17.04.2018 - 19:14 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

E-Sport in der Oberpfalz: Tirschenreuther gründet Counter-Strike-Team Fragline Profi-Gamer: Die Sportler mit der Maus

E-Sport boomt, auch in der Oberpfalz spielen viele Menschen wettkampfmäßig am Computer. Ein Tirschenreuther gibt sogar Geld aus, damit andere für ihn zocken. Er hat eine Organisation gegründet. Mit der will er da hin, wo er früher selbst war: in den Profibereich.

Dominik "Semmel" Hühn ist im Tunnel. Bedeutet: Für den Tirschenreuther gibt es jetzt nur noch die Maus, die Tastatur und das Spiel. Auf dem linken Bildschirm prangt das Logo seiner E-Sport-Organisation. Bild: Julian Trager
von Julian Trager Kontakt Profil

Tirschenreuth/Amberg. Gut drei Jahre war Computerspielen sein Beruf. In der Zeit verdiente Dominik Hühn knappe 1200 Euro im Monat - mit dem Ego-Shooter "Counter-Strike". Der Tirschenreuther sagt: "Ich war ein aufstrebender Star in Deutschland. Ich habe bloß gezockt." Hühn war bei namhaften Teams wie ESC Gaming oder Dotpixels unter Vertrag. War viel unterwegs, spielte Turniere in Tschechien, Polen oder Skandinavien. "In Schweden bist du als Zocker der Chef", fast ein Popstar: "Wenn du einem deutschen Mädel sagst, dass du Geld durchs Zocken verdienst, dreht es sich um und geht. In Schweden wollen's ein Kind von dir."

Die Zeit war auch anstrengend, ein Profi muss schließlich viel spielen. Pro Tag hatte der Tirschenreuther drei Matches. Manchmal ging es ins Trainingslager - die in der E-Sport-Sprache "Bootcamps" heißen. Zwei Wochen lebte er dann mit seinen Teamkollegen in einem Haus in Köln. Dort wurde zusammen Sport getrieben, gekocht, gegessen und natürlich gezockt. Sowie: Taktiktraining. Wie beim American Football hat jedes Team ein Taktikbuch mit Spielzügen. "Ich hatte drei volle Ordner."

Mit 24 Jahren ist Hühn zu alt für die Profi-Szene

Seine Profi-Zeit habe ihm "voll getaugt". Würde er auch gerne wieder machen. Geht aber nicht. "Es fehlt der Elan." Und jünger sei er auch nicht geworden. Hühn ist zwar erst 24, für professionelle E-Sportler sei das aber schon alt. "Weil der Kopf dann nicht mehr so lange mitmacht." Zocken sei fordernder als Schach: "Weil du gegen fünf andere und mit vier Mitspielern spielst." Und weil alles in Echtzeit und parallel abläuft. Laut einer Untersuchung der Sporthochschule Köln führen E-Sportler 300 Bewegungen pro Minute durch, viermal mehr als normale Menschen.

Hühn, jetzt hauptberuflich Soldat bei der Bundeswehr, hat schlimmere Erfahrungen gemacht, als einfach nur älter zu werden. "Ich bin verarscht worden." Er sei von manchen Organisationen unfair behandelt worden, hätte manchmal kein Geld bekommen. "Mir wurde viel erzählt: 'Das Geld ist verschwunden, nie angekommen.'"

8000 Euro investiert

In seiner E-Sport-Organisation wird das nicht geschehen, sagt Hühn. Im Januar 2017 hat er das Team Fragline gegründet. Sein Team. "Ich entscheide alles." Bedeutet aber auch, dass er eine Menge machen muss - und bezahlen muss. Sponsoren hat der Tirschenreuther noch nicht, er sucht aber. Bis jetzt stemmt der 24-Jährige die Finanzierung selbst. 8000 Euro habe er schon investiert. "Ein Haufen Geld", findet Hühn. Dafür musste im vergangenen Jahr der Urlaub mit seiner Verlobten dranglauben. Die stehe aber hinter ihm.

Für Hühns Organisation laufe es sehr gut. "Wir machen uns in Deutschland derzeit einen guten Namen." Fünf Teams zocken für Fragline, Spieler aus ganz Deutschland. Halbprofis, darunter richtige Talente. Die möchte der Soldat fördern. Für seinen Schlaf ist das aber nicht förderlich. Hühn erzählt: "Ein Spieler hat mich in der Nacht angerufen, weil seine Tastatur kaputt ist, dann habe ich um 3 Uhr eine neue über Amazon Prime bestellt. Damit er am nächsten Tag spielen kann."

