07.05.2021 - 16:57 Uhr
KemnathBesserWissen

Zahllose Lebensräume auf nur einer Wiese

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Die Zahl der Streuobstwiesen geht seit vielen Jahren dramatisch zurück. Das ist nicht nur ein großer Verlust, was die robusten, alten Obstsorten betrifft. Viele Tiere besiedeln Astlöcher und Höhlen in den alten Bäumen. Katharina Hage weiß, was für den Erhalt zu tun ist.

Die Apfelblüte ist für die Imker und die Ernährung ihrer Bienenvölker ein wesentlicher Faktor. Aber der alte Baumbestand der Streuobstwiesen bietet noch vielen anderen Tieren und Pflanzen Lebensräume.
von Christa VoglProfil

Katharina Hage ist Baumwartin. Sie kennt sich mit dem fachgerechten Schnitt, mit dem Pfropfen von Edelreisern und ganz allgemein mit der Pflege von Obstbäumen aus. Oft wird sie angerufen und gebeten, sich den einen oder anderen Baum "doch mal anzuschauen". Da es aber erfahrungsgemäß selten beim bloßen Anschauen bleibt, packt sie immer auch gleich das notwendige Werkzeug - Baumschere und Astsäge - ein, wenn sie zu ihren Kunden fährt.

Manchmal ist es dann wirklich nur ein einzelner Baum, den sie "in Form schneiden" soll oder bei dem ihr Rat gefragt ist. Aber hin und wieder handelt es sich auch um mehrere alte Bäume, die zusammen auf einer kleinen Streuobstwiese stehen und auf sie warten. Dann ist ihre Freude besonders groß.

Vielfalt erhalten

"Als Kind hat mich der Begriff 'Streuobstwiese' verwirrt", sagt Katharina Hage und lacht dabei. Damals war sie öfter bei ihrer Tante zu Besuch, die ein Feld mit Obstbäumen besaß und dort auch Bienen hielt. Mit "Streuobstwiese" assoziierte sie Fragen wie "Hat da wohl jemand Obst auf der Wiese verstreut?" oder "Fällt das reife Obst vom Baum und liegt dann verstreut am Boden?" Erst viel später, so erzählt sie, verstand sie, dass damit die meist hochstämmigen und verstreut in der Landschaft stehenden Obstbäume gemeint sind. Und noch ein ganzes Stück später wurde ihr bewusst, wie enorm wichtig "diese Bäume mit den robusten, alten Sorten" für uns und unsere Umwelt sind. "Es ist einfach wichtig, die Vielfalt zu erhalten, die diese alten Sorten bieten", sagt die Kemnatherin und pickt sich als Beispiel den Apfel heraus. "Supermarkt-Äpfel werden auf Plantagen angebaut. Sie basieren genetisch größtenteils auf fünf Grundsorten. Und diese werden bei der Entwicklung von Sorten für den Handel immer wieder aufs Neue eingekreuzt." Das Ergebnis: Apfelbäume, die jährlichen Massenertrag liefern, Äpfel, die sehr gut lager- und transportfähig sind, mit gleichmäßiger Größe, attraktivem Äußeren und immer gleichem Geschmack.

Alte Sorten, gute Eigenschaften

Diesen Plantagen-Äpfeln kann Hage aber nur wenig abgewinnen, sie sagt: "Diese Sorten funktionieren meist nur mit hohem Aufwand an chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Auf die vielen guten Eigenschaften der alten Sorten, auf ihr enormes Potenzial und ihren großen Genpool wird dabei nicht mehr zurückgegriffen, das alles geht nach und nach verloren."

Mit den "guten Eigenschaften" meint Hage zum Beispiel alte Sorten, die auch ohne Spritzmittel ansehnliche Früchte liefern, die geschmacklich sehr vielfältig sind, die sich ohne professionelle Kühlung lange lagern lassen, die sich für Allergiker eignen, die selbst in regenreichen Regionen oder klimatisch weniger begünstigten Regionen noch gut gedeihen.

Da aber im Erwerbsobstanbau das Potenzial der alten Sorten nicht genützt wird und zu verschwinden droht, setzen sich mittlerweile auch Landschafts- und Naturschutzverbände vehement für den Erhalt dieses wertvollen Kulturguts ein. Und gerade Streuobstwiesenbesitzern - oder ganz generell Besitzern alter Bäume - fällt dabei eine ganz besondere Verantwortung zu. Denn: Mit dem Bewahren der Vielfalt - des großen genetischen Pools - leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Ernährungssicherung.

