06.09.2019 - 11:54 Uhr
WindischeschenbachOTon

Fünf Tage nicht duschen – sind Pfadfinder "normal"?

Sie lieben Zelten, Lagerfeuer und Wandern, haben eine altmodische Kluft und begehen täglich eine gute Tat – die Liste der Klischees über Pfadfinder ist lang. Doch was davon stimmt wirklich? Drei Leiter der DPSG Windischeschenbach erzählen.

Stolze Pfadfinder aus Überzeugung: Die Stammesvorsitzenden der DPSG Windischeschenbach, Elisabeth Gierisch und Florian Sperber (im Vordergrund) und Leiterin Miriam Sperber sind auch privat befreundet.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

"Wir lassen uns nicht im Dschungel aussetzen und schlagen uns dann zurück in die Zivilisation. Aber eine gewisse Naturverbundenheit gehört schon zu uns Pfadfindern." Das sagt Elisabeth Gierisch, Stammesvorsitzende der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (DPSG) Windischeschenbach. "Wir sind zwar keine Umweltfanatiker, aber wenn wir beispielsweise ein Zeltlager abbauen, machen wir eine Müllkette und achten darauf, den Platz sauber zu hinterlassen. Da unterscheiden wir uns wohl schon von privaten Jugendgruppen, denen es oft nur um Party geht."

Die 25-Jährige erklärt gemeinsam mit Co-Vorsitzendem Florian Sperber und der mit ihm zufällig namensverwandten Miriam Sperber ihre Sicht auf bekannte Klischees und gibt Einblicke in den größten Pfadfinderverband Deutschlands.

Angst vor Wildschweinen

"Die älteren Geschwister und viele Verwandte waren auch schon Pfadfinder, von daher war es für mich als Kind ein Highlight, auch endlich dabei zu sein und ins Zeltlager zu dürfen", berichtet Elisabeth über ihre Anfangsjahre. Miriam kam erst mit 15 als Quereinsteigerin dazu. "Damals wurde eine neue Rovergruppe (älteste Stufe der 16- bis 20-Jährigen, Anmerkung der Redaktion) gegründet. Die haben viel cooles Zeug gemacht, und ich hab mich für die Jungs interessiert." Seit eineinhalb Dekaden Mitglied zu sein, hat die Berufsschullehrerin nicht bereut. Trotz damals beängstigender Erfahrungen: "Einmal haben wir nachts am Waldrand gezeltet. Ich musste ganz außen an der Zeltwand schlafen und habe die Wildschweine grunzen gehört. Ich war ganz neu, natürlich haben sich die anderen über mich lustig gemacht."

"Unsere Kinder wissen schon, wie sie selbst ein Zelt aufstellen oder sich mit Karte und Kompass in der Natur orientieren, das lernen sie in den Gruppenstunden." Hier zeigen die Stammesvorsitzenden Florian Sperber und Elisabeth Gierisch die Knotenwand im Gruppenzimmer der DPSG Windischeschenbach.

Bei Null Grad in der Jurte

Geschichten aus dem Zeltlager kann jeder Pfadfinder erzählen, so auch Florian, Elektroniker bei Witt Weiden. Gut erinnern kann er sich an ein verregnetes Lager: "Das Wasser hat im Zelt gestanden, der ganze Boden war matschig – und wir dazu. Aber man schürt dann halt einfach mehr Feuer und spielt Karten." Hart im Nehmen mussten die Windischeschenbacher auch sein, als sie an Pfingsten 2016 am Diözesanlager in Thalmässing teilnahmen. "Es hatte nachts null Grad. Wir haben dann in den Jurten Feuer geschürt, und für solche Fälle haben wir immer zusätzliche Decken dabei, falls jemand nur einen dünnen Schlafsack hat", berichtet der 27-Jährige.

Auch ist ein Pfadfinderlager kein gewöhnliches Feriencamp. Das beginnt schon bei den Zelten: In der Regel säumen schwarze Kothen und große Jurten, aufgezogen an einem hölzernen Dreibein, das Biwak. Charakteristisch für Pfadfinder sind zudem Holzbauten, die sie mit viel Herzblut errichten. Und natürlich gehören Geländespiele, Nacht- und Fackelwanderungen oder ein meist mehrtägiger Hike, sprich eine Pfadfinderwanderung, zum Programm in den Lagern.

Weil er sich hierfür begeistert, hat sich Florian zum Vorsitzenden des rund 110 Mitglieder starken Vereins wählen lassen. "Es war mir ein Anliegen, dass der Verein weiter besteht und unsere Idee nicht einschläft." Auch Miriam ist stolz darauf, Pfadfinder zu sein und die Kluft zu tragen. Diese besteht aus Halstuch, Knoten und dem Hemd mit den Abzeichen. Die Aufnäher sind kein schmückendes Beiwerk, sondern müssen erarbeitet werden. "Für jede Fahrt, jede Aktion gibt es einen Aufnäher. So sieht jeder, wo man schon war."

