11.01.2019 - 08:56 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Amberg: Die nationalisierte Lokalsache

"Übermedien"-Autor Ralf Hutter bewertet die Aufregung um die prügelnden Flüchtlinge. Das Ausmaß war "fast irreal".

Einer der Tatorte war die Obere Nabburger Straße in Amberg. Auch dort schlugen die betrunkenen Jugendlichen auf Passanten ein.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

Über Amberg und die jungen Asylbewerber, die auf Passanten losgegangen sind, wird weiter gesprochen und geschrieben. "Lokalmeldung macht Karriere", so titelt Ralf Hutter auf "uebermedien.de". Zu Wort kommt in seinem Beitrag auch der Reporterchef der Amberger Zeitung, Markus Müller.

"Normalerweise ist das eine Meldung für die Lokalzeitung, in diesem Fall aber sind die Verdächtigen Asylbewerber - und das, nur das, machte den Vorfall zu einem überregionalen Aufreger. Besser gesagt: Er wurde dazu gemacht, auch von bundesweiten Medien, die tagelang darüber berichteten", kritisiert "Übermedien"-Autor Hutter. Politiker wie die Innenminister Horst Seehofer (Bund) und Joachim Herrmann (Bayern) hätten ihnen zusätzlich Stoff geliefert, die Lokalsache zu nationalisieren.

"Ein Riesenhype"

Hutter zitiert an dieser Stelle Markus Müller von der AZ: "Es war für uns etwas überraschend, dass so ein Riesenhype entfacht wurde." Zunächst habe das "wie eine normale Polizeimeldung" ausgesehen, wenn auch die Zahl der Verletzten unüblich hoch gewesen sei. Als Müller gelesen habe, dass Flüchtlinge verdächtigt werden, so Autor Ralf Hutter weiter, sei ihm zwar klar geworden, dass das ein größeres Thema würde. Aber die Dimension habe ihn verwundert.

Obwohl es in den Tagen nach den Taten keine neuen Infos zu der Sache gegeben habe, seien immer mehr Kamerateams in die Stadt gekommen, um Bürger auf dem Marktplatz zu befragen, erzählte Müller dem "Übermedien"-Autor und fügte hinzu: Der Medienansturm sei vermutlich auch eine Folge der Artikel in "Bild" gewesen, die "einigermaßen reißerisch" berichtet habe.

Auch Ambergs Oberbürgermeister Michael Cerny bekam eine Anfrage von "Übermedien" und äußerte sich wie folgt: "Letztlich waren jeder größere Fernsehsender und alle überregionalen Tageszeitungen vor Ort oder forderten zumindest ein Telefoninterview. Das hat irgendwann ein Ausmaß angenommen, das fast irreal war. Viele Pressevertreter waren im Gespräch eher verwundert, weil die erlebte Situation in der Stadt viel ruhiger und gelassener war, als sie es vermutet hatten." So 25 bis 30 Medien seien in Amberg gewesen, habe ihm Cerny mitgeteilt, schreibt Ralf Hutter. Und gibt weitere Aussagen des OB wieder: "Die Ambergerinnen und Amberger sind sehr erstaunt über das breite Medienecho und halten es für überzogen." Bei einigen habe die Straftat, "aber vor allem auch die enorme und fehlerhafte Berichterstattung zu einer gewissen Verunsicherung geführt."

Die Rolle der AfD

Hutter ergänzt: "Lokaljournalist Müller bestätigt die unterschiedlichen Linien: Im Gegensatz zu den Innenministern Herrmann und Seehofer habe Cerny auf den Vorfall ,bedacht' reagiert und sich gegen eine politische Instrumentalisierung gewandt. Die CSU-Oberen aber verschärften bei ihrer Klausurtagung spontan ihre Haltung zu Abschiebungen." Natürlich habe sich auch die AfD in die Sache eingemischt. Hutter glaubt: "Ohne sie würden solche Fälle heute möglicherweise gar nicht so hoch gehängt, auch von Medien. Ereignisse aufzubauschen, die nur lokale oder bestenfalls regionale Relevanz haben, kommt gerade dann immer wieder vor, wenn Menschen aus dem Ausland beteiligt sind - und die AfD das lautstark aufgreift."

Hutter stellt in seinem Artikel schließlich fest: "Medien machen die Welt mit ihrer Berichterstattung immer wieder klein. Menschen werden darüber informiert, dass 500, 600 Kilometer entfernt von ihnen eine Straftat stattgefunden hat. Das überfordert mit der Zeit. Jahrtausende lang hörten Menschen nur Nachrichten aus der näheren Umgebung - und wurden nicht durch permanente Horrormeldungen aus aller Welt verunsichert. Das ist heute, dank Internet, natürlich ganz anders. Der physische Nahbereich prägt nicht mehr ausschließlich das Bewusstsein. Dass bei vielen so ein Bedrohungsgefühl entsteht, kann deshalb nicht verwundern."

Ähnliche Fälle, an denen Deutsche beteiligt sind, fänden viel weniger Aufmerksamkeit. ,Von Amberg aus wurde eine Nachricht ins ganze Land getragen, von der schon viele Leute vor Ort denken, dass der Vorfall nicht allzu beachtenswert sei", lautet der Satz, mit dem Hutter endet.

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