11.10.2020 - 15:39 Uhr
Deutschland & Welt

Alkoholiker ist man ein Leben lang

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Andrea ist seit 20 Jahren trocken – Alkoholikerin ist sie aber immer noch. Bei den Anonymen Alkoholikern fand sie lebenswichtige Hilfe. Doch bis sie so weit war, Hilfe überhaupt anzunehmen, ging sie durch die Hölle.

Wegen ihrer Alkoholkrankheit suchte Andrea Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern. Jetzt hat sie ihre Sucht im Griff und ist „trocken“. Wie sie wirklich heißt und wo sie lebt, möchte sie jedoch lieber nicht preisgeben.
von Christa VoglProfil

„Mein Name ist Andrea. Ich bin Alkoholikerin.“ So beginnt das Antwortmail auf die Telefoninterviewanfrage bei der „Anonyme Alkoholiker Interessengemeinschaft e.V.“, im Sprachgebrauch kurz als „Anonyme Alkoholiker“ bekannt. Natürlich heißt Andrea nicht wirklich Andrea. Korrekt ist jedoch, dass die Frau, die sich hinter diesem Namen verbirgt und in der Oberpfalz wohnt, Alkoholikerin ist.

Aber sie ist trocken, wie sie erzählt. Und zwar bereits seit 20 Jahren. Doch kann man nach dieser langen Abstinenz überhaupt noch von Alkoholabhängigkeit sprechen? „Diese Sucht begleitet dich ein Leben lang. Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker“, sagt Andrea und fügt abschwächend hinzu: „Klar, wenn man mit dem Trinken so lange wie ich aufgehört hat, dann ist es kein Kampf mehr, für mich ist es nicht mehr anstrengend, ich bin jetzt frei. Ich kann mich entscheiden: Will ich saufen oder will ich nicht saufen?“ Sie könne Ja oder Nein sagen. Nein zu sagen, sei aber viel schöner. „Aber am Anfang war es ein Kampf, damals hatte ich diese Freiheit nicht. Die Antwort war immer Ja.“

Andrea landete über Umwegen bei den Anonymen Alkoholikern (AA). „Viele, die zu den Gruppentreffen der Anonymen Alkoholiker kommen, haben einen Aufenthalt im Krankenhaus und vielleicht auch schon eine Entzugstherapie hinter sich“ erzählt sie. „Aber geheilt sind sie deswegen noch lange nicht. Obwohl sie als geheilt entlassen werden. Denn Alkoholismus ist eine chronische Krankheit, die hat man ein Leben lang.“ Oft erfahren diese Menschen erst im Krankenhaus oder in der Therapie, was die Anonymen Alkoholiker leisten, dass es überall in Deutschland Selbsthilfegruppen gibt und dass die Menschen mit Alkoholproblemen auch nach dem stationären Aufenthalt nicht alleine sind, sondern aufgefangen werden. Allerdings nur wenn sie das auch wollen.

Andrea, die in der Vergangenheit selbst Kontaktstellensprecherin war und ehrenamtlich in der Telefonzentrale der Anonymen Alkoholiker tätig ist, formuliert es so: „Wir laufen niemandem hinterher. Der Wille muss da sein, aufzuhören, nur so kann es funktionieren. Jeder muss ein Leben ohne Alkohol selbst in Angriff nehmen.“ Doch wie läuft so ein erstes Gespräch ab? „Zum Beispiel ruft jemand in der Zentrale an und sagt, dass er ein Alkoholproblem hat. Seinen Namen braucht er nicht zu nennen, er wird nur nach seinem Wohnort gefragt, erhält dann die Telefonnummer des Gruppensprechers vor Ort und erfährt auch gleich, wo und wann in seinem Umkreis Treffen der AA sind.“ Gerade auf dem Land würden aber Menschen lieber zu einem Meeting in der Stadt gehen, weil dort die Anonymität besser gewährleistet sei. Aber das dürfe jeder für sich entscheiden.

