28.02.2019 - 14:52 Uhr
OTon

Vorgedrängelt

Über den eigenen Tellerrand hinausblicken, aufmerksam sein und hilfsbereit. Durchtränkt mit positiven Absichten schlendert Wolfgang Fuchs durch die Reihen eines Weidener Supermarktes - und tappt in eine Falle.

Ein vollgepackter Einkaufswagen ändert die Situation an der Kasse.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Kurz vor einem anderen Kunden erreiche ich die Warteschlange. Zerstreut steht er da und träumt. In der Hand hält er nichts als eine Zeitschrift. Ich hingegen: Pasta, Pesto, Parmesan. Gemüse. Getränke. Capri-Sonne. Der Mann tut mir leid. Er wirkt so einsam und verloren. "Gehen Sie ruhig vor", sage ich zu ihm und nicke einfühlsam. "Bei Ihnen geht es sicher schneller. Ich habe es nicht eilig", füge ich hinzu und fühle mich gut dabei.

Und tatsächlich, er scheint sich zu freuen. "Danke!" Er lächelt. Und tritt vor mich an die Kasse. Zufrieden mit meiner guten Tat betrachte ich seinen Rücken. Da dreht er sich um. Blickt über mich hinweg, oder durch mich hindurch. Was ist denn los, denke ich besorgt. Er hebt den Arm und schnippt mit den Fingern. Ich schaue ihn an. Drehe mich um. Hinter mir stützt sich eine Frau auf einen prall gefüllten Einkaufswagen. Sie kommt näher. Schweißperlen glänzen auf ihrer geröteten Stirn. "Servus", bellt sie mich an und rollt vorbei, hin zu dem Mann vor mir, der mich mittlerweile unverhohlen angrinst.

Ob man mir die Erschütterung in diesem Moment wohl angesehen hat? Die Fassungslosigkeit? Welch Dreistigkeit, denke ich nur. Ich lasse ihn vor, weil ich nett sein möchte - und nun das! Meine Gedanken überschlagen sich. Aber sagen tue ich nichts, stehe nur da, Augen und Mund weit offen.

OTON:

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. In unserer Kolumne „OTon“ schreiben wir einmal in der Woche über das, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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