Zehnjähriger trifft nach drei Jahren Eltern wieder

Seit über drei Jahren hat Ebrahim (10) seine Eltern nicht gesehen. Als Siebenjähriger floh er 2015 mit der Tante aus Aleppo. Jetzt hat er gute Chancen, zumindest seinen elften Geburtstag mit Mutter und Vater feiern zu können.

Leben in Trümmern, im Bild eine Kupferwerkstatt. Von Normalität ist das Leben in der nordsyrischen Stadt weit entfernt.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die Eltern hatten ihren Jüngsten der kinderlosen Tante mit auf die Flucht aus dem zerbombten Aleppo mitgegeben. Sie selbst wollten nach zwei, drei Wochen in die Türkei nachkommen, weil sie noch versuchen wollten, das Haus zu verkaufen. Der Hausverkauf scheiterte. Und die Türkei machte die Grenzen dicht. Aus "zwei, drei Wochen" wurden über drei Jahre, in denen der Grundschüler Vater und Mutter nur per Skype sprechen konnte. Dies könnte sich nun ändern.

Wie die ehrenamtliche Betreuerin Vera Brieger berichtet, haben die Eltern letzte Woche ihre Visa von der deutschen Botschaft im Libanon erhalten (in Syrien gibt es derzeit keine Vertretung). Die Freude bei dem Buben sei riesengroß, auch wenn er fieberkrank im Bett liegt. Tante und Onkel, bei denen er in Altenstadt lebt, haben sich im Reisebüro schon nach Flügen erkundigt. Aus Beirut gibt es täglich Verbindungen nach Frankfurt.

Trotzdem wird es noch zwei, drei Wochen dauern, bis der Grundschüler nach über 1200 Tagen wieder im Arm der Eltern ist. Es gibt ein Problem: Ebrahims große Schwester Natalie ist in der Zwischenzeit 18 Jahre alt geworden. Der Familiennachzug gilt aber nur für minderjährige Geschwister. Das bedeutet, dass das Ehepaar die 19-jährige Tochter in Aleppo lassen muss. Es ist noch nicht klar, wo das Mädchen unterkommen wird. Es lebt noch ein Onkel in der zerstörten Stadt, aber dieser ist schwer krank.

Dass soviel Zeit verstrichen ist, liegt nicht an der syrischen Familie. Der Familiennachzug war 2016 für zwei Jahre ausgesetzt worden. Seit August 2018 ist er für subsidiär Geschützte wieder eingeschränkt möglich. Dazu müssen Eltern und minderjährige Geschwister bei den deutschen Auslandsvertretungen zunächst einen Termin beantragen, um den Visaantrag zu stellen. Allein auf diesen Termin - in diesem Fall bei der BRD-Botschaft in Beirut - warteten Ebrahims Eltern zehn Monate.

Damit sind die Altenstädter Syrer vermutlich noch gut gefahren. In Beirut lagen im Juli 2018 rund 22 000 Terminanfragen vor, wie aus der Antwort von Minister Michael Roth auf eine Abgeordnetenanfrage hervorgeht. Betreuerin Vera Brieger bat im Abgeordnetenbüro von Uli Grötsch (SPD) um Hilfe: "Dort hat man sich sehr engagiert." Im Februar 2019 bekamen die Eltern ihren Termin und fuhren dazu mit dem Bus ins Nachbarland. Anfang Mai 2019 lag die Aufforderung in der Post, die Pässe an die Beiruter Botschaft zu schicken. Letzte Woche waren die Papiere - mit den Visa - schon zurück

„Ich freue mich sehr“, meinte Dominik Brütting, Leiter des Abgeordnetenbüros Grötsch am Montag. „Der Fall hat mich sehr bewegt.“ Er bemühe sich regelmäßig beim Auswärtigen Amt um Beschleunigung, könne dies aber nur in ausgewählten Härtefällen tun. Brütting steht dazu in Kontakt mit Jost Hess vom AK Asyl, der mehrere solcher Fälle betreut. In der Regel sind das Familienvätern, die ihre Frauen und Kinder nachholen wollen. „Es dauert ewig, obwohl ein Anspruch besteht und alle Voraussetzungen erfüllt sind.“ Das zehre an den Nerven. Ein Fall ziehe sich schon über zwei Jahre, obwohl der gesetzliche Anspruch bestehe.

Zahlen aus dem Auswärtigen Amt belegen die spärliche Visa-Erteilung: Das 1000-Personen-Kontingent pro Monat für den Nachzug von subsidiär Schutzberechtigten wird nicht einmal ausgeschöpft. Im April 2019 wurden nach Auskunft von Sprecherin Susanne Beger-Blum 981 positive Entscheidungen vom Bundesverwaltungsamt an die Botschaften übermittelt. Im Durchschnitt waren es 758 pro Monat seit August 2018.

Bis zum Visum müssen drei Behörden ihre Zustimmung geben: die Botschaften in den Anrainerstaaten Syriens, die kommunalen Ausländerbehörden in Deutschland und das Bundesverwaltungsamt, das letztlich die Auswahl der 1000 treffen muss. Es hakt offenbar bei den Ausländerbehörden: Rund 11 000 Anträge wären von den Botschaften bereits positiv beschieden worden, aber nur 7300 von den Ausländerbehörden.

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