22.10.2020 - 12:50 Uhr
OTon

Timing ist nicht meine Stärke

Große Erwartungen, keine Ergebnisse. Im OTon erinnert sich Wolfgang Ruppert an den Spruch eines Kollegen. "Das halbe Leben verbringt der Redakteur mit warten." Er stellt fest, dass das nicht nur leere Worte sind.

Manchmal ist es deprimierend, wenn man eine Geschichte schreiben will, die Gesprächspartner aber nicht erwischt.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Ein Kollege hat mal zu mir gesagt: "Das halbe Leben verbringt der Redakteur mit Warten". Wie recht er doch damit hat. Wenn ich morgens voller Elan an die Arbeit gehe, dann mach ich mir im Kopf auf dem Weg immer schon einen kleinen Plan, wie der Tag laufen soll. "So, heute habe ich drei Artikel zu machen".

Ich gebe mir selbst Zeitfenster vor, in denen ich meine Texte jeweils fertig bekommen will, damit ich ungefähr abschätzen kann, wann ich Feierabend machen kann. Im Büro angekommen schmeiß ich den PC an. "So, los geht's, das wird ein Kinderspiel für mich." Schneller als ich es selbst begreife, habe ich den Telefonhörer am Ohr und wähle eine Nummer. Dabei verwähle ich mich natürlich erst mal oder ruf eine Faxnummer an - das ist halt so ein Problem, wenn die Finger schneller als der Kopf sind. Macht aber nix. Beim zweiten Mal klappt's, die Leitung ist frei, es tutet. Und was passiert? Gar nichts.

Entweder mein Gesprächspartner ist nur noch nicht da, im schlechtesten Fall aber ist er den ganzen Tag nicht erreichbar. Der Plan, den ich mir ausgesponnen habe, ist damit für die Katz'. "Macht ja nichts", denk ich mir, "mache ich halt derweil was anders." Leider bin ich kein Schriftseller und kann schlechterdings nicht einfach irgendwas erfinden, um eine Geschichte zu schreiben. Also wieder ans Telefon, schließlich wollen die Leute in der Zeitung Geschichten über Menschen lesen. Diesmal nimmt auch tatsächlich jemand ab. Leider aber nicht die richtige Person, sondern irgendwer, der sagt, dass mein Ansprechpartner gerade nicht da ist, am Nachmittag aber sicherlich wieder erreichbar sein wird. Am Nachmittag? Ernsthaft? Dass ich mich an einen festen Zeitplan halten wollte, scheint denen wohl völlig egal zu sein.

Und so vergehen die Stunden mit Telefonaten, die nicht zum Ziel führen. Es fühlt sich so an, als würden die Gesprächspartner nur darauf warten, dass ich den Raum verlasse, denn so oft ich vom Platz weggehe, ist da ein Anruf in Abwesenheit. Abwesenheit trifft es nicht einmal. Oft sind es nicht einmal zwei Minuten, während denen ich weg war. Aufs Klo muss man ja schließlich auch mal. Mal ist es mir egal, mal stresst mich das Timing enorm. Ganz ehrlich, das ist eine Sache von Sekunden. Dafür kann ich dann oft noch eine gefühlte Ewigkeit warten, bis ich wieder die Chance habe, mit dem, den ich so dringend sprechen muss, telefonieren zu können.

Am Ende des Tages klappt es dann aber doch meistens, dass ein Gespräch zustande kommt, über das ich ausführlich schreiben kann. Die Frage, die ich mir stelle, ist, warum muss es immer so verdammt kompliziert sein?

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