19.05.2021 - 10:02 Uhr
TirschenreuthBesserWissen

Wildes Eck statt Einheitsgrün

Immer mehr wertvolle Biotope gehen verloren. Harald Schlöger, Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege am Landratsamt Tirschenreuth, gibt Tipps, wie jeder Garten zur rettenden Oase werden kann.

In einer Gartenecke vergessene und von Efeu überwucherte Dachziegel: ein Kleinbiotop.
von Christa VoglProfil

Aufgeschichtete Äste, übrig geblieben vom letzten Obstbaumschnitt und durchsetzt von Laub, das schon halb verrottet ist. Eine Handvoll vergessener und von Efeu überwucherter Dachziegel. Daneben ein kniehoch aufgetürmter Haufen mit Feldsteinen, umgeben von Brennnesselhorsten, aus denen eine Vielzahl kräftiger, dunkelgrüner Stängel sprießt. Und zwischen all dem Durcheinander ein Teppich aus wild wucherndem Giersch.

"Was für ein Verhau!", wäre noch bis vor ein paar Jahren die einhellige Meinung dazu gewesen und Gartenbesitzer hätten es tunlichst vermieden, Besucher in diesen Teil des Gartens zu führen. Doch die Zeiten haben sich geändert: Der Verhau ist heute kein Verhau mehr. Der Verhau ist salonfähig geworden und hat einen neuen, positiv besetzten Namen erhalten: wildes Eck.

"Auch früher waren solche Ecken im Garten kein Verhau", stellt Harald Schlöger, Kreisfachberater für Gartenkultur und Landespflege am Landrats Tirschenreuth, nachdrücklich klar. Denn früher, so erzählt er, war das Leben der Menschen härter, die Tage waren von morgens bis abends mit Arbeit ausgefüllt, und aus diesem Zwang heraus konnte sich nicht gleichermaßen um alle Randbereiche gekümmert werden. Was aber nicht heißt, dass diese nicht genutzt wurden.

Ökologie und Schönheit vereint

Die Brennnesseln durften und sollten zum Beispiel wachsen, weil sie als Tee und Suppen-Zutat genutzt wurden. Oder standen kleingeschnitten, zusammen mit gekochten Eiern, zur Aufzucht der Gänseküken hoch im Kurs. Auch der Giersch wurde früher schon geschätzt und fand vielseitige Verwendung in der Küche. "Heute dagegen sind die Gärten oft perfekt aufgeräumt", sagt Schlöger. "Obwohl sich im Garten Ökologie und Schönheit nicht ausschließen." Denn: Auch etwas Wildes, ein üppiges Durcheinander, könne durchaus ästhetischen Ansprüchen genügen und sehr reizvoll sein.

Nicht ohne Not wirbt Harald Schlöger für das Zulassen von Wildwuchs zumindest in einem kleinen Bereich des Gartens: Einerseits nimmt die Artenvielfalt in unserer Landschaft stetig ab, die Lebensräume für Tiere und auch Pflanzen werden immer kleiner und es mangelt mehr und mehr an Nahrung und Unterschlupfmöglichkeiten. Andererseits nimmt die Anzahl der menschlichen Siedlungen permanent zu und der überwiegende Teil der bestehenden Hausgärten ist "ordentlich und aufgeräumt".

Viel zu aufgeräumt, befindet der 56-jährige Gartenexperte. Er wolle aber keinesfalls Wildwuchs für den ganzen Garten fordern. Im Garten soll weiterhin eine Rasenfläche zum Toben für die Kinder vorhanden sein und natürlich hat Schlöger auch nichts gegen unkrautfreie Beete fürs Gemüse: "Wir sollten uns nur einfach von der Idealvorstellung verabschieden, dass alles wie geleckt sein muss."

Denn eines sei inzwischen klar geworden: Durch das Verschwinden von Strukturen in der Landschaft und dem Abnehmen von Lebensräumen im ländlichen Raum falle den Gärten eine neue und auch sehr wichtige Aufgabe zu. Nämlich die Sicherstellung der Vernetzung noch bestehender Lebensräume.

Wie das gehen soll? Das Zauberwort heißt Trittstein. Durch die Schaffung naturnaher Bereiche in möglichst vielen Gärten würden sie nämlich wie ökologische Trittsteine wirken und so den Kontakt zwischen verschiedenen Lebensräumen ermöglichen. Diese Trittsteine können von Tieren genutzt werden, um zwischen den Lebensräumen zu reisen, neue Gebiete zu besiedeln oder Fortpflanzungspartner zu finden. Vorteile habe ein wildes Eck viele: "Solche wilde Ecken stärken das Gleichgewicht zwischen Nützlingen und Schädlingen", unterstreicht Schlöger und fügt hinzu: "Ob Spitzmaus oder Erdkröte, ob Marienkäfer oder Laufkäfer: Das sind alles Helfer im Garten." Ein wildes Eck beruhige aber nicht nur das eigene Umweltgewissen, sondern bringe auch einen Zugewinn, einen Mehrwert im Garten. Weil die Nützlinge von den Rückzugsbereichen ausströmen und Schädlinge vertilgen, zum Beispiel Blattläuse, Schneckeneier oder auch Schnecken. "Als Gärtner ist man dann viel entspannter und muss nicht eingreifen", betont der Gartenexperte.

Chaos schafft Lebensräume

Harald Schlöger ist sicher, dass ein bisschen Chaos im eigenen Garten nicht nur neue Lebensräume schafft und das ökologische Gleichgewicht unterstützt, sondern dass das wilde Eck auch ein Garant ist für viele interessante Beobachtungen: ein besonders farbenfroh schillernder Käfer, eine Eidechse, die auf dem Steinhaufen ein Sonnenbad nimmt, die samtig-schwarzen Raupen des Tagpfauenauges, die den Brennnesselhorst bevölkern, oder auch Pilze, die sich in verschiedenen Formen und Farben am Totholz ausbreiten und einen ganz besonderen Blickfang bieten.

Die insektenfreundliche Ecke mit dem Wildwuchs bietet einen zusätzlichen Vorteil. Während für den übrigen Teil des Gartens die strikte Regel lautet "Regelmäßig pflegen" und dies erfahrungsgemäß mit viel Arbeit verbunden ist, heißt der verheißungsvolle Ratschlag für das wilde Eck: "Einfach frei entwickeln lassen."

Mit Streuobstwiesen Lebensräume schaffen

Kemnath
Hintergrund:

Möglichkeiten für ein wildes Eck im Garten

  • Wasser
  • Trockenmauer
  • Wildstauden
  • Sandflächen
  • Totholz
  • Blumenwiese
  • Lesesteinhaufen

„Ein wildes Eck muss nicht alles haben“, sagt der Gartenkreisfachberater Harald Schlöger. Wichtig sei, dass in möglichst vielen Gärten solche kleinen Biotope, solche rettenden Oasen eingerichtet würden.

 

 

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