"Es kam schon häufig vor, dass ich mit meinem Werkzeugkoffer bei Kunden aufgetaucht bin und dann wurde verdutzt geschaut, weil ich kein Mann bin. Die Leute rechnen nicht damit, dass eine Frau kommen könnte." Julia Pröll arbeitet als Steinmetzin und ist als solche in eine Männerdomäne vorgedrungen. Die 28-Jährige ist die einzige Meisterin der Oberpfalz und bildet inzwischen selbst aus. Doch auf ihrem Weg zur Chefin hat die selbstbewusste Frau viele Rückschläge hinnehmen müssen. "Die Männer schauen immer: ‚Na, wie stellt sie sich denn an?‘ Als Frau muss man sich mehr beweisen, auf alle Fälle", sagt Pröll aus eigener Erfahrung.
Die gebürtige Schwandorferin war sich nach der Mittleren Reife an der Mädchenrealschule ihrer Heimatstadt keineswegs sicher, wo es beruflich einmal hingehen sollte. Weil der elterliche Steinmetzbetrieb zunächst nicht im Fokus stand, absolvierte Julia ein Praktikum bei einem Floristen und im Architekturbüro. Doch schnell wurde ihr klar: "Ich fühlte mich im Büro eingesperrt und will, dass bei meiner Tätigkeit etwas Konkretes entsteht", beschreibt sie ihre Arbeitsphilosophie. Also ließ sich Julia in der Werkstatt ihres Vaters den Steinmetzberuf zeigen. "Ich hab schnell gemerkt, dass mir das liegt." Mit 16 beginnt die Jugendliche ihre Ausbildung im vom Opa gegründeten Familienbetrieb.
Der Vater als Lehrmeister
Gerade die Anfangszeit war besonders schwer. "Man nimmt Kritik von den Eltern deutlich persönlicher als von fremden Menschen." Während der Lehre beim Vater habe es viele Konflikte gegeben: "Das war schon ein Kampf", blickt die heutige Meisterin zurück. "Als Vater schaut man bestimmt strenger hin, und es gab auch nicht allzu viel Lob, weil er nicht wollte, dass mein Streben, mich ständig zu verbessern, verloren geht." Dennoch habe sich Rupert Pröll "narrisch gefreut", dass eine seiner beiden Töchter in den Betrieb einsteigen wollte. Heute arbeitet die Tochter seit zwölf Jahren im Familienbetrieb. "Inzwischen klappt alles reibungslos", zieht die Juniorchefin zufrieden Bilanz.
In der dreijährigen Ausbildungsphase gelangte Julia auch an körperliche Grenzen. Meistens war ihr Geschlecht ein Thema: War sie als Frau für diesen anstrengenden Beruf geeignet? "Beim Abladen einer 120 Kilogramm schweren Steinsäule habe ich mir mal den Rücken so verrissen, dass ich zwei Wochen nicht gerade stehen konnte", erzählt Pröll. Ein anderes Mal lautet der Auftrag, die gesamte Oberfläche einer Grabanlage zu bearbeiten. Händisch, mit dem Steinbeil. "Es dauerte zwei Tage, bis ich fertig war. Die Arbeit ging voll auf Sehnen und Muskeln in den Armen und Händen, weil man immer die gleichen Bewegungen ausführt."
Die Auszubildende bekam eine Sehnenentzündung – und gab dennoch nicht auf. Auch später, bei der Meisterprüfung, bewies die junge Frau Kampfgeist: "Die Prüfer wollten sehen, dass ich kämpfe. Und ich hab mich durchgebissen. Ich bewundere, was man alles aus Stein machen kann. Kreativ zu sein und zu gestalten, das gefällt mir. Der Beruf bringt alles mit, was ich gerne mache. Jeder Tag ist anders, man ist nie nur im Büro."
Mit 21 schließt Pröll die Meisterprüfung als Jüngste ihres Jahrgangs ab. "Blasen ohne Ende" hatte sie nach der 80-stündigen Bearbeitung ihres Meisterstücks, einem 1,5 Tonnen schweren Werkstück aus Kalkstein – geformt als geschwungenes Wellenband. Das ist nun sieben Jahre her. Eine lange Zeit, in der die Frau ausreichend Einblicke in ihren Job erhalten hat, um zu wissen, dass trotz der groben Arbeit mit Hammer, Meißel und Bohrer viel Empathie nötig ist.
Das Gewerbe mit dem Tod
Denn im Steinmetzgewerbe ist der Tod allgegenwärtig. 70 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringt Pröll mit Grabmälern. Schriften und Gravuren einarbeiten, Grabsteine reinigen und entwerfen, das gehört zum Alltag. "Als Steinmetz muss man auch Psychologe sein. Die Leute kommen oft nach einem Todesfall zu uns. Meine Aufgabe ist es dann, mit dem Kunden ein Denkmal zu entwerfen, einen Ort der Trauer, den er gerne aufsucht. Da braucht man viel Feingefühl."
Am meisten begeistern kann sich die Schwandorferin für künstlerische Arbeiten. "Ich mag ausgefallene und alte Schriften, seltene Bildhauerarbeiten oder Gravuren." Diese werden zuerst mit dem Bleistift aufgezeichnet und dann in filigraner Arbeit auf den Millimeter genau aus dem Naturstein herausgemeißelt. Doch die Freude an der Arbeit wird mit Blick auf die Zukunft getrübt. "Es ist ein aussterbender Beruf. Es kommt einfach kein Nachwuchs mehr nach", klagt Julia Pröll. Ein Lehrling arbeitet momentan im Steinmetz-Meisterbetrieb in Schwandorf. Zwei könnten es laut Juniorchefin sein – und für kommendes Jahr liegt noch keine Bewerbung vor.
Woran liegt das? "Wer will schon den ganzen Tag im Staub und Dreck stehen?", deutet die Handwerkerin Bequemlichkeit bei Jugendlichen an. Hinzu käme, dass es nur wenige Steinmetze gibt. Folglich würden junge Menschen bei der Berufswahl auch nicht an diese Option denken. "Die Leute haben unser Gewerbe nicht im Kopf. Wann braucht man schon einen Steinmetz? Meist nur, wenn jemand stirbt und ein Grabstein her muss." Pröll gibt zu, dass sie selbst wohl auch nie auf ihren Traumjob aufmerksam geworden wäre, hätte nicht der Vater als Vorbild gewirkt.
Chaos an Allerheiligen
Doch auch, wenn der Fachkräftemangel Sorgen bereitet – die Auftragslage tut es nicht. "Allerheiligen steht vor der Tür. Jeder will sein Grab noch schnell auf Vordermann bringen lassen. Bei uns geht´s drunter und drüber in der Werkstatt." Viel Zeit zum Nachdenken bleibt Julia Pröll kaum. Die Arbeit ruft – und kein Tag ist wie der andere.
Als Steinmetz ist man auch Psychologe. Man muss einen Ort der Trauer entwerfen. Dafür braucht man Feingefühl.












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