Die Anonymen Alkoholiker in der Region

Sulzbach-Rosenberg

Sehr wichtig sei es, so erklärt Andrea, wirklich regelmäßig zu den Meetings zu gehen. Denn Einsamkeit sei der größte Feind: „Die ist ganz gefährlich“ und verführe zum Trinken. „Anfangs war ich nicht regelmäßig dort und ich hatte immer wieder Rückfälle. Dann begann ich regelmäßig hinzugehen, oft sogar jeden Tag. Manchmal war ich auch besoffen dort. Doch niemand hat mich rausgeworfen.“ Und auch heute, nach 20 Jahren als trockene Alkoholikerin, gehe sie immer noch regelmäßig zu diesen Meetings, „so zwei- bis dreimal pro Woche.“ Oft werde ihr die Frage gestellt: „Wie lange musst du denn da noch hingehen? Du trinkst doch nicht mehr!“. Ihre Antwort darauf: Eigentlich muss man da ein Leben lang hingehen, weil das eine chronische Krankheit ist und man selbst nach 20 Jahren immer noch einen Rückfall haben kann.

Der Ablauf dieser Treffen, die für die Teilnehmer kostenlos sind, sei immer gleich, erzählt Andrea: die Teilnehmer der Gruppe treffen sich, allen gemeinsam ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören, meistens seien es so zwischen sechs und zwölf Personen, es gibt einen Gruppenleiter, selbst Alkoholiker, aber seit mindestens drei Jahren trocken, alle sitzen an einem Tisch, die Gesprächsrunde dauert ca. 1,5 h, reihum kann jeder Fragen stellen oder erzählen, wobei jeden Monat ein anderes Thema im Vordergrund steht, also insgesamt 12 Themen, 12 Schritte, die zur Genesung beitragen sollen. Jeder beginnt seinen Redebeitrag auf die gleiche Weise: er nennt seinen Namen und fügt hinzu, dass er Alkoholiker oder Alkoholikerin ist. Zum Beispiel: „Ich bin Max. Ich bin Alkoholiker“. Andrea sagt: „Das dient dazu, sich daran zu erinnern, dass man krank ist und dass man es nicht vergisst. Doch gerade am Anfang hätten viele ein Problem damit, sie bringen es nicht über die Lippen, sie sind nicht davon überzeugt.“ Und natürlich würden auch viele nicht davon sprechen, wenn sie wieder rückfällig geworden sind. Sie würden sich schämen. Viele würden ein Leben ohne Alkohol nicht aufs erste Mal schaffen. Auch sie habe es nicht aufs erste Mal geschafft. Aber die Gruppe helfe enorm: „Es ist ohne Hilfe viel schwieriger, wegzukommen, weil man keinen Austausch hat“. Und Austausch sei wichtig, Austausch gebe Hoffnung und Mut, weil man weiß, dass man mit seinem Problem nicht alleine dasteht.

Dann erzählt Andrea von einem sehr wichtigen Prinzip bei den Anonymen Alkoholikern: nur im Heute leben. Was das in diesem ganz speziellen Fall bedeutet? Bei den Anglern lautet der gut gemeinte Wunsch „Petri Heil“, bei den Fliegern „Hals- und Beinbruch“. Bei den AA wünscht man sich immer: „Gute 24 Stunden“, was soviel bedeutet wie: Heute ist der wichtigste Tag in meinem Leben. Heute trinke ich nicht.

Andrea: „Alkoholismus ist immer ein Teil von mir. Das ist in Fleisch und Blut übergegangen. Auch wenn ich seit 20 Jahren trocken bin und keinen Saufdruck mehr habe.“

Und was ist mit dem nächsten Tag? „Der nächste Tag interessiert mich heute überhaupt nicht. Der ist mir total Wurst.“ Zurückblickend sagt sie: „Bei mir war es anfangs so schlimm, dass mir ein einziger Tag schon zu lang war. Ich habe den Tag in Stunden eingeteilt und versucht, die einzelnen Stunden ohne Alkohol zu überstehen. Und am Abend war ich froh, wenn ich diesen einen Tag trocken überstanden hatte.“

Andrea selbst hat den Absprung vom Alkohol durch die Geburt ihres Enkelkinds geschafft: „Ich wollte, dass mich mein Enkel nie betrunken sieht.“ Zum damaligen Zeitpunkt habe sie nur noch geschlafen und gesoffen. In der Früh brauchte sie ihren Whisky und habe gekotzt, das sei ihr Tagesanfang gewesen „Ich war wirklich ganz unten, ich wollte sogar Selbstmord begehen. Ich war schon auf den Eisenbahnschienen gelegen und wollte mich überfahren lassen. Doch dann wurde ihr Enkel geboren, ein sehr einschneidendes Erlebnis und alles kam ganz anders.

