09.08.2021 - 14:25 Uhr
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Das Monster vertreiben: Wie Eltern Kinderängste in den Griff bekommen

Das Kind fürchtet sich, wenn die Mama weggeht, weil es gewittert oder weil unter dem Bett ein imaginäres Monster lauert. Die Regensburger Psychologin Nicola Bock erklärt, welche Ängste normal sind – und wann man sich Hilfe holen sollte.

Die Angst vor Dunkelheit und dem Monster im Schrank mag für andere nicht nachvollziehbar sein, aber die Angst des Kindes ist reell.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Was sind typische Kinderängste im Baby- und Kleinkindalter?

Zunächst einmal sind Ängste normal, sagt Bock, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle der Diakonie Regensburg. „Sie kommen und verschwinden wieder. Kinder lernen daraus mit dem Schutz durch die Eltern.“ Gegen Ende des ersten Lebensjahres hätten Babys oft Angst vor allem Fremden, vor Verlust oder Trennung. Im Kleinkindalter seien Ängste vor Tieren, in der Dunkelheit und vor dem Alleinsein typisch. Die Angst vor Trennung komme dann häufig aus einem Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach Selbständigkeit und dem Bedürfnis nach Schutz und Nähe.

Und wenn die Kinder älter werden?

Kindergartenkinder erleben oft eine „magische Phase“, in der sie sich vor Monstern oder Geistern fürchten, erklärt Bock. Auch Blitz und Donner könnten ihnen Angst machen oder die Trennung von den Eltern, gerade beim Einschlafen. Im Grundschulalter nähmen die bisherigen Ängste ab. Dafür könne es zu schulbezogenen Ängsten oder Ängsten vor Krankheit, Verletzung und Tod kommen.

Wie zeigen sich Ängste?

Die Kinder fühlen sich hilflos, sind vielleicht panisch, atmen schneller, haben Herzrasen, versuchen der Situation aus dem Weg zu gehen, sagt die Expertin. Sie betont, dass es verschiedene „Gesichter" der Angst gibt. Die Angst vor Überforderung könne zum Beispiel zum Einnässen führen, die Angst vor Strafe zu Lügen und Unsicherheit zu aggressivem Verhalten.

Welche Kinder sind besonders anfällig für Ängste?

Kinder von sehr überfürsorglichen Eltern haben häufig nur wenig Selbstvertrauen, sagt die Psychologin. Das könne zu Ängsten führen. Sehr fantasievolle und intelligente Kinder würden viel über Zusammenhänge nachdenken und könnten sich in Situationen „reinsteigern“. Anfällig seien auch Kinder, deren Eltern die Angst nicht sehen wollen und das negative Gefühl ignorieren nach dem Motto „Das ist doch nicht so schlimm“.

Wie reagieren Eltern richtig auf Kinderängste?

Ganz wichtig ist es, die Ängste des Kindes ernst zu nehmen, sagt Bock. Zum Beispiel, indem man sagt: „Du hast gerade Angst, lass uns überlegen, wie du damit umgehen kannst.“ Es helfe, wenn Eltern dem Kind sagen, dass Ängste normal sind, sie selbst auch welche haben – und wie sie versuchen, die Ängste zu bewältigen. Kontraproduktiv sei es, den Kinderängsten mit Mitleid, Hilflosigkeit, Ungeduld, Ärger oder schlechtem Gewissen zu begegnen. Der Erwachsene sollte stark bleiben und das Kind unterstützen. Und: „Ängste verändern sich, wenn man sich ihnen stellt“, sagt Bock. Bei Hundeangst könnte man ein Treffen mit einem sehr lieben Hund arrangieren. Oft helfe es, auch ganz sachliche Informationen zu geben, etwa über eine anstehende Operation eines Familienmitglieds, über die sich das Kind sorgt.

Wie können Kinder konkret gestärkt werden, wenn sie sich zum Beispiel vor dem Monster unter dem Bett fürchten?

Die Eltern sollten das Monster unter dem Bett ernst nehmen, weil es für Kinder real ist, sagt Bock. Eltern könnten mit ihrem Kind überlegen, was sie tun können, um es zu verscheuchen. Eine Strategie könnte sein, eine Schachtel mit Süßigkeiten auszulegen, das Monster zu fangen und auf den Balkon zu stellen. Oder: Ein Lied zu singen, das das Monster hasst und es dann verschwindet.

Welche Art von Ängsten sollten Eltern so alarmieren, dass sie sich professionelle Hilfe suchen?

Das sollte geschehen, wenn die Ängste sich manifestieren, sehr lange andauern und nicht mehr von einer Phase zu sprechen ist, sagt Bock. Auch wenn der Leidensdruck zu hoch wird, sich das Kind erbricht oder Panikattacken hat oder die Ängste zu sehr in den Alltag eingreifen, etwa bei Schulvermeidung, sei Handeln angesagt. Bock empfiehlt, niedrigschwellige Beratungsangebote anzunehmen. „Oft können wir den Eltern sagen, dass es sich um ganz normale Ängste handelt.“ Wenn nicht, könne die Beratungsstelle an andere Stellen vermitteln.

Können frühe Ängste bis ins Erwachsenenalter andauern?

Sollten keine Strategien gefunden, die Ängste nicht ernstgenommen und chronisch werden, sei ein Andauern bis ins Erwachsenenalter möglich, sagt Bock. Ängste von Erwachsenen hätten häufig etwas mit frühen Ängsten, die nicht bearbeitet wurden oder unterdrückt wurden, zu tun.

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Regensburg
Hintergrund:

Psychologische Beratungsstelle der Diakonie Regensburg

  • Diplom-Psychologin Nicola Bock leitet die Psychologische Beratungsstelle der Diakonie Regensburg.
  • Die Stelle vereint die Erziehungs- und Familienberatung für Eltern, Kinder und Jugendliche, die Ehe-, Partnerschafts- und Lebensberatung sowie die Familienberatung bei Trennung und Scheidung am Amtsgericht.
  • Kinderängste seien in den Beratungen oft Thema, sagt Bock.
  • Kontakt: Psychologische Beratungsstelle, Prüfeninger Straße 53, 93049 Regensburg, Telefon 0941/2977-111, E-Mail erziehungsberatung[at]dw-regensburg[dot]de; www.diakonie-regensburg.de.
Nicola Bock leitet die Psychologische Beratungsstelle der Diakonie Regensburg.

 

 

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