12.05.2021 - 13:58 Uhr
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Die Rettung der letzten Überlebenden

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Die Flussperlmuschel stellt hohe Ansprüche an ihren Lebensraum. In Bayern kommt sie nur noch selten vor. Im Grenzbach im Naturpark Steinwald gibt es einen kleinen Bestand. Er soll für die Zukunft gesichert werden.

Die Flussperlmuschel gehört zur Gruppe der Weichtiere und kann ein Alter von über 100 Jahren erreichen.
von Christa VoglProfil

Man sieht es ihm auf den ersten Blick nicht an. Und eigentlich auch nicht auf den zweiten. Dennoch handelt es sich beim Grenzbach im Naturpark Steinwald um ein ganz besonderes Gewässer. Einer seiner Seitenarme entspringt am Waldhaus, dem früheren Forstdienstsitz, der andere hat seine Quelle auf der Bärnhöhe. Zusammen bilden sie den Grenzbach, der einige Kilometer weiter südöstlich in den Heinbach fließt, der wiederum in die Fichtelnaab mündet und diese schließlich in die Waldnaab. Das alles klingt nicht besonders spektakulär. Und doch birgt der kleine Grenzbach einen ganz besonderen Schatz: In ihm ist eine sehr selten gewordene Bewohnerin zu finden, die ansonsten in der Oberpfalz nur noch in der Waldnaab nachzuweisen ist: die Flussperlmuschel.

Muschelbank verschwunden

Robert Mertl ist Landschaftspfleger und Landschaftsarchitekt. Er erinnert sich noch gut an die 1980er Jahre, an die Zeit, als es im Grenzbach nicht nur einzelne Restexemplare der Flussperlmuschel gab, sondern sogar noch eine kleine Muschelbank bestaunt werden konnte: Dicht an dicht standen sie am Bachgrund, mit dem Hinterende schräg in der Strömung, die Färbung rotbraun bis pechschwarz. Das war vor rund 40 Jahren, eigentlich gar nicht mal so lange her. Doch mittlerweile ist diese Muschelbank komplett verschwunden.

Um verstehen zu können, warum der Bestand zusammengebrochen ist, hilft es, einen Blick auf die Bedingungen zu werfen, die die Flussperlmuschel an ihren Lebensraum stellt: Sie benötigt kalkarme, schnell fließende, sauerstoffreiche und sommerkühle Bäche mit einem gut durchlüfteten Bodengrund. Bevorzugt wird zum Beispiel Feinkies oder Schotter.

Diese Bedingungen wurden in früheren Zeiten allesamt erfüllt, Flussperlmuscheln waren folglich in vielen Bächen und in großer Anzahl zu finden. Die Perlmuschelfischerei entwickelte sich, mancherorts wurden ihre Schalen zu Perlmutt verarbeitet, von den Bauern wurden die Muscheln oft sogar an die Hühner verfüttert.

Allerdings wandelte sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte das Landschaftsbild grundlegend und damit auch das Biotop Bach oder Fluss. "Für den drastischen Rückgang der Muscheln gibt es nicht nur einen Grund, sondern gleich mehrere", sagt Robert Mertl. Er zählt auf: die zunehmende Wasserversauerung durch Fichtenpflanzungen an den Ufern, die Feinschlamm- und Nährstoffeinträge aus Industrie, Teich-, Land- und Forstwirtschaft, das Abholzen der Erlen, die ein Ausschwemmen der Ufer verhindern, die zunehmende Erwärmung des Wassers in den Bächen durch fehlende Beschattung, die abnehmende Zahl der Bachforellen, die als Zwischenwirt überlebenswichtig sind für die Entwicklung der Muschellarven.

