06.05.2021 - 14:26 Uhr
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Ameisen: Viehzüchter und geniale Architekten

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Wer aufmerksam durch den Wald geht, kann die auffälligen Hügelnester der Waldameisen schnell entdecken. Die kleinen Insekten sind wahre Universaltalente: Sie bauen bis zu einem Meter tief, halten und melken Läuse als Nahrungsquelle. Ameisenheger Markus Raum hat einen speziellen Blick auf die Tiere.

Kontaktaufnahme: Zwei Exemplare der Kahlrückigen Waldameise, auch Kleine Rote Waldameise genannt, betasten sich.
von Christa VoglProfil

Bis in die späten 1980er gab es die Fernsehsendung "Was bin ich?" mit Robert Lembke. Ein Rateteam musste den Beruf des Gastes herausfinden. In der Regel gestaltete sich das nicht ganz einfach, da es sich oft um ziemlich ausgefallene Jobs handelte. Markus Raum aus Amberg ist IT-Systemtechniker - kein besonders schwieriger Fall für die Raterunde. Wesentlich komplizierter wäre es wohl gewesen, zu erraten, was er in seiner Freizeit macht: Markus Raum ist Ameisenheger.

"Insekten haben mich schon immer interessiert", sagt der 45-Jährige, der Mitglied beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) ist und sich über die Ameisenschutzwarte Bayern als Ameisenheger ausbilden ließ. Genauer gesagt als Waldameisenheger. "Man muss unterscheiden zwischen Wegameisen und Waldameisen. Wegameisen sind oft im Garten anzutreffen, um die kümmere ich mich nicht. Meine Aufgabe sind die Waldameisen", erklärt der Hobby-Biologe.

Mehr als eine Million Ameisen

Ist denn Ameise nicht gleich Ameise? "Nein, nein", erklärt Raum lachend. "Waldameisen bilden einen Staat, der oft mehr als eine Million Ameisen zählt, ihr Ameisennest hat eine Hügelform." Und mit Hügelform meint er nicht den Umfang und die Höhe eines Maulwurfhaufens, so wie ihn oftmals die Wegameisen auf Wiesenflächen errichten, sondern einen "richtigen Hügel": Im Naturpark Hirschwald befinden sich beispielsweise Nester mit einem Durchmesser von 360 Zentimetern und einer Höhe von 150 Zentimetern.

Im Gegensatz zu anderen Waldtieren, die menschliche Unterstützung in Form von Nistkästen oder Winterfütterung benötigen, vermitteln Ameisen in der Regel nicht den Eindruck, als bräuchten sie Schutz und Hilfe. Was sind also die Aufgaben eines Ameisenhegers? "Das ist ganz verschieden", sagt Raum, "wenn mir zum Beispiel ein Waldameisennest gemeldet wird, dann fahre ich hin und klassifiziere es." Klassifizieren heißt in diesem Fall: Er notiert die GPS-Daten des Nests, vermisst den Hügel, bestimmt die Waldameisenart - immerhin gibt es in Deutschland 114 heimische Arten von Ameisen - und meldet die so erfassten Daten weiter an den Naturpark Hirschwald. "Im Naturpark Hirschwald befinden sich unter anderem Nester der Roten Waldameise, der Kahlrückigen Waldameise und der Wiesenwaldameise", erklärt Raum.

Kartierung von Nestern

Allerdings ist es mit der Kartierung von neuen Nestern nicht getan. Auch ihr Wachstum wird in Abständen dokumentiert. "Ich schau mir regelmäßig die Nester an. Die einen wachsen Jahr für Jahr. Es gibt aber auch welche, die vom Ameisenvolumen her kleiner werden und schließlich wieder ganz verschwinden."

Neben Kartierung der Nester und der regelmäßigen Kontrolle ihrer Größe zählt auch ihr Schutz zu den Aufgaben eines Ameisenhegers. "Wenn sich zum Beispiel ein Ameisenhaufen in der Nähe von Rückegassen befindet oder am Waldrand, wo regelmäßig gemäht wird, dann muss das Nest markiert werden, um zu vermeiden, dass es durch Wiesenpflegemaßnahmen zerstört wird." Dazu schlägt Raum am Nestrand einen Pflock in die Erde und markiert ihn mit Signalfarbe. Auf diese Weise sei das Nest gut sichtbar und auch sicher vor Beschädigungen bei der Mahd.

Umsiedelung wegen Straßen

Doch manchmal sei es damit allein nicht getan, sagt Raum, manchmal sei es nicht zu vermeiden, Waldameisennester umzusetzen. Weil zum Beispiel an der Stelle eine neue Straße geplant ist. Oder wenn ein Baugebiet neu ausgewiesen wird. Dann muss das Volk fachgerecht umgesiedelt werden. "Dabei wird der oberirdische Hügel abgetragen. Anschließend wird das ganze Nest, dessen Zentrum oft ein alter Baumstupf bildet, ausgehoben und komplett an einen anderen Ort verbracht", erzählt der Ameisenheger. Das Überraschende dabei: Solche Nester können durchaus bis zu einem Meter in die Tiefe gehen.

Gesundheitspolizei

Neben den praktischen Arbeiten, die bei der Hege von Waldameisen anfallen, steht Markus Raum aber auch für Gruppenexkursionen zur Verfügung. Während dieser Ausflüge haben die Teilnehmer die Möglichkeit, das Zuhause der Ameisen vor Ort in Augenschein zu nehmen und erfahren dabei ganz nebenbei auch noch allerhand Überraschendes: Zum Beispiel, dass die Waldameisen Viehzüchter sind, die sich von den Ausscheidungen verschiedener Läuse ernähren - man spricht vom Honigtau und vom Melken der Läuse - und diese auch vor Feinden, wie dem Marienkäfer, schützen. Dass sie geniale Architekten sind, die große Nestbauten konstruieren mit weit verzweigten Gängen und Kammern. Dass sie Gesundheitspolizisten sind, weil sie Abfälle verwerten und Aas fressen. Und dass sie schließlich auch noch als Gärtner arbeiten, die den Samen verschiedener Pflanzen verbreiten und eine wichtige Rolle im Ökosystem Wald spielen.

Waldameisen als Viehzüchter, Architekten, Gesundheitspolizisten und Gärtner. Ganz schön viele Berufe, denen da die emsigen Krabbler Tag für Tag unermüdlich nachgehen. Kann sein, dass es für uns Menschen nicht unbedingt besonders ausgefallene Berufe sind. Für die kleinen Waldameisen aber ganz bestimmt.

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Markus Raum aus Amberg ist Ameisenheger. Zu seinen Aufgaben zählen die Kartierung, die Kontrolle und der Schutz der Nester.
Wer ist hier zuhause? Die Hügelform verrät nichts darüber, ob Rote Waldameisen, Kahlrückige Waldameisen oder Wiesenwaldameisen das Nest bewohnen.
Hintergrund:

Ameisen zur Körperpflege

  • Die Ameisen und ihre Larven dienen Wildschweinen und bestimmten Vogelarten als Nahrung.
  • Ameisenhügel werden auch zur Körperpflege genutzt.
  • Eichelhäher und Spechte setzen sich mit ausgebreiteten Flügeln auf Ameisennester und lassen sich so von den Ameisen, die einen Angriff vermuten, mit Ameisensäure besprühen.
  • Auch Wildschweine suhlen sich hin und wieder in Ameisenhaufen.
  • Sowohl Specht und Wildschwein profitieren vom Ameisensäurebad, um sich ihrer Parasiten zu entledigen.

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