21.09.2021 - 13:02 Uhr
BesserWissen

Der Selbstaufopferung in der häuslichen Pflege Grenzen setzen

Sie riskieren ihre Gesundheit, um für ihre Lieben da zu sein. Viele pflegende Angehörige vernachlässigen eigene Bedürfnisse - und brennen aus. Umso wichtiger ist, rechtzeitig Entlastung zu schaffen.

Wir schaffen das zusammen: Viele Menschen wollen ihre Angehörigen so lange wie möglich selbst pflegen.
von Agentur DPAProfil

Der größte Pflegedienst der Nation arbeitet von zu Hause aus - und zwar nicht erst seit Corona. 80 Prozent der rund 4,1 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden daheim versorgt, ein Großteil davon überwiegend von Angehörigen. Das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Das kann schöne Momente bringen, aber auch eine Menge Belastung. Vor lauter Sorge um den Angehörigen, wird das eigene Wohl dabei allzu oft vernachlässigt. Mit zum Teil erheblichen Folgen. "Nicht selten werden Pflegende anschließend selbst Pflegefälle", beobachtet Katrin Thiem. Sie vertritt die Abteilung Gesundheits- und Altenhilfe des Caritasverbandes für das Erzbistum Paderborn.

Das zeigt: Selbstachtsamkeit ist ein entscheidender Faktor, um die Herausforderung der häuslichen Pflege zu meistern und sich dabei aber nicht selbst über die eigenen Grenzen hinaus aufzuopfern. Eine Psychologin erklärt, wie das gelingt. Und Fachleute aus der Pflege geben Tipps, wie sich Pflegende nachhaltig entlasten können und welche Möglichkeiten es zur Unterstützung gibt:

Aufwand wird unterschätzt

Oft ist ein Bedürfnis der Angehörigen, ihre Liebsten so lange wie möglich selbst zu pflegen. Viele haben sich versprochen, füreinander zu sorgen, sagt Sabine Lohmann, Kurberaterin beim Caritasverband. Die finanzielle Seite spielt auch eine Rolle: "Ein stationärer Aufenthalt ist immer mit Kosten verbunden, die nicht jede Familie tragen kann." Einigen Angehörigen sei anfangs nicht klar, wie groß Aufwand und Belastung in einer Pflege-Situation wirklich seien, so Lohmann. Der Ehrgeiz, diese Aufgabe zu schaffen, stehe im Vordergrund. Die eigenen Bedürfnisse kämen dagegen meist zu kurz.

Wenn die Pflegesituation nicht akut einsetzt, rutschen Angehörige teils eher unbewusst in eine Vollzeit-Pflege hinein, sagt Markus Küffel, Gesundheitswissenschaftler und Geschäftsführer von "Pflege zu Hause", einer Vermittlungsagentur für Betreuungskräfte. "Man übernimmt immer mehr Aufgaben. Anfangs vielleicht nur den Einkauf, später die Unterstützung bei der Körperpflege."

Kontakt zu sich selbst behalten

Besonders bei einem solchen schleichenden Prozess sei es oft schwierig, einen Schlussstrich zu ziehen, sagt Psychologin Eva Asselmann. "Man sollte versuchen, den Kontakt zu sich selbst nicht zu verlieren und auf sein eigenes Wohlbefinden zu achten", empfiehlt die Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Health and Medical University in Potsdam. Zudem muss man sich klarmachen: "Professionelle Pflege ist kein Laien-Job", sagt Küffel, der selbst als Pflegefachkraft gearbeitet hat. Um eine Betreuungssituation realistisch einschätzen zu können, sollte man sich einen möglichst genauen Überblick verschaffen. Hierzu eignet es sich, einen Stundenplan zu erstellen oder eine Zeit lang alle Arbeiten in einem Pflegetagebuch zu protokollieren.

Es helfe, sich objektiv vor Augen zu führen, welche Aufgaben wann anstehen, erklärt Küffel. Das gibt Aufschluss, wie sich persönlicher Alltag und Pflege miteinander vereinen lassen. "Man muss sich fragen, wie viel Zeit man entbehren kann und will." Die Planung sollte auch mit der betreuungsbedürftigen Person abgeklärt werden. "Die meisten zu Pflegenden sind ebenfalls erleichtert, wenn ihren Liebsten Last abgenommen werden kann", sagt der Experte.

Vielfältige Möglichkeiten zur Unterstützung

Kommt man zu dem Schluss, die Pflege nicht alleine leisten zu können, gibt es viele Beratungs- und Begleitangebote, um Lösungen für die eigene Situation zu finden. Als erste Anlaufstelle eignen sich Pflegestützpunkte, da diese eine kostenlose Beratung bieten und die Angebote vor Ort gut kennen. Auch Fragen zur Finanzierung, etwa welche Leistungen von der Pflegekasse bezahlt werden, können dort beantwortet werden. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) stellt im Internet kostenlos eine Datenbank bereit, in der man nach Beratungsstellen in der Nähe suchen kann (www.zqp.de/beratung-pflege).

Aufgaben auslagern

Zudem besteht die Möglichkeit, Entlastung durch verschiedene Unterstützungsangebote im Bereich der Pflege zu bekommen, sagt Caritas-Kurberaterin Lohmann. Man könne beispielsweise Aufgaben an Fachkräfte abgeben und sich damit Freiräume schaffen. Die pflegebedürftige Person könne beispielsweise für einen oder zwei Tage in der Woche in eine Tagesbetreuung gehen. Oder sie geht für eine gewisse Zeit in eine Kurzzeitpflege.

Möchte die pflegebedürftige Person unbedingt daheim bleiben, kann eine Betreuungskraft engagiert werden. Oft kommen sie aus Osteuropa. Sie helfen im Haushalt - Putzen und Kochen -, leisten Gesellschaft und unterstützen etwa beim Waschen. Hier gilt: Betreuung und professionelle Pflege sind nicht gleichzusetzen. Dennoch kann eine Betreuungskraft Angehörigen viel Last abnehmen. Ambulante Pflegedienste kommen ebenfalls nach Hause.

Proaktiv Hilfe suchen

Wer sich selbst zu viel zumutet, droht auszubrennen. Psychologin Asselmann sagt: "Es ist ein Paradox. Je mehr man zu tun hat, desto wichtiger, aber auch desto schwieriger ist es, Pausen zu schaffen." Es sei daher ratsam, sich proaktiv Hilfe zu suchen und gegenüber Bezugspersonen offen zu sein, sagt sie. Auch abseits der Pflege könne man Aufgaben auslagern. Etwa, indem man eine Reinigungskraft für den Haushalt organisiert oder den Partner mehr einbindet. Dabei sollte man die Leistungen der Pflegekasse in Anspruch nehmen. Je nach Höhe des Pflegegrads stehen Pflegebedürftigen Sachleistungen für ambulante Pflege und Betreuung in unterschiedlicher Höhe zu. Bei Pflegegrad 2 bis 5 können sie nach Angaben der Verbraucherzentralen auch Pflegegeld beantragen und dieses dann etwa an die pflegenden Angehörigen weitergeben.

Entlastung durch Erholung

Um sich zu regenerieren, sind Pausen über längere Zeiträume laut Asselmann essenziell. Auch kurze Auszeiten können viel bewirken. Allein auf dem Balkon ungestört einen Kaffee trinken oder konzentriert Atemübungen machen - das hilft bereits, um ein wenig Entspannung in den Pflege-Alltag zu bringen. In der Praxis suchen sich pflegende Angehörige oft erst dann Hilfe, wenn sie vor lauter Erschöpfung nicht mehr weiterwissen. "Trotz Migräne, Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit und anderen psychosomatischen Störungen - viele Pflegende brauchen erst einen Stups von außen", sagt Caritas-Referentin Thiem. Dabei sei es mehr als in Ordnung, Schwäche zu zeigen. "Viele Pflegende sehen gar nicht, was für eine Riesenleistung sie jeden Tag aufs Neue vollbringen."

Kur für pflegende Angehörige

Um eine neue Perspektive auf den Alltag zu bekommen und sich nachhaltig Entlastung zu schaffen, hilft es oft, mit etwas Abstand auf die Situation blicken zu können, sagt Sabine Lohmann. Dazu eignen sich Kuren für pflegende Angehörige. Diese beinhalten ein vielseitiges Programm. Gleichzeitig wird die Versorgung des pflegebedürftigen Menschen in dieser Zeit sichergestellt. Denn erst wenn das gewährleistet ist, können die meisten Pflegenden überhaupt an Entspannung denken. Die Kosten für die Kurmaßnahmen von rund drei Wochen Dauer werden in der Regel von der Krankenkasse übernommen, so Lohmann. Voraussetzung ist, dass sie von einer Ärztin oder einem Arzt verordnet wurden. Inhalte der dreiwöchigen Aufenthalte sind neben der Behandlung von Krankheiten beispielsweise Entspannungstechniken, Bewegungs -und Kreativangebote, psychosoziale Gespräche sowie Anregungen zur Unterstützung der Pflegesituation zu Hause.

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