Jeder Grund für sich mache es der Muschel bereits schwer, am Leben zu bleiben, geschweige denn, sich fortzupflanzen. Daher sei es auch schwierig, ihre Bestände zu sichern. Denn: Wo genau soll man anfangen? Ganz klar eine Mammutaufgabe, die nur in der Gemeinschaft bewältigt werden kann - und Grund genug für den Naturpark, vor bereits 20 Jahren ein Artenhilfsprojekt ins Leben zu rufen. Seitdem arbeitet ein Team aus Landschaftsökologen, Biologen, Naturparkrangern und den Forst-, Wasserwirtschaft- und Naturschutzbehörden daran, die einzelnen Gefährdungsursachen zu bekämpfen. Was dabei auch sehr wichtig ist: das Einverständnis der betroffenen Grundstückseigentümer.

"Es dauert natürlich, bis die bereits umgesetzten Maßnahmen greifen", sagt Mertl. Mit Maßnahmen meint er zum Beispiel das Abholzen der Fichten in den Uferregionen, die Neupflanzung von naturnahen Schwarzerlen-Beständen, die Befestigung von Waldwegen, um die Versandung zu verhindern oder das Anlegen von Furten, damit die Bachforellen wieder ungehindert passieren können. Kurz: die Erhaltung und Wiederherstellung naturnaher Bäche und Bachauen. "Aber bis dahin werden die Muschelbestände weiter zurückgehen", ist er sich sicher. Gerade für den Grenzbach eine höchst beunruhigende Aussage. Denn wenn dort in den 1980er Jahren noch ungefähr 1000 Muscheln zu finden waren, so sind es heute nur noch knapp 100. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Muschellarven und Bachforellen

Um den Muschelrestbeständen mehr dieser kostbaren Zeit zu verschaffen, arbeitet der Naturpark Steinwald mit der Muschelzuchtstation von Oberfranken zusammen. Es wird versucht, einen Teil der Aufgaben, die der Grenzbach im jetzigen Zustand für die Muscheln nicht leisten kann, in die Zuchtstation Huschermühle zu verlagern. In der Praxis heißt das: Die Biologen sammeln die Muschellarven von noch vorhandenen Muschelbeständen und bringen sie in die Zuchtstation, wo Bachforellen mit ihnen infiziert werden. Die Larven verankern sich bis zu zehn Monaten im Kiemengewebe der Bachforelle, ernähren sich vom Blut ihres Wirts und fallen schließlich ab. Jetzt werden die Jungmuscheln auf Lochplatten angesiedelt und kommen dann wieder zurück in den Grenzbach. Dort bleiben sie für die nächsten fünf Jahre unter Beobachtung, bis die Entwicklung der Jungmuscheln abgeschlossen ist und sie ausgesetzt werden können.

"Das sollte natürlich nur solange stattfinden, bis die Bäche wieder in Ordnung sind und sich die Flussperlmuscheln ohne unsere Unterstützung fortpflanzen können", sagt der Landschaftsarchitekt mit einer Portion Optimismus in der Stimme, fügt aber sogleich einschränkend hinzu: "Bis dahin ist es lange, das ist wirklich Zukunftsmusik." Robert Mertl hat wohl vermutlich recht mit seiner Aussage, dass es noch lange dauern wird, bis die Wasserqualität der Bäche wieder gut genug ist für die Flussperlmuschel: Schlecht klingt sie aber keinesfalls, diese Zukunftsmusik.

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Hintergrund:

Die Flussperlmuschel

  • Rote-Liste-Art: Die Flussperlmuschel ist europaweit vom Aussterben bedroht.
  • Schutz: Die Flussperlmuschel ist gemäß Bundesartenschutzverordnung eine streng geschützte Art.
  • Größe: Die Flussperlmuschel kann bis zu 16 Zentimeter lang werden.
  • Färbung: Die Schale ist matt rostbraun bis pechschwarz gefärbt und dickwandig. Die Perlmuttschicht der Innenseite schimmert bläulich-weiß bis rosa.
  • Alter: Sie gehört zur Gruppe der Weichtiere und kann ein Alter von über 100 Jahren erreichen.
  • Ernährung: Eine Flussperlmuschel filtert bis zu 40 Liter Wasser pro Stunde. Dabei werden mit Hilfe der Kiemen feine organische Nahrungsteilchen und Sauerstoff herausgefiltert.

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