Andrea ist überzeugt, dass sie ohne die Unterstützung der Anonymen Alkoholiker den Kampf gegen den Alkohol nicht überstanden hätte, ihre Krankheit nie zum Stillstand gekommen wäre. Die Gespräche über Erfahrungen mit dem Trinken, dem Aufhören und dem Leben ohne Alkohol, dem Hören anderer Lebensgeschichten hätten ihr Kraft und Hoffnung für das eigene Leben gegeben. Und doch ist sie überzeugt: „Alkoholismus ist immer ein Teil von mir. Das ist in Fleisch und Blut übergegangen. Auch wenn ich seit 20 Jahren trocken bin und keinen Saufdruck mehr habe.“

Die Gruppentreffen der AA nehmen einen festen Platz in Andreas Leben ein. Und selbst nach dieser langen Zeit ohne Alkohol beginnt sie dort ihre Redebeiträge ganz konsequent mit den Worten: „Ich bin Andrea. Ich bin Alkoholikerin.“

Info:

Die Anonymen Alkoholiker/Kontakt

Info:

Gastbeitrag zum Thema Selbsthilfegruppen

"In der Tat ist es so, dass der regelmäßige Besuch einer Selbsthilfegruppe zu den wirksamsten Maßnahmen zählt, um eine Abhängigkeitserkrankung auch längerfristig unter Kontrolle zu bringen. Die "Anonymen Alkoholiker" sind hier sicherlich eine der auch weltweit bekanntesten, wenn nicht die bekannteste Selbsthilfegruppe. Es gibt viele Gründe, die die Wirksamkeit der Selbsthilfegruppen unterstreichen. Selbsthilfegruppen wirken, Betroffene sprechen miteinander, ohne Stigmatisierung, auf Augenhöhe. In schwierigen Situationen kann die Gruppe den einzelnen Betroffenen "auffangen" und ihn vor einem Rückfall bewahren oder auch Rückhalt geben bei einem Rückfall. Denn ein Rückfall ist kein "Scheitern", sondern lediglich ein Symptom der Abhängigkeitserkrankung. Die Teilnehmer der Selbsthilfegruppen haben teilweise eine langjährige Erfahrung in der Selbsthilfe, sind also durchaus als Experten für die Probleme von Abhängigen zu bezeichnen. Zudem ist Selbsthilfe eine Form des aktiven Herangehens an die Abhängigkeitserkrankung, was den Selbstwert und die Selbstwirksamkeit steigert, mit dem Problem der Abhängigkeit fertig zu werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass Selbsthilfegruppen unbürokratisch sind und die Teilnahme nicht abhängig ist von Genehmigungen von Kostenträgern oder mit Wartezeiten verbunden ist - die Schwelle, eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, wird somit bewusst möglichst niedrig gestaltet. Auch bleibt das in der Gruppe Besprochene "unter sich", es herrscht eine hohe Vertraulichkeit. Selbsthilfegruppen gibt es mittlerweile in so vielen Städten und Gemeinden, dass auch Betroffene in ländlichen Gegenden zumindest in der großen Mehrheit einen relativ guten örtlichen Zugang erhalten. Abschließend sei noch erwähnt, dass auch Angehörige, die oft unsicher sind im richtigen Umgang mit Abhängigen, in Selbsthilfegruppen organisiert sind und dort unbürokratisch kompetente Hilfestellung erfahren können."

Dr. Markus Wittmann, Ärztlicher Direktor am Bezirksklinikum Wöllershof

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