16.08.2019 - 10:48 Uhr
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Lebensmittelretten in der Oberpfalz: Aus dem Müll auf den Tisch

Zwei Oberpfälzerinnen kämpfen gegen Lebensmittelverschwendung: Sie holen noch Essbares aus dem Müll - oder retten es vor der Tonne. Was sie trennt, ist das Gesetz. Eine von beiden handelt illegal.

Margot Gerlitz nach einem ihrer Einsätze als Lebensmittelretterin.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Taschenlampe an, Container auf, Lebensmittel herausfischen. Das Prinzip Containern ist einfach - und illegal. Hausfriedensbruch und Diebstahl begeht, wer sich aus den Mülltonnen eines Supermarkts bedient. Auch, was im Müll liegt, ist noch Eigentum. Anna containert trotzdem. Angst, erwischt zu werden, hat sie nicht. "Würde mich heute Nacht die Polizei vor einem Container zur Rede stellen, würde ich vermutlich versuchen, zu erklären, was ich da tue - und vor allem, warum. Ich würde darauf hoffen, dass die Beamten Nachsicht haben und an deren Moral appellieren."

So souverän war sie anfangs nicht, erinnert sie sich. "Beim ersten Mal hatte ich große Bedenken. Aber ich war oft mit erfahrenen Lebensmittelrettern unterwegs und merkte schnell, dass diese gar keine Angst hatten. Das färbte ab." Auch die Verurteilung der beiden Studentinnen aus Fürstenfeldbruck im Januar diesen Jahres schreckte sie nicht ab. "Eher im Gegenteil", sagt sie, "das Urteil hat mich noch motiviert." Es zeige, dass das Thema endlich in der breiten Öffentlichkeit angekommen sei.

Anna, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, war im Jahr 2012 zum ersten Mal Containern - damals hat sie noch in Amberg gewohnt. Die heute 23-Jährige zieht regelmäßig nachts los, um Lebensmittel aus den Müllcontainern hinter Supermärkten zu holen. Mal zwei Mal die Woche - und dann wieder monatelang gar nicht. Das sei auch abhängig vom Wetter: Zum Containern sei der Winter die bessere Jahreszeit, die Kälte mache die Lebensmittel länger haltbar, sagt sie.

Gerade wohnt Anna in Regensburg, davor lebte sie einige Jahre jeweils in Weiden und Amberg. In keiner dieser Städte stand sie stets allein vorm Container. Inzwischen sei sie gut rumgekommen in Deutschland, sagt sie, und kann vergleichen: "In Bayern ist das Containern - ebenso wie das Trampen - nicht so weit verbreitet wie in anderen Bundesländern." Erklären kann sie sich das nicht.

Kreativität gefordert

Fast 13 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jedes Jahr im Müll, das hat die Universität Stuttgart berechnet. Mehr als die Hälfte davon werfen Privathaushalte weg - heruntergebrochen auf einen einzelnen Menschen sind das 85,2 Kilo weggeworfenes Essen im Jahr.

"Es landet täglich so viel Essen im Müll - und es ist mir jedes Risiko wert, das zu verhindern", sagt Anna. "Und wieso sollte ich in den Laden gehen und mit Geld etwas bezahlen, was abends vielleicht sowieso im Müll landen würde - und mit meinem Geld dieses kapitalistische System auch noch befeuern?" Ihre Entscheidung zum Containern ist Teil einer Lebenseinstellung. Ab und zu einkaufen muss sie trotzdem.

"Fast von jedem Ausflug bringe ich Obst und Gemüse mit." Ganze Container voll mit Bananen habe sie schon gesehen. Manchmal Blumen, Topfpflanzen, auch Joghurt und Milchprodukte landen oft im Müll, "weil sie nur ein kurzes Verfallsdatum haben." Was man mit nach Hause nehme, und wie einfach es ist, an die Lebensmittel zu kommen, sei von Kette zu Kette und Markt zu Markt unterschiedlich. "Je neuer der Supermarkt, desto kreativer muss man auch sein, um an die Mülltonnen zu gelangen." Anna lacht.

Wie legales Containern

Sieht Margot Gerlitz in ihren Kühlschrank, findet sie darin gerade jede Menge Brokkoli - oben schon leicht gelb, außerdem viele Pastinaken und Petersilie. Die 33-Jährige ist Botschafterin des Regensburger Projekts "Foodsharing". Die Regensburger Aktivisten holen Lebensmittel dort ab, wo sie nicht mehr verkauft werden können oder dürfen. "Wie legales Containern", beschreibt Margot Gerlitz das Konzept. "Wir haben 28 feste Kooperationen mit einigen Betrieben aus dem Raum Regensburg."

"Ich habe an mir selbst mit der Zeit eine Veränderung festgestellt", sagt sie. Sensibler sei sie geworden, was das Ablaufdatum angehe. "Aus einem Apfel, den auch ich nicht mehr essen würde, kann ich immer Marmelade machen." Was nicht mehr so frische Lebensmittel anginge, sei sie selbst nicht ganz so heikel, sagt sie. "Schimmel schneide ich weg. Den Rest esse ich." Im Endeffekt aber müsse das jeder für sich selbst entscheiden. "Lebensmittel wegzuwerfen, das ist, als würde ich den Menschen in ärmeren Ländern die Zunge rausstrecken", sagt sie.

Und das geht einigen Regensburgern so. Momentan herrscht sogar Aufnahmestopp bei den Foodsharern. 503 Lebensmittel-Retter sind auf der Regensburger Online-Plattform angemeldet, davon, so schätzt Gerlitz, 300 Aktive - drei Viertel Frauen. Die meisten wollen der Lebensmittelverschwendung entgegentreten. Aber auch Bedürftige finden sich unter den Foodsharing-Mitgliedern. Gerlitz erinnert sich an eine Mutter mit fünf Kindern. "Ihre Kinder hätten Hunger, hat sie mir erzählt." Das sei, so Margot Gerlitz, das schöne am Foodsharing: Es schließe niemanden aus. "Auch der Bankdirektor darf zu uns kommen und Lebensmittel abholen. In erster Linie geht es ja darum, dass diese nicht weggeworfen werden - egal, wer sie am Ende isst."

Gerlitz schenkt viele ihrer geretteten Lebensmittel weiter. "Eine ganze Ikea-Tasche voll Brot kann ich schließlich nicht alleine essen." Sie erinnert sich noch gut an ihre "Rekordabholung": Ein ganzer VW Caddy - bis unters Dach voll mit Kisten: Brot, Semmeln, Gemüse, Obst. Anfangs sei sie in ihrem Mietshaus damit auf Ablehnung gestoßen. "Die Leute haben mich angesehen, als sei ich nicht mehr ganz dicht." Es komme ja nicht so häufig vor, dass jemand mit kiloweise kostenlosem Brot vor der Tür stehe.

Tipps der Lebensmittelretter:
  • Kann ich die Eier noch essen? Schwimmen sie in einer Schüssel voll kaltem Wasser oben, sind sie schlecht
  • Hartes Brot: Im besten Fall ist das Brot oder der Toast schon geschnitten; mit einem Pflanzensprüher voll Wasser ein wenig befeuchten und toasten, schmeckt wie frisch aus dem Ofen
  • Wird Salat gelb und die Blätter weich: die Blätter in eine Schüssel voll kaltes Wasser legen – der Salat saugt sich voll Wasser

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