mitmenschen wieder in das Gesicht schauen, wenn sie mir entgegenkommen.

OTon:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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