12.01.2021 - 13:31 Uhr
TirschenreuthBesserWissen

Herdenschutzhund: Der mit dem Wolf kämpft

Herdenschutzhunde sind besondere Hunde. Sie werden eingesetzt, um die ihnen anvertraute Nutztierherde zu beschützen und um Wolfsattacken abzuwehren. Doch die Gesellschaft muss erst lernen, mit den Schutzhunden richtig umzugehen.

Ein Bild aus Sommertagen: Johannes Rudorf mit seinem Sohn Wolf, dem Herdenschutzhund Addi (links) und den Hütehunden Zombie und Ira.
von Christa VoglProfil

150 Schafe und Ziegen betreut Johannes Rudorf aus Tirschenreuth, winters wie sommers sind sie draußen, eine Mischung aus Moorschnucken, Bentheimer Landschafen, Bunte Deutsche Edelziegen, Burenziegen und verschiedenen Einkreuzungen. Je nachdem, wo sie gerade weiden, legen junge Familien beim Spazierengehen einen Stopp bei der Herde ein, Radfahrer steigen ab, um einen näheren Blick auf darauf zu werfen und auch Fotografen lassen sich das idyllische Motiv selten entgehen. Das ist tagsüber. Nachts dagegen bekundet seit einigen Jahren ein Neuankömmling sein ausgeprägtes Interesse an den Weidetieren: der Wolf.

Johannes Rudorf, 37 Jahre, ist Schäfer, einer der letzten in der Oberpfalz. Seine Schäferei betreibt er seit 12 Jahren, seit einem Jahrzehnt wird er dabei von seinen Herdenschutzhunden tatkräftig unterstützt. Genau genommen seit die Oberpfalz und ihre Truppenübungsplätze Wolfsland sind und damit auch die Wahrscheinlichkeit zugenommen hat, dass durchziehende Wölfe die Nutztierherden als willkommenes Nahrungsangebot wahrnehmen.

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Beim Schutz seiner Herden setzt der Vollerwerbslandwirt und Landschaftspfleger auf Spanische Mastiffs und Kangal-Hirtenhunde, insgesamt sind es derzeit 9 Stück. Es sind große, kräftige Hunde, die sich für die Schafe und Ziegen verantwortlich fühlen, sie schützen und verteidigen. Auch gegen Wölfe.

Die Verteidigung der Viehherde läuft im Fall einer Bedrohung von außen immer nach einem festgelegten Schema ab, Rudorf hat das selbst schon oft beobachten können: Im Dreierteam hat dabei jeder seine festgelegte Aufgabe. Den Anfang macht der Melder. Er schlägt Alarm, wenn er etwas „Außerplanmäßiges“ riecht, hört oder sieht. Je nachdem, wie nachdrücklich diese Meldung ausfällt, positionieren sich die Hunde dann taktisch an einem Hügel, um besser zu sehen – vor allem aber, um besser gesehen zu werden. Wird weiter energisch und anhaltend gemeldet, so treten die „Steller“ in Aktion: diese Hunde stürmen vor, positionieren sich 10 – 20 m vor der Herde, bellen und drücken damit aus: „Wir sind hier. Komm nur her, hier kriegst du eine drauf.“

Allerdings, so Rudorf, sei dieses reibungslose Arbeiten im Team nicht angeboren: Nicht jeder Hirtenhund komme als einsatzfähiger Herdenschutzhund zur Welt. Er benötige einen Mentor, und von diesem lernen die Halbwüchsigen bei der täglichen Arbeit eine Menge wichtiger Verhaltensweisen: Zum Beispiel das Unterlassen von unnötigem Bellen, die Zügelung des Spieltriebs, die geregelte Teamarbeit in der Herde. Oder auch den richtigen Umgang mit Weidetieren, also kein Jagen, kein Schnappen, kein Zupfen an den Schützlingen.

Um darüberhinaus sicherzustellen, dass ein Herdenschutzhund die Weidetiere als seinem Rudel zugehörig ansieht – und auch umgekehrt – sollte er von Anfang Kontakt zu den betreffenden Weidetieren haben. Bestenfalls wachsen die Welpen inmitten der Herde auf, die sie dann auch als die eigene Familie betrachten. „Es gibt verschiedene Techniken“, sagt Johannes Rudorf. Seine beiden Mastino-Welpen seien ganz nahe bei der Herde aufgewachsen, waren also ständig mit dem Geruch und dem Blöken, dem Meckern der Schafe oder Ziegen in Kontakt. Und lernten so diese Nutztiere als ihre Familie kennen.