Frauen bekommen bei der DPSG keine Sonderbehandlung: "Auch Mädchen können einen Hering einschlagen oder ein Zelt aufbauen", sagt Florian Sperber (rechts). Wer seinen Rucksack zu schwer packt, wird dies beim Pfadfinder-Hike bereuen.

Klufthemd wie bei der HJ?

Kritik, die beigefarbene Kluft sei altmodisch und erinnere an militärische Uniformen, kennen die Windischeschenbacher: "Ein älterer Mann", erzählt Elisabeth, "sagte mal zu mir: ‚Ah, jetzt kommt wohl die Hitlerjugend wieder.‘ Aber das ist Quatsch. Wir vertreten keine extreme politische Meinung, und ich finde auch nicht, dass die Kluft altmodisch ist. Sie steht eher für soziale Gleichheit. Alle im Stamm tragen sie. Das zeigt: Jetzt gehöre ich fest dazu, wir sind gleich, unabhängig von der Herkunft." Die Pfadis tragen ihre Kluft, sobald sie für Vereinszwecke in der Öffentlichkeit auftreten. "Wir haben sie auch im Zeltlager an, eigentlich fast durchgehend. Nach fünf Tagen ohne duschen ist das dann definitiv der Moment, wo sie auch mal gewaschen werden muss", sagt Elisabeth und lacht.

Donnerbalken als Toilette

Die Pfadfinderlilie ist eines der bekanntesten Symbole der Jugendbewegung. Auch den vom Stamm Windischeschenbach selbst errichteten Spielplatz am Waldnaabufer ziert das Symbol.

Früher sei beim Zelten noch ein Donnerbalken als Toilette benutzt worden, verrät Florian: "Es wurde im Wald eine Grube ausgehoben, der Donnerbalken drüber, alles mit einer Plane umspannt und dann ging´s los. Aber heute machen wir das aus hygienischen Gründen nur noch mit Dixies." Weil sie im Lager inzwischen über 100 Personen sind, müsste die Grube "schon sehr groß sein, das ist nicht zu machen".

Was auf den ersten Blick irritierend wirkt, ist jedoch genau das, worum es geht. Die Pfadfinder wollen aus dem Alltag ausbrechen und bewusst lernen, mit wenig zu leben. "Natürlich gibt es Kinder, die im Lager am liebsten Handy und W-Lan hätten oder Mädchen, die sich die Fingernägel lackieren. Nur, man stellt ganz schnell fest, dass man das alles nicht braucht", sagt Miriam. Obwohl Pfadfinder keine rückständigen Naturfanatiker seien, würden manche Klischees dennoch stimmen – Stichwort Lagerfeuer: "Ich wüsste nicht, was daran schlimm ist. Ein Feuer gehört einfach dazu, das ist urig und sorgt im Lager für Atmosphäre. Das ist ein Klischee, das wir sehr gerne erfüllen."

"Wir sind keine Engel"

Und was ist mit dem Gebot, jeden Tag eine gute Tat zu begehen? "Also Engel sind wir sicher nicht", sagt Florian schmunzelnd. "Man sollte es halt versuchen, oft reichen ja kleine Sachen, wie einen Plastikbeutel von der Straße aufzusammeln." Der Elektroniker betont, "ganz normal" zu sein: "Unsere Leiterrunde ist ein privater Freundeskreis, deshalb gehört Feiern definitiv auch dazu."

Manche der 15 Leiter der DPSG Windischeschenbach verstehen sich sogar so gut, dass mehr als Freundschaft daraus geworden ist. "Ich habe einen anderen Leiter geheiratet", sagt Miriam, inzwischen Mutter einer einjährigen Tochter. Die 29-Jährige ist überzeugt, dass Pfadfinder nicht nur intern attraktiv sind, sondern auch nach außen positiv wirken. Dies würde sich auch in der Mitgliederentwicklung des Oberpfälzer Stammes zeigen. "Unsere Region ist noch sehr ländlich. Das Vereinswesen und die Gemeinschaft sind hier noch stärker ausgeprägt." Elisabeth ergänzt: "Wir haben uns nicht überlebt, im Gegenteil. Wir hatten zuletzt Zulauf, unsere Nachwuchssituation ist gut. Viele fragen von selbst an, ob sie beitreten können."

Ein Feuer gehört einfach dazu. Das ist ein Klischee, das wir sehr gerne erfüllen.

Miriam Sperber (29), Jugendleiterin

Kontakt und Infos zu den St.-Georgs-Pfadfindern in Windischeschenbach gibt es auf deren Internetseite.

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