Unterstützung der Groko

Warum er das macht? "Weil's mir am Herzen liegt." Der Tirschenreuther lebt E-Sport. Der sei in Deutschland auf einen guten Weg. Sogar die Politik interessiert sich dafür. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD steht, dass die Parteien E-Sport künftig als eigene Sportart mit Vereins- und Verbandsrecht anerkennen wollen.

Und trotzdem gebe es laut Hühn noch immer viele Deutsche, die sich über E-Sportler denken: "Das sind nur Nerds." Dabei stehe doch in fast jedem Kinderzimmer ein Gaming-PC oder eine Spielekonsole. Das Potenzial sei enorm. Auch in der Oberpfalz? Ja und nein. In der Spitze sei die Region weniger gut aufgestellt, sagt Hühn. In der Breite sieht's anders aus. Viele Menschen zocken wettkampfmäßig. So wie die sieben Jungs vom Team Bavarian.

Nur zur Gaudi, aber trotzdem gut

Die Kumpels kommen alle aus Amberg und Umgebung. Sie spielen den Taktik-Shooter "Rainbow Six" - aber nicht um Geld zu verdienen, sondern zur Gaudi, als Hobby. So wie andere eben Fußball spielen. Nur mit Maus und Tastatur statt Ball.

"Jeden Tag treffen wir uns am PC und ratschen über unseren Tag. Dann wird gezockt, zwei bis fünf Stunden", verrät Teamchef Stefan "HerrWuschel" Desor. "Wir haben schon oft bei Turnieren erfolgreich mitgemacht." Einmal ging's im Halbfinale sogar gegen den deutschen Meister. "Da waren wir aber gnadenlos unterlegen." Trotzdem hätten die Amberger auf sich aufmerksam gemacht. Profiteams hätten bereits angefragt, ob sie unter deren Namen spielen wollen. "Haben wir aber abgelehnt. Die Mannschaften haben wir nämlich schon geschlagen."

Ein E-Sport-Talent will Profi werden: Hier finden Sie einen weiteren Artikel zum Thema.

E-Sport ist der Wettkampf von Menschen mit Computerspielen. "Nichts anderes als Fußball", sagt E-Sportler Dominik Hühn. "Auch da messen sich die Leute gegeneinander." Nur halt nicht auf einem Spielfeld, sondern vor einem Bildschirm. Gespielt wird meist in Teams, fünf gegen fünf, online oder offline.

Interesse: Bei der "League of Legends"-WM waren im vergangenen Jahr 80 000 Menschen im Pekinger Olympiastadion, um die Spieler anzufeuern. Zig Millionen Zuschauer sahen im Internet zu. Auch in Deutschland boomt die Branche. TV-Sender berichten über die Szene, Fußballvereine wie der 1. FC Nürnberg gründeten E-Sport-Teams.

Geld: Zocken kann sich lohnen. Mehr als 24 Millionen US-Dollar Preisgeld gab es beim "Dota 2"-Turnier "The International 2017" zu gewinnen. Dort siegte ein Deutscher: Kuro "Kuroky" Salehi Takhasomi - er ist mit mehr als drei Millionen Dollar erspieltem Preisgeld der finanziell erfolgreichste E-Sportler der Welt.

Beliebteste Spiele: Zu den populärsten Spielen gehören die Ego-Shooter "Counter-Strike: Global Offensive" und "Halo", die Echtzeit-Stategiespiele "League of Legends" und "Dota", sowie die Fußballsimulation "Fifa".

Gewalt: Vor allem "Counter-Strike" steht in der Kritik, wird oft als "Killerspiel" bezeichnet, das Gewalt verherrliche und eine schlechte Wirkung auf jungen Menschen habe. Ist das Spiel eine Gefahr? "Nein, das ist Käse", findet Ex-Profi Dominik Hühn. "Die meisten Leute, die das spielen, sind total klar im Kopf." Und Aggressivität sei beim Spielen ohnehin fehl am Platz. "Das ist ein Teamspiel, da muss man ruhig sein und bleiben."

Anerkennung: Ist E-Sport eine Sportart? Der Präsident des Deutschen Fußball Bundes, Reinhard Grindel, findet nicht, er bezeichnete E-Sport als "absolute Verarmung". Die E-Sportler sehen das naturgemäß anders. Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DSOB) zeigt sich offen, E-Sport offiziell als Sportart anzuerkennen. Wie die dpa meldet, prüft der DSOB derzeit, ob E-Sport die Voraussetzungen für eine Aufnahme in die Dachorganisation erfüllen kann. Veronika Rücker, Vorstandschefin des DOSB, sagte der dpa: "Wir werden eine Empfehlung im Umgang mit E-Sport definitiv im Herbst geben." Anderswo ist man da bereits weiter: Bei den Asienspielen 2022 ist E-Sport offiziell ins Programm aufgenommen worden.

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