Kauz als Nachmieter

Allerdings werden mit dem Schutz und der Pflege der vorhandenen Streuobstwiesen nicht nur die alten, robusten Sorten erhalten. Die Wirkung auf die Umwelt ist viel umfassender. "Gerade wenn diese Obstbäume alt sind, also so 60 plus, sind sie ökologisch sehr wertvoll", erklärt Hage. Und mit "ökologisch wertvoll" meint sie zum Beispiel die Hohlräume in den Stämmen, morsche Äste, eine alte Spechthöhle, in die zwischenzeitlich ein Kauz als Nachmieter gezogen ist oder auch Fledermäuse, die hinter den dicken Rinden oder in den Höhlen Unterschlupf finden. "Es ist erstaunlich, welche Vielfalt an Lebensräumen es da gibt", schwärmt die Baumwartin und denkt dabei nicht nur an die Tierwelt. Denn die Kombination aus zweimaliger Mahd, Verzicht auf Pestizide und fehlender Düngung der Wiese lasse auch einen hohen Reichtum an verschiedenen Pflanzen zu. "So eine alte Streuobstwiese ist wie eine kleine Insel für Arten, die in unserer intensiv bewirtschafteten Landschaft keinen Lebensraum mehr finden."

Für die Enkel pflanzen

Doch auch alte Streuobstwiesen waren einmal jung. "Oft wurden die Bäume noch von unseren Großeltern gepflanzt. Und jetzt dürfen wir sie nutzen", sagt Hage und möchte mit diesen Worten die Menschen ermuntern, die "Streuobstwiesen von morgen" anzulegen oder den "Streuobstbaum von morgen" zu pflanzen. Für die nächsten Generationen. Aber was, wenn die Enkel bereits durch den Garten toben und man selbst auch nicht mehr "so ganz jung" ist? Ist es dann nicht zu spät für eine solche Aktion? Katharina Hage schüttelt den Kopf, nein, keinesfalls. Und ihr fällt ein Zitat ein, das sie "irgendwo mal" über das Pflanzen von Bäumen gelesen hat: "Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen war vor 20 Jahren, die nächstbeste Zeit ist jetzt."

Universal-Talente: die Ameisen

Amberg

Tipps für den Obstbaumschnitt von Katharina Hage

Kemnath

Die Beiträge der Serie "Natur unserer Heimat"

Hintergrund:

Pflegemaßnahmen für Streuobstwiese und Familienbaum

Rückschnitt der Bäume:

Ältere Bäume: alle drei bis fünf Jahre ein Erhaltungsschnitt

Jüngere Bäume: jährlich einen Erziehungsschnitt

Abstand zwischen den Bäumen (von Stamm zu Stamm) bei Neupflanzungen:

Zwetschge: zirka acht Meter

Apfel/Birne/Süßkirsche: zirka zehn Meter

Walnuss/Speierling/Elsbeere: zwölf Meter

Mahd der Wiese:

Zweimal pro Jahr mit Entfernung des Mähguts

Neukauf von Obstbäumen (Ersatz, Erweiterung):

Vorher abklären (zum Beispiel beim Kreisgartenfachberater), welche Sorten für die jeweilige Region geeignet sind.

Kauf in Baumschulen

Frage nach alten Sorten (möglichst mit Sortengarantie)

Empfohlene Weiterbildungskurse:

Baumschnittkurs mit regelmäßiger Auffrischung

Veredelungskurs

Alte Sorten:

„Alte Sorten“ sind Sorten, die es schon vor 1930 gab, also bevor die chemischen Pflanzenschutzmittel großflächig im Obstbau eingeführt wurden. Darunter finden sich aber auch Sorten, die anfällig sind für bestimmte Krankheiten und sich nicht für Obstwiesen mit Hochstämmen eignen. Es gibt mittlerweile auch einige wenige, neuere Züchtungen, die robust genug sind für Streuobstwiesen.

Die Streuobstwiese für den kleinen Garten: Der Familienbaum

Mehrsortenbäume oder Familienbäume sind für kleinere Gärten geeignet, in denen kein Platz für mehrere Bäume ist, die Besitzer aber trotzdem nicht auf ein breiteres Angebot an Sorten verzichten wollen. Die Sortenvielfalt garantiert in der Regel auch eine sichere Bestäubung und einen längeren Erntezeitraum. Idealerweise hat der Familienbaum eine Frühsorte, gefolgt von einer Herbstsorte, eine Wintersorte und eventuell - wenn Lagermöglichkeit besteht - eine Sorte, die erst ab Januar genussreif wird und sich bis April lagern lässt. Bisher sind es meist Apfel- oder Birnbäume, die angeboten werden. Es ist wichtig, auf die Wurzelunterlage zu achten, diese bestimmt die Endgröße des Baumes. (cvl)

 

 

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