09.08.2018 - 13:58 Uhr
OTon

Sich selbst bewusst sein

24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche bin ich umgeben von anderen Menschen. Allein sein kenne ich nicht. Deswegen bin ich sehr verunsichert, als ich mich eines Nachmittags alleine in ein Café setze. Für mich eine Premiere.

Eine Tasse Kaffee in der Mittagspause alleine zu genießen, kann entspannend sein.
von Anne Sophie Vogl Kontakt Profil

Es ist der vermutlich heißeste Tag des Jahres. Nirgends ist es so richtig auszuhalten. Vor allem nicht in der Redaktion. Mein Magen knurrt, Zeit fürs Mittagessen. Die meisten Kollegen sind schon unterwegs, die anderen können sich nicht so recht aufraffen, bei dem Wetter rauszugehen. Ich bin eigentlich ein Rudel-Mittagsmacher, doch an diesem Tag ziehe ich alleine los.

Ich stöbere etwas durch einen Klamottenladen, dann eine Buchhandlung. Mein Weg führt mich zu einem Café, etwas abseits der Fußgängerzone. Kein Mensch sitzt im Außenbereich. Das beklemmt mich noch mehr in meinem Vorhaben, mich alleine in ein Café zu setzen. Trotzdem nehme ich Platz.

Die Stille ist angenehm. Drei große Bäume spenden Schatten. Das Plätschern des Brunnens wirkt beruhigend. Ich studiere kurz die Karte, schon kommt eine freundliche Bedienung. "Wissen Sie schon?" Obwohl ich in ihrem Alter bin, siezt sie mich. Das ist mir noch nie passiert. Ein Schmunzeln huscht mir übers Gesicht. Ich bestelle einen Latt Macchiato und einen Frischkäse-Bagel. Nicht einmal ein Buch oder eine Zeitschrift habe ich dabei, deswegen krame ich mein Smartphone hervor und wische unbeholfen durch das Menü. Irgendwie will ich beschäftigt wirken und nicht wie jemand, der einfach so alleine dasitzt. Ich zappele etwas unsicher auf meinem Stuhl. Handy in die Tasche, Handy aus der Tasche, und wieder zurück. Geldbeutel raus, Geldbeutel rein. "Was machst du da eigentlich? Durchatmen, selbstbewusst sein", befehle ich mir.

Jetzt lese ich mir die Karte noch einmal genauer durch. "Schon interessant was es alles an Kaffeevariationen gibt. Ich sollte mich irgendwann mal durchprobieren", denke ich. Sonst habe ich es ja immer eilig, schnell etwas auszuwählen, um dann mit dem Gegenüber zu plaudern. Heute nicht. Schnell kommt das Essen und mein Latte. Genüsslich beiße ich in den Bagel. Ich nehme Geschmäcker und die Umgebung bewusster wahr, jetzt, da ich mit meinen Gedanken alleine bin. Es ist gut so. Die Stille entspannt mich. Nach und nach kommen ein paar Gäste dazu. Niemanden interessiert es, dass ich alleine bin. Warum sollte es auch? Nachdem ich aufgegessen und meinen Latte in aller Ruhe ausgetrunken habe, zahle ich und gehe erholt und zufrieden zurück an meinen Arbeitsplatz.

Vielleicht sollte jeder ab und zu nur für sich sein, seinen Gedanken nachhängen. Denn, das kann ich nun sagen, es ist nichts komisches oder langweiliges daran, alleine in einem Café zu sitzen. Ich persönlich werde mir diese Zeit für mich in Zukunft öfter gönnen.

Info:

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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