Angesichts weiter dramatisch steigender Corona-Zahlen in Bayern hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) weitreichende Forderungen an den Bund gestellt. Die bislang von der geplanten Ampel-Koalition vorgeschlagenen Maßnahmen zur weiteren Pandemie-Bekämpfung reichten nicht aus. "Man kann in einem stürmischen Winter nicht mit Sommerreifen fahren", sagte Söder nach einem Gespräch mit Vertretern von Ärzten und Pflegekräften in München. Es brauche bundesweit einheitliche Regeln für die Booster-Impfungen und einen Handlungsrahmen für eine sich weiter verschärfende Lage. "Wir haben keine Zeit mehr für laue Kompromisse", erklärte Söder.
Mehr Tote als in jedem anderen Bundesland
In Bayern ist die Sieben-Tages-Inzidenz am Donnerstag auf den Rekordwert von 431,3 gestiegen. Nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit lag die Inzidenz von Ungeimpften bei 953, die von Geimpften bei 98. Auch die Zahl der belegten Intensivbetten näherte sich mit 685 einem Höchststand. Bayernweit sind derzeit rund 90.000 Menschen mit dem Corona-Virus infiziert, knapp 3000 davon müssen stationär behandelt werden. Auch die Zahl der Corona-Toten steigt wieder rasant an. Am Donnerstag meldete das Landesamt 73 neue Fälle, für die vergangene Woche insgesamt 234 – mehr als in jedem anderen Bundesland.
Die bayerische Impfquote ist leicht auf 65,3 Prozent gestiegen, ist damit aber weiterhin die niedrigste unter den westdeutschen Ländern. Unterdessen gab Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) bekannt, er habe sich nun doch impfen lassen. Er begründete seine Entscheidung mit der schwierigen Lage in den Kliniken. Impfungen trügen dazu bei, die Krankenhäuser zu entlasten. Söder begrüßte Aiwangers Entscheidung als "positives Signal".
Söder fordert Impfpflicht für bestimmte Berufe
Nach dem Gespräch mit den Ärzten und Pflegern sprach Söder von einer "sehr sehr ernsten Lage". "Fakt ist: Die Krankenhäuser sind voll, wir müssen jetzt handeln", sagte er. Durch die am Mittwoch erfolgte erneute Ausrufung des Katastrophenfalls sei nun zumindest wieder eine effizientere Patientensteuerung und eine "Generalmobilmachung" in der Pflege möglich. Nun müssten aber die Zugangszahlen wieder reduziert werden.
Dazu brauche es "2G flächendeckend in Deutschland, wo immer das möglich ist", in Clubs und Diskotheken 2G mit vorherigem Schnelltest, umfassendes 3G am Arbeitsplatz und eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen. Auffrischungsimpfungen sollten für alle ab dem fünften Monat nach der Zweitimpfung möglich sein. Einzelheiten dazu müssten auf der Ministerpräsidentenkonferenz in der kommenden Woche beschlossen werden, forderte Söder. Dabei müsse es auch um einheitliche Regeln für Weihnachtsmärkte und Faschingsveranstaltungen gehen.
Auch 30-Jährige schweben zwischen Leben und Tod
Ein dramatisches Bild von der Lage in den Krankenhäusern zeichnete der stellvertretende Intensivstationsleiter in der Münchener Klinik Bogenhausen, Markus Schopper. "Wir sind in der Pandemie eine Minute vor 12", sagte er. Die Pfleger arbeiteten nach 20 Monaten Pandemie an der "absoluten Belastungsgrenze". Nach Schoppers Darstellung sind 90 Prozent der Covid-Intensivpatienten ungeimpft. "Die schweben auf der Stufe zwischen Leben und Tod, da sind auch 30-Jährige dabei", schilderte er. Es würden auch zunehmend Patienten mit Impfdurchbrüchen behandelt. Diese seien zumeist immungeschwächt, die Krankheitsverläufe aber im Regelfall weniger schwer. Schopper riet den Bürgern eindringlich zur Impfung.
Ersatzbank ist leer
Der Geschäftsführer des Klinikums Starnberg, Dr. Thomas Weiler, sprach von einer Situation, "die es an deutschen Krankenhäusern in der Nachkriegszeit noch nicht gegeben hat". Im Prinzip gehe es nur noch darum, "irgendwo ein freies Bett zu finden". Er erlebe Fälle, wo Herzinfarktpatienten nicht nach wenigen Minuten auf Station seien, sondern erst nach mehreren Stunden, weil Verlegungen durch ganz Bayern erforderlich seien. "Wir haben eine bedrohliche Situation für jeden, der dringend eine intensivmedizinische Betreuung braucht", sagte Weiler. Selbst notwendige Krebsoperationen müssten wegen der Vielzahl an Covid-Patienten verschoben werden. Verschärft werde die Lage durch einen der Dauerbelastung geschuldeten Mangel an Pflegekräften: "Wir haben in den Kliniken keine Elf mehr auf dem Feld, und die Ersatzbank ist auch leer."















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