16.04.2020 - 12:06 Uhr
OTon

Schön, daheim zu sein

Eigentlich schade, dass das Landleben mit dem Vorurteil der Monotonie behaftet ist. Kino, Kneipe und Kultur sind oft meilenweit entfernt. In ihrem OTon beschreibt Susanne Forster eine Provinz, die doch ganz interessant sein kann.

Der heimische Wald ist mein liebster Ort, um zur Ruhe zu kommen.
von Susanne Forster Kontakt Profil

Jeder, so sagt man, hat seine ganz eigene Methode, mit neuen oder ungewohnten Situationen umzugehen. Der ein oder andere muss es vielleicht gerade herausfinden. Umso schöner, finde ich, dass ich schon weiß, wie ich wieder zu mehr innerem Gleichgewicht komme. Dann sitze ich am Gartenteich und lausche der Natur. Ich nehme die singenden Vögel wahr, die raschelnden Blätter im Wind.

Mittlerweile beginne ich schon damit, das Zwitschern der verschiedenen Vogelarten zu deuten. Neben mir beginnt es zu summen. Ich entdecke eine Hummel, die Nektar aus einer Blüte saugt. Im Teich ziehen die Goldfische ihre Kreise. Ganz gemütlich schwimmen sie von vorne nach hinten, von links nach rechts.

Die Sonne kitzelt und brennt auf meinem Nasenrücken. In der Luft liegt ein Hauch von Sommer. Dann zieht das erste Frühlingsgewitter vorbei. Es blitzt und donnert. Auf den trockenen Boden prasselt der Regen. Er hinterlässt einen herrlich frischen Frühlingsduft.

Meine Feierabende verbringe ich nun wieder bis zum Einbruch der Dunkelheit draußen in der Natur. Hätte ich eine Strichliste, könnte ich bestimmt unzählige Sonnenuntergänge, die ich in diesem Jahr schon beobachtet habe, darauf notieren.

Ja – ich finde all diese Wunder der Natur toll und so ganz und gar nicht langweilig. Viele scheinen nun auf den Geschmack des Landlebens gekommen zu sein. Auf Instagram entdecke ich Bilder von Spaziergängen durch Wald und Wiese und weniger „Netflix and Chill“. Ja, und überhaupt scheint das Leben in der Provinz gerade voll im Trend zu sein. Habe ich zumindest gelesen. „Leben im Paradies“, schrieb da jemand.

Meine Laufrunde um meinen Lieblingssee muss ich derzeit canceln – zu viele Menschen möchten Natur und Wasser genießen. Es sei ihnen vergönnt, doch ich suche lieber das Weite. Und die Ruhe. Ein Glück, dass ich nur wenige Schritte von meiner Haustür entfernt meinen Garten Eden habe. Ich gehe in ihm spazieren. Schreite über den feuchten, moosgrünen Boden. Ich steige über Wurzeln und Äste – es knackt und raschelt. Ich rieche die feuchte Erde, schließe meine Augen. Lasse meine Gedanken schweifen. Ich inhaliere die frische, klare Luft. Atme tief ein und aus. Es fühlt sich gut an. Ich stehe mitten im Wald.

Auf dem Nachhauseweg komme ich an einem Rapsfeld vorbei. Den Regen kann ich noch immer riechen. Ich bilde mir ein, die Pflanzen seien nach dem ergiebigen Guss schon etwas gewachsen. Sie sehen saftig aus. Ich nehme wahr, alles, was um mich herum geschieht. Ich entdecke einen Hasen. Er huscht über die Wiese. Am Wegesrand höre ich ein Rascheln. Es ist ein Maulwurf, der sich vor mir unter langen Grashalmen versteckt. Einen Moment lang lässt er sich von mir beobachten. Ja, es ist wahr – ich lebe im Paradies.

OTON:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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Kommentare

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Iris Würth

Ein sehr schöner und wohltuender Artikel von Frau Forster. Man taucht mental rasch in die bildhaft beschriebene Natur ein, dies hat bereits beim Lesen meditativen Charakter und macht Lust auf das bewusste Wahrnehmen von Wald und Flur sowie darauf, die Seele darin baumeln zu lassen.
Wunderbar :)

18.04.2020