20.10.2021 - 15:14 Uhr
KemnathBesserWissen

Pomologin rettet Apfelsorten vor dem Vergessen

Katharina Hage aus Kemnath hat sich auf den langen Weg gemacht, um Pomologin zu werden. Denn nur wer sich mit Apfelsorten auskennt, kann dabei helfen, die schwindende Vielfalt des Obstes zu retten.

Katharina Hage: „Man kommt morgens in den Seminarraum und sieht über 100 Körbchen. Jeder Korb ist beschriftet und in ihm liegen Äpfel einer ganz bestimmten Sorte."
von Christa VoglProfil

Pomologinnen und Pomologen kämpfen gegen das Vergessen und für die Vielfalt: Wurden um 1880 weltweit noch mehr als 20 000 Apfelsorten kultiviert, gibt es heute in Deutschland noch ungefähr 1 500 Sorten, von denen aber lediglich 60 wirtschaftlich bedeutend sind. Im Gartenhandel sind derzeit höchstens 40 Sorten erhältlich, in den Obstabteilungen der Supermärkte können Kundinnen und Kunden höchstens noch aus sechs Apfelsorten aussuchen. Wesentlich mehr Apfelsorten kennen wohl die meisten Erwachsenen ohnehin nicht - zumindest nicht aus dem Stegreif.

Ganz anders Katharina Hage. Sie hat nämlich eine ganz besondere Leidenschaft: die Pomologie. "Ich dachte früher immer, dass es bei Pomologie nur um Äpfel geht. Aber Pomologie ist die 'Obstbaukunde'", erzählt die 45-jährige Kemnatherin. Genauer gesagt: die Lehre der Arten und Sorten von Obst sowie deren Bestimmung und systematische Einteilung. Und zu Obst zählen bekanntermaßen auch Birnen, Nüsse und Beeren. "Aber mein Schwerpunkt ist schon die Bestimmung von Äpfeln", sagt Hage.

Regelmäßig Seminare

Und wie wird man Pomologe oder Pomologin? Gibt es eine Lehrzeit mit Berufsschule? Oder gar ein duales Studium mit staatlicher Prüfung? "Nein, nein", lacht Hage. Um Apfelexperte oder Apfelexpertin zu werden, sei es wichtig, regelmäßig Seminare zu besuchen, bei denen in der Praxis die professionelle Sortenbestimmung gelernt wird. Der Ablauf sei dabei immer sehr ähnlich. Hage erinnert sich an die letzte Veranstaltung in Vor-Corona-Zeiten: "Man kommt morgens in den Seminarraum und sieht über 100 Körbchen. Jeder Korb ist beschriftet, und in ihm befinden sich Äpfel einer ganz bestimmten Sorte.

Übung mir Verwechslern

"Ich war anfangs ziemlich eingeschüchtert", erinnert sich Hage. "Und ich dachte mir: Wie soll das nur gehen? Wie soll ich mir die Unterschiede merken?" Dabei lagen für die erste Übung des Tages in den Körbchen nicht irgendwelche Äpfel, sondern nur "gelbe Sorten und ihre Verwechsler".

Aber natürlich lerne man während der Ausbildung auch, nach einem bestimmten Schema vorzugehen, um Äpfel voneinander zu unterscheiden. Vor allem sei es wichtig, so die angehende Pomologin, den Apfel mit allen Sinnen zu begreifen. Die Fragen, die man sich stellen müsse, seien dabei immer die gleichen, zum Beispiel: Welche Form hat der Apfel? Wie sehen die Stielgrube und der Stiel aus? Wie fühlt sich die Schale an? Ist sie glatt? Ist sie rau? Wie riecht die Frucht? Wie schmeckt sie? Ist das Fruchtfleisch fest oder weich? Wie ist das Kernhaus beschaffen? Wie sehen die Kerne aus? Wie viele sind es? Wie sieht es mit der Haltbarkeit aus? Ist es ein Lagerapfel? Oder vielleicht ein Sommerapfel?

Allein die Beantwortung dieser Fragen in Kombination mit der bisher angehäuften eigenen Erfahrung würde oft bereits zur eindeutigen Bestimmung der Apfelsorte führen. Aber eben nicht immer, weil es natürlich auch "Knacknüsse" gebe. Und dann? "Ich stehe ja noch ziemlich am Anfang meiner Ausbildung. Wenn ich Probleme habe, einen Apfel zu bestimmen, den mir jemand bringt, dann gebe ich das auch offen zu. Aber dann nehme ich den Apfel und gehe damit zu einem erfahreneren Apfelexperten und frage dort nach." Pomologen seien zwar rar, sozusagen eine "aussterbende Spezies", über die Webseite des Pomologenverbands (www.pomologen-verein.de) seien aber Kontaktpersonen nach Bundesländern gelistet. Und die wüssten dann auch, wer in den Regionalgruppen der richtige Ansprechpartner sei.

Tipps zur Verwendung

Aber wozu eigentlich der ganze Aufwand? Reicht es denn nicht aus, wenn man weiß, dass die Äpfel aus dem eigenen Garten gut schmecken? Auch auf diese Frage hat Hage eine Antwort, die einleuchtet: "Es könnte sich bei den Äpfeln zum Beispiel um eine sehr alte Sorte handeln, die vielleicht vom Aussterben bedroht ist. Dann könnte man diese einmaligen Gene retten." Zwar gelte nicht unbedingt, dass alte Sorten automatisch auch "gute Sorten" sind, aber für Neuzüchtungen von Sorten werde immer aus dem vorhandenen Genpool geschöpft. Und je breiter dieser gefächert sei, desto mehr Auswahl habe man und desto vielfältiger würde auch das Ergebnis ausfallen. Idealerweise könnten so Sorten gezüchtet werden, die nicht nur gut schmecken, sondern auch ohne chemischen Pflanzenschutz auskommen.

Sorten retten

Außerdem, so die angehende Pomologin, verfügen die Früchte dieser alten Bäume und alten Sorten über ganz bestimmte Eigenschaften. Oft genug seien sie allerdings zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten, weil die Bäume noch von den Großeltern oder Urgroßeltern gepflanzt wurden. Und niemand kann sich heute mehr daran erinnern: Sind die Äpfel dieses Baumes vielleicht besonders gut geeignet für die Saftgewinnung? Oder für Apfelbrei? Oder doch eher für Kuchen? Oder zum Einwecken? Oder zum Lagern? "Sobald man aber den Sortennamen kennt, kann man den Leuten auch Tipps geben zur optimalen Verwendung der Äpfel. Und natürlich auch für die Pflege des betreffenden Baumes", sagt die Baumwartin.

In der Pomologen-Ausbildung wird den Kursteilnehmern oft gesagt, dass das Erkennen der ersten 50 Apfelsorten am schwierigsten ist. Und dass es danach leichter wird. Diese erste Herausforderung auf ihrem langen Weg zur Pomologin hat Katharina Hage schon gemeistert. Denn 50 Sorten kann sie bereits ohne Probleme zuordnen.

Seltene Apfel- und Birnensorten gesucht

Amberg
Hintergrund:

Tipps zur Sortenbestimmung

  • Pro Sorte mindestens fünf Äpfel „frisch“ pflücken. Es sollen gesunde, madenfreie und reife Früchte sein.
  • Die Äpfel am besten von der sonnenzugewandten Seite pflücken. Der Stiel sollte an der Frucht bleiben.
  • Die Äpfel sollen nicht behandelt werden, also nicht waschen und auch nicht polieren. Es ist manchmal auch hilfreich, einige Blätter mitzubringen.
  • https://www.pomologen-verein.de

 

 

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