09.05.2019 - 12:00 Uhr
OTon

Sex, Drugs and Jesus: Zugfahren ist Reality-TV ohne Kamera

Zugfahren ist wie Privatfernsehen, findet unser Autor: Mal gruselig, mal lustig, meistens unterhaltsam und oft unvergesslich. Im neuen OTon schreibt Julian Trager über skurille Geschichten aus dem Zugabteil.

Spannender als das Zugfahren in Deutschland ist eigentlich nur das Zugfahren in Indien.
von Julian Trager Kontakt Profil

In den vergangenen Wochen ist wieder viel über die Verkehrswende diskutiert worden: Die Leute sollen doch bitte mit dem Bus oder der Bahn fahren, nicht mit ihren Autos, den Dreckschleudern. Der Umwelt zu liebe. Stimmt natürlich. Die Öffentlichen Verkehrsmittel bieten aber noch weitere Vorteile. Das habe ich als langjähriger Bahnpendler gelernt. Gerade das Zugfahren, das ist wie Privatfernsehen. Mal prollig, mal lustig, mal skurril – aber fast immer unterhaltsam. Reality-TV ohne Kamera. Einzige Voraussetzung: Niemals Kopfhörer aufsetzen! Sonst verpasst man was.

Wie vor kurzem, im Zug nach Schwandorf. Das Abteil fast leer, nicht mal 15 Plätze besetzt, die meisten Passagiere dösen. Nur einer stört die Ruhe, der Mann kommentiert jede Durchsage – mit wüsten Beschimpfungen, die man hier nicht schreiben darf. Als plötzlich vier Zollbeamte und ein Schäferhund im Zug stehen, wird der Mann kleinlaut. „Drogen oder Waffen dabei?“, fragt einer der Zöllner. „Nein“, antwortet der Mann. „Die wurden mir bereits in Rumänien abgenommen.“ Die Handschellen klicken trotzdem, offenbar wurde der Mann per Haftbefehl gesucht. Dann nimmt sich der Spürhund alle anderen Abteil-Insassen vor, schnüffelt an jedem. Auf der Vorderbank sagt ein junger Mann zu seinem Sitznachbarn: „Scheiße, hoffentlich kontrollieren die nicht mich.“ Eine kurze Pause. „Ich habe nämlich keine Unterhose an.“

Im Zug nach Amberg, ein hagerer Mann – randlose Brille, Seitenscheitel, Hemd unterm Pullunder – setzt sich neben mich. Greift in seinen Rucksack, zieht ein gelbes Büchlein heraus. Gibt es mir. Ein Reclam-Heft? Das Leiden des jungen Werthers? Nein. Eine Abhandlung über Jesus. Der hagere Mann ist offenbar Mitglied einer Sekte, oder etwas ähnlichem. Er will mich missionieren, erzählt von den Taten Jesu, erzählt, wie toll seine Religionsgemeinschaft ist. Ich solle doch mal vorbeikommen. Gruselig. Die Leiden des jungen Pendlers. Und trotzdem war die Fahrt unvergesslich.

Vielleicht das noch: Ein Zug nach Regensburg, in Regenstauf steigen vier ratschende Mädels ein. Es geht offenbar ums vergangene Wochenende. „Die Nacht mit Jonas war so toll“, sagt eine. Die erste Reaktion der anderen: „Hast du die Pille genommen?“ Die vier kichern. Eine versteckt ihr rot anlaufendes Gesicht hinter einem Leitz-Ordner, darauf steht: 8b.

Alleine im Auto erlebt man so etwas nicht. Kein Radio kann da mithalten, kein Hörspiel – nicht mal Spotify. Jetzt müssten die Züge halt nur noch pünktlich sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

OTON:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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