26.11.2020 - 10:48 Uhr
OTon

Vom Suchen und Finden der Heimat

Wie viele junge Menschen wollte auch Vanessa Lutz lange nur eines: schnell und weit weg von hier. Warum sie doch wieder zurückgekommen ist und die Kleinstadt nicht mehr als Last, sondern als Bereicherung sieht, beschreibt sie im neuen OTon.

Die Aussicht von der Burgruine Weißenstein vor wenigen Tagen. Die Autorin hat noch einiges nachzuholen und erkundet die Natur in ihrer Heimat.
von Vanessa Lutz Kontakt Profil

Früher, noch vor ungefähr zehn Jahren, da stand für mich noch nicht viel fest. Nur eines war mir klar: Schnell weg von hier. Ich wollte raus, hinaus in die weite Welt, wollte mehr Kunst, mehr Kultur - und mehr Anonymität. Das Leben in der Kleinstadt im Landkreis Tirschenreuth - es hat mich immer eingeengt. In der Schule immer die gleichen Gesichter, beim Einkaufen immer die gleichen Gesichter. Nachbarn, die meinten, besser informiert zu sein als die eigenen Eltern.

Die Heimat, die Menschen, die Umgebung, das alles hat mich nie interessiert. Dass für junge Menschen kaum etwas geboten war, wollte man keine lange Fahrtzeiten auf sich nehmen, tat sein Übriges. Die einzige Musikkneipe, damals in meiner Nähe, hat vor sechs Jahren für immer seine Pforten geschlossen. Die öde Kleinstadt - sie war mir da nun endgültig ein Graus.

Weit habe ich es, ehrlich gesagt, nicht geschafft. Nach Bayreuth nur, um genau zu sein. Sei's drum, nur eine kurzer Zwischenstopp, dachte ich mir. Und dann aber wirklich: hinaus in die Welt, ab in die Großstadt. Der Kontakt zur Heimat ist zu der Zeit größtenteils abgebrochen. Bewusst. Ich wollte Luft zum Atmen. Mich ausprobieren. Neue Leute kennenlernen. Ich kostete alles aus. Freunde kamen und gingen. Veranstaltungen waren reichlich vorhanden. Die Stadt lebte, die Innenstadt war menschenvoll, jeden Tag. Doch zuhause habe ich mich nie gefühlt.

Irgendwann ertappte ich mich dabei, eine Art Sehnsucht zu spüren. Erschlagen und ausgelaugt zu sein von all den Eindrücken, die ich wie ein Schwamm aufgesaugt hatte. Es zog mich, erst ab und an und dann immer öfter, wieder zurück. Zurück in die beschauliche Kleinstadt, die ich aus tiefstem jugendlichen Herzen verachtet habe. Zu meinen alten Freunden aus Kindertagen, die mich wieder mit offenen Armen empfangen haben. Ich lernte ganz neu kennen, was ich bis dato verpasst hatte.

Eine lieb gewonnene Tradition droht heuer zum ersten Mal gebrochen zu werden

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Ich begann, bewusst hinauszugehen, die Natur in der Gegend zu erkunden, die alten Geschichten aus der Heimat kennenzulernen. Ich begann zu schätzen, dass man ein Auge aufeinander hat. Dass man eben irgendwo, in der Kleinstadtgemeinschaft, zusammenhält. Dass das alles nicht lästig, sondern vielmehr eine Bereicherung ist.

Ich muss wieder zurück, stand also für mich fest. Hals über Kopf. Das tat ich auch. Und ich habe es keine einzige Sekunde bereut. Jetzt, wenn ich einkaufen gehe, freue ich mich, alte Klassenkameraden wiederzusehen. Beim Tanken mit der gleichen Kassiererin wie auch schon vor meiner Abreise zu plauschen. Zu schmunzeln, wenn ältere Damen auf dem Bürgersteig innehalten, um den neuesten Tratsch auszutauschen. Mir ist der Blick lange abhanden gekommen. Doch jetzt ist es für mich umso klarer: Das ist meine Heimat.

Info:

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Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne "OTon" schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet - was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.

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