27.03.2020 - 14:07 Uhr
Waldmünchen im Landkreis ChamOTon

Freundschaft. Selfie. Tod.

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Fotos oder Selfies machen auf Bahngleisen: Oft sind es junge Mädchen, die sich für das perfekte Foto in Gefahr begeben. Anne Sophie Vogl hat sich mit einem Bundespolizisten und einer Instagram-Bloggerin über diesen Trend unterhalten.

Bahnschienen sollen die unendliche Freundschaft symbolisieren. Für das perfekte Foto begeben sich jedes Jahr viele Jugendliche in Gefahr.
von Anne Sophie Vogl Kontakt Profil

"Bitte Lächeln!", heißt es nur noch selten beim Foto machen. Überhaupt Fotos. Das ist ein Begriff, der es im klassischen Sinn nicht mehr ganz trifft. Selfies, also ausschließlich Selbstporträts, sind beliebt bei Teenagern.

Todesfälle durch Selfies

Dafür begeben sie sich in verschiedene Locations um einen besonders spektakulären Hintergrund zu haben. Auch auf Bahngleise. Meistens endet das mit einer Standpauke von Polizisten oder Eltern. Manchmal endet es tödlich. Wie im Fall eines 13- und eines 16-jährigen Mädchens aus Memmingen (Allgäu). Auch in Lünen nahe Dortmund kamen eine 14- und eine 15-Jährige auf den Gleisen ums Leben. Die Chipkarte der Kamera offenbarte, dass sie kurz zuvor Fotos von sich geschossen hatten. So richtig begreifen kann wahrscheinlich niemand, was in den Köpfen der Teenies vorgeht, wenn sie auf Bahngleisen für ein Foto posieren. "Meistens handelt es sich dabei um junge Mädchen zwischen 13 und 16", sagt Polizeihauptkommissar Josef Pongratz von der Bundespolizei Waldmünchen. Die ist auch für die Bahnsicherheit in der Region verantwortlich. "Solche Bilder sollen die unendliche Freundschaft zwischen zwei Mädchen symbolisieren. Meistens posieren sie Hand in Hand oder jeder bildet mit einer Hand eine Hälfte eines Herzens", führt Pongratz aus. Er habe schon des Öfteren solche Situationen miterlebt. Besonders wichtig ist ihm und seinen Kollegen, den Jugendlichen ins Gewissen zu reden. Aufklärungsarbeit an Schulen gehört zu den präventiven Maßnahmen. "Und neben all den Gefahren - das Überqueren von Bahngleisen kann die Polizei ahnden", betont der Polizeihauptkommissar.

Romantik, Drama, Freundschaft - das stehe für die im Vordergrund, die sich für ein Foto in Gefahr bringen. Pongratz weißt darauf hin, dass auch auf vermeintlich stillgelegten Gleisen noch Güterverkehr stattfinden kann. Doch selbst wenn ein Zug heranrauscht, das muss man doch hören, könnte man meinen. "Die jungen Leute sind in dem Moment abgelenkt, konzentrieren sich auf das Handy, auf die Pose. Sie bemerken den Zug erst, wenn es zu spät ist", erläutert Pongratz.

"Ich versteh' das nicht", sagt Magdalena. "Ich sehe da keinen Sinn dahinter". Die 21-Jährige ist als Influencerin auf Instagram aktiv und stammt aus Sulzbach-Rosenberg. Sie veröffentlicht auf dem Account "fakemaggy" sehr persönliche Gedichte und hat eine Leidenschaft für Fotografie. Und das ohne Bahnschienen im Hintergrund. Klar, sie verstehe, dass eine gewisse Faszination für die Jugendlichen davon ausgehe, "aber es gibt viel schönere Orte um Fotos zu machen". Etwa im Alter von 16 hatte sie sich von einer Freundin überreden lassen, auch so ein Bild zu machen. Es war ein spontaner Schnappschuss, sie sind auf stillgelegten Gleisen balanciert. Heute bereut sie das. "Obwohl ich wusste, dass sie außer Betrieb waren, hatte ich trotzdem noch Angst und hab' mich ständig vergewissert, dass es auch wirklich nicht gefährlich ist." Auf Instagram oder anderen Sozialen Netzwerken habe sie das Bild aber nie hochgeladen. "Kurz hatte ich schon überlegt, ich wollte aber niemanden auf so eine Idee bringen", sagt die Sulzbach-Rosenbergerin.

Eine der Aufgaben von Polizeihauptkommissar Josef Pongratz ist, Jugendliche für die Gefahren auf Bahngleisen zu sensibilisieren.

Auch gefälschte Bilder gefährlich

Denn darin liege eine gewisse Gefahr, bestätigt auch Pongratz. Selbst, wenn Schienen mit Bildbearbeitungsprogrammen künstlich in ein Bild eingefügt werden. "Das wissen ja die jungen Mädchen nicht", betont er. Schnell würden sich Nachahmer finden. Und auch Magdalena ist gegen so eine Darstellung. "Das ist weder ästhetisch, noch authentisch." Laut Pongratz drücken die Mädchen mit den Fotos ihre Emotionen aus. So weit, so gut. Doch es gibt einfachere Wege ein schönes Foto zu machen, ohne sich dabei in Gefahr zu bringen. Magdalena macht einen Vorschlag: "Fotos aus dem Alltag, auf denen die Freundinnen gemeinsam lachen oder sich unterhalten. Die Motive können auch zufällig entstehen. Das ist viel schöner und echter. Gestellte Bilder vermitteln nichts".

In diesem OTon-Artikel erzählt Magdalena, wie sie mit Gedichten gegen Depressionen ankämpft

Sulzbach-Rosenberg
Magdalena schreibt als "fakemaggy" Gedichte und veröffentlicht sie in Büchern, einer eigenen App und auf Instagram.
Kommentar:

Schluss mit dem Todes-Schnappschuss

Mädchen sterben, weil sie Fotos auf Bahngleisen schießen. Was ist da los? Wem wollen sie etwas beweisen? Es ist unverständlich und unnötig, ästhetisch schon gleich drei Mal nicht. Sie wollen zeigen, wie unendlich ihre Freundschaft ist, wollen auf Risiko gehen, denken, sie sind unverwundbar. Doch das sind sie nicht. Mädchen aus Bayern und Nordrhein-Westfalen erleben nicht mal ihren 18. Geburtstag. Und das selbstverschuldet. Traurig.
So ganz auf die Jugend schieben kann man das Problem aber auch nicht. Schließlich kommt es immer wieder vor, dass Erwachsene von Klippen oder Brücken stürzen, beim Versuch ein Selfie zu machen. Das Internet ist voll von „Die zehn gefährlichsten Selfies, die du gesehen haben musst“ oder „Das sind die sieben gefährlichsten Selfie-Orte der Welt“. Diese Sucht nach dem spektakulärsten Foto für Instagram, Facebook und Co. ist ein Problem, das jeden etwas angeht. Dafür müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen und solche Dummheiten lassen.

Von Anne Sophie Vogl

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