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Sich als Teil einer einzigen großen Familie zu sehen, die aus Weidetieren und anderen Herdenschutzhunden besteht, ist die die eine Sache. Die andere ist, diese Familie auch zu beschützen. Aber natürlich nur innerhalb eines festgelegten Rahmens und mit der klaren Unterscheidung: Ist das ein Wolf? Ist das ein Hund? Ist das ein Spaziergänger? Und erst dann zu reagieren. Und zwar angemessen.

Eine schwierige Aufgabe. Sozialisierung bedeutet nämlich auch, Spaziergänger mit und ohne Hund, Radfahrer oder auch Segelflieger als normalen Bestandteil der Umgebung wahrzunehmen. Und zu lernen, dass der Mensch keine Gefahr bedeutet. Denn Herdenschutzhunde bewachen im Normalfall die Herde auch in Abwesenheit des Schäfers, müssen also selbst entscheiden und arbeiten autonom. Von ihrem Mentor haben sie gelernt, wie mit verschiedenen Situation umzugehen ist. Rudorf spricht von „Reizfaktoren“.

Im gleichen Atemzug spricht er aber auch von einer „Herdenschutzhundkultur“, die es in vielen anderen europäischen Ländern gebe, weil dort Herdenschutzhunde seit Jahrhunderten zum täglichen Leben der Menschen gehörten. Ganz anders sei ist die Situation in Deutschland, wo diese Kultur fehle. In der Realität zeige sich das in einem Mangel an Verständnis in der Bevölkerung gegenüber dieser Art von Hundehaltung. Klar sei: Durch die Verteidigungshaltung, durch ihre Größe und ihrem Gebell haben die Menschen Angst vor den Hunden. Dabei erfüllen sie durch ihr Heranspringen an den Zaun, durch das bedrohliche Bellen und dem Wegdrängen der Herde nur ihre Aufgabe, nämlich die Herde zu schützen. „In Spanien oder Portugal verhalten sich die Wanderer in solchen Situationen ruhig, sie wenden sich ab und umgehen die Herde.“ Bei uns würden Spaziergänger dagegen oft genug pfeifen, um eine Reaktion der Herdenschutzhunde zu provozieren. Oder den eigenen Hund anstacheln, zu bellen und entlang des Zauns hin- und herzulaufen.

Dagegen hilft seiner Ansicht nur eines: Man müsse der Herdenschutzkultur genügend Zeit geben, sich zu entwickeln. Aufseiten der Nutztierhalter, durch die Einbindung von gut ausgebildeten und gut sozialisierten Hirtenhunden in die Herden. Aufseiten der Politik durch die Finanzierung von dringend notwendiger Aufklärungsarbeit an Schulen und in der Öffentlichkeit. Und schließlich auch aufseiten der Gesellschaft durch die Akzeptanz, dass es sich bei diesen Hunden nicht um niedliche „Weidewuschelhunde“ handelt, sondern um eigenständige Wesen, die darauf trainiert sind, Gefahren eigenständig einzuschätzen. Und im Ernstfall auch einem Kampf mit dem Wolf nicht aus dem Weg gehen.

Info:

Verhaltensregeln für Begegnungen mit Herdenschutzhunden

• Lassen Sie bei Wanderungen in Regionen mit Herdenschutzhunden Ihren eigenen Hund lieber zu Hause.

• Scheuchen Sie von Herdenschutzhunden bewachte Herden nicht auf.

• Überraschen Sie die Herdenschutzhunde nicht. Machen Sie bereits von Weitem durch lautes Reden auf sich aufmerksam.

• Halten Sie Distanz zur Herde und zum Herdenschutzhund.

• Verlangsamen Sie als Fußgänger Ihr Tempo.

• Wenn Sie mit dem Mountainbike unterwegs sind, schieben Sie das Rad.

• Wenn Herdenschutzhunde in Ihre Richtung laufen, laut bellen oder Ihnen den Weg versperren, bleiben Sie ruhig. Lassen Sie dem Hund Zeit, die Situation einzuschätzen.

• Bei eindeutigen Warnsignalen vonseiten der Hunde bestehen Sie nicht darauf, Ihren Weg durch die Herde hindurch fortzusetzen. Wenn sich die Hunde trotz Abwartens Ihrerseits nicht beruhigen, ziehen Sie sich zurück. Gehen Sie dabei notfalls rückwärts und vermeiden Sie Augenkontakt mit dem Hund. Umgehen Sie die Weide lieber oder kehren Sie um.

• Geraten Sie mit Ihrem Hund versehentlich in eine von Herdenschutzhunden geschützte Herde, nehmen Sie Ihren Hund an die Leine. Versuchen Sie nicht, die Herde zu durchqueren! Nehmen Sie lieber einen Umweg in Kauf oder kehren Sie um. (Quelle: www.bund-naturschutz.de)

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