Ich wollt‘, ich wär ein Zweinutzungshuhn

Hühnerhaltung liegt im Trend. Immer öfter steht dabei nicht die Anzahl der Eier oder das Mastgewicht im Vordergrund, sondern die Freude an den Tieren. Das Zweinutzungshuhn ist ein Allrounder.

Susanne Engelhardt bietet auf ihrem Hühnerhof verschiedene Hühnerrassen zum Verkauf an. Ihre Lieblinge: Zweinutzungshühner.
von Christa VoglProfil

Der Liedtext hat zwar schon einige Jahre auf dem Buckel, genau genommen stammt er aus den 1930er Jahren. Trotzdem hat er es irgendwie geschafft, samt dazugehöriger Melodie, auch noch heute in vielen Köpfen präsent zu sein: „Ich wollt', ich wär' ein Huhn, ich hätt' nicht viel zu tun, ich legte täglich nur ein Ei und sonntags auch mal zwei.“

Ganz zuverlässig winters wie sommers täglich ein Ei zu legen: Susanne Engelhardt vom Hühnerhof Engel weiß, dass dieser Anspruch eigentlich nur von Hochleistungslegehennen erfüllt werden kann. „Die sind gezüchtet auf hohe Legemengen, da geht es rein um die Wirtschaftlichkeit der Hühnerhaltung. Würden sie weniger legen, würde es sich für die Geflügelhalter nicht rentieren“, erklärt die 25-Jährige aus Sinnleithen bei Sulzbach-Rosenberg. Und noch etwas weiß die junge Unternehmerin: „Die männlichen Geschwister dieser Leistungs-Hybridhennen werden üblicherweise nach dem Schlüpfen getötet, weil sie nicht genügend Fleisch ansetzen und daher für die Mast ungeeignet sind.“

So war es zumindest bisher. Voraussichtlich ab Januar 2022 soll allerdings das Töten der männlichen Eintagsküken gesetzlich verboten werden. An seine Stelle tritt die Geschlechtsbestimmung im Ei: Bruteier mit männlichen Küken werden bereits vor dem Schlüpfen aussortiert. Und zwar - je nach Verfahren - entweder nach einer Brutphase von vier oder neun Tagen. Für Engelhardt ist das allerdings keine Alternative zum Töten der Eintagsküken, sie sieht darin nicht zuletzt auch ein ethisches Problem. Ihre Meinung dazu: „Auch die Embryos im Ei sind Lebewesen, die Schmerz empfinden.“

Wie also lässt sich das Problem der „überflüssigen männlichen Legerassen-Küken“ lösen? Und warum war es früher auf den Bauernhöfen ganz normal, die weiblichen Küken als Legehennen aufzuziehen, gleichzeitig aber auch die männlichen Küken zu füttern, bis sie irgendwann einmal als Sonntagsbraten auf dem Teller landeten?

Für Susanne Engelhardt, die bereits mit 13 Jahren ihre erste eigene kleine Hühnerschar betreute und zwischenzeitlich in ihrem Betrieb verschiedene Rassehühner zum Verkauf anbietet, gibt auf diese beiden so unterschiedlichen Fragen eine einfache Antwort: Zweinutzungshuhn. Was das genau ist? „Diese Zwiehühner können beides: Die Hennen haben eine vernünftige Legeleistung und die dazugehörigen Hähne erreichen ein akzeptables Schlachtgewicht. Man muss sowohl bei der Anzahl der Eier als auch beim Fleischansatz einen kleinen Abstrich machen und kann damit sowohl Henne als auch Gockel verwenden.“

Hobbyhühnerhalter, die den Großteil der Kundschaft auf dem Hühnerhof in Sinnleithen ausmachen, haben diesen Vorzug übrigens bereits erkannt. „Aber natürlich kommen zu mir auch Kunden, die Hühner möchten mit einer hohen Legeleistung“, sagt Engelhardt. Und auch solche Hühner würde sie zum Verkauf anbieten.

Die meisten Interessenten, seien aber Menschen, die auf der Suche nach einer Alternative zum Hochleistungshuhn sind. „Das sind zum Beispiel Reihenhausbesitzer, die in ihrem Garten vier Hühner halten wollen und begeistert sind von den verschiedenen Rassen wie Marans, Italiener, Blumenhühner, Paduaner oder Grünleger. Und mindestens ebenso begeistert von den verschiedenen Farben der Eier, die sie liefern“, erzählt die Unternehmerin. Diese Menschen hätten kein Interesse daran, ihre Hühner irgendwann zu schlachten, wenn mit der Zeit die Legeleistung nachlässt. Die Hühner dürften einfach „weiterleben.“

Daneben kommen aber auch Hobbyhühnerhalter auf den Geflügelhof, die ganz bewusst nach Zweinutzungshühnern fragen. Entweder in Form von Eiern „zum Selbstausbrüten“, Küken oder erwachsenen Tieren. „Gerade jetzt gibt es einen spürbaren Trend zur Selbstversorgung. Und dafür sind diese Rassen ideal“, sagt Susanne Engelhardt. Denn: „Ich kann den Hahn mit gutem Gewissen essen. Und die Henne kann Eier legen, bis sie umfällt.“ Einzige Einschränkung dabei: Die Hähne liefern ein Drittel weniger Fleisch und die Hühner liefern insgesamt ein Drittel weniger Eier.

Diese Abstriche, so erklärt die junge Hühnerzüchterin, würden die Kunden aber gerne akzeptieren, wenn damit im Gegenzug das Überleben der männlichen Küken sichergestellt sei. „Viele Leute essen heutzutage einfach viel bewusster, sie wollen immer öfter wissen: Wo kommt das Fleisch her? Was esse ich da überhaupt? Und: Wie hat das Tier eigentlich gelebt, das auf meinem Teller liegt?“ Unbequeme Fragen, die – von vielen Konsumenten gestellt – durchaus das Potenzial hätten, Leistungslegehühner überflüssig zu machen und in Zukunft auch männlichen Küken „ein gutes Leben“ zu ermöglichen.

Apropos männliche Küken, apropos Hähne: Das eingangs erwähnte Lied hat natürlich auch noch eine zweite Strophe. Und die gibt bereits einen Hinweis darauf, wie dieses „gute Leben“ der Hähne oder Gockel in der Praxis aussehen könnte: „Ich wollt', ich wär' ein Hahn, dann würde nichts getan. Ich legte überhaupt kein Ei und wär' die ganze Woche frei.“

"Bitte recht freundlich": Portraitaufnahme eines Amrock-Huhns
Info:

Zweinutzungshühner

ALTE RASSEN: Maran, Amrock, Bresse- Gauloise, La Flèche

NEUE RASSEN: Bielefelder Kennhuhn, Sulmtaler, Deutsches Langschan

Tipp von Susanne Engelhardt: „Zwierassen sind allgemein ruhiger und neigen weniger zum Fliegen als reine Legerassen. Auch werden Zweinutzungshühner schneller zahm, da sie in kurzer Zeit Vertrauen aufbauen.“

Amrock-Huhn bei der Arbeit.
Amrock-Huhn im Freizeit-Modus.
Das Bielefelder Kennhuhn: kein Turbohuhn, aber ein erstklassiges Zweinutzungshuhn.
Hühner sind soziale Tiere. Sie leben in einer festen Gruppenstruktur. Innerhalb der Gruppe gibt es eine Rangordnung: die Hackordnung.
Vor allem alte Hühnerrassen legen "bunte" Eier: Von ganz weiß bis zu ganz dunkelbraun oder grünlich-blau.
Eine Seidenhuhnglucke mit Küken: Manchmal ist es richtig toll, ein Einzelkind zu sein.
Ein Gockel mit einen Hahnenkamm wie aus dem Bilderbuch.
Die verborgene Schönheit von Hühnerfedern.

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