20.07.2018 - 00:03 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Ambergs Sonne scheint in Chile

Der Solar-Markt wird oft als Karawane verspottet: Nach der Vollbremsung der Bundesregierung zogen einige Unternehmen ins Ausland. Siegfried Schröpf, Geschäftsführer von Grammer Solar in Amberg, baut eine neue Säule in Chile auf.

Grammer-Solar-Chef Siegfried Schröpf (links) bei einer Einladung beim deutschen Botschafter in Chile, Rolf Schulze (daneben).
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Amberg. „Die Zahl der Projekte wächst, wir werden stärker“, freut sich Siegfried Schröpf über seine Neugründung der Grammer Solar Chile SpA. Neben Photovoltaik-Anlagen setzt das Amberger Unternehmen auf Luftkollektoren: „Wir sind ja groß geworden mit solarer Trocknung“, erklärt der Oberpfälzer, „vor zwei Jahren haben wir ein GEZ-Projekt mit der halbstaatlichen Deutschen Energieagentur Dena zur Wissensverbreitung über solare Trocknung gestartet – das hat uns jetzt eine Einladung beim deutschen Botschafter in Santiago beschert.“

Die Erkenntnisse daraus helfen einer ganzen Region Chiles in mehrfacher Hinsicht: „In der Region Maule, südlich von Santiago, gibt es riesige Waldplantagen – aber bisher verkauft jeder nasses Holz, das dann auch so verbrannt wird und große Emissionen verursacht.“ Grammers Lösung: „Getrocknetes Holz hat nur das halbe Gewicht, weshalb wir Pellets herstellen, und der Region damit ganz andere Wertschöpfungsperspektiven eröffnen.“ Das Leuchtturmprojekt auf 200 Quadratmetern habe den Plantagenbesitzern vor Augen geführt, dass sich die solare Trocknung sogar doppelt lohnt: „Wir erwarten uns davon einen Verbreitungseffekt.“

Trotz der mageren vergangenen Jahre in Deutschland nach der EEG-Vollbremsung: „Ganz nach Chile zu gehen, ist für mich keine Option“, stellt er aber klar. „Wenn es sehr gut läuft, könnte ich mir dort aber eine Produktion für Luftkollektoren vorstellen.“ Einige Solar-Unternehmen hätten versucht, sich in ausländischen Märkten neu zu positionieren. „Aber dafür brauchst du ein Standing.“ Das renommierte Amberger Unternehmen, das in vielen Entwicklungshilfe-Projekten mitwirkte und auch in Spanien über ein Standbein verfügte, übersteht die Turbulenzen mit einigem Substanzverlust.

Ins langgestreckte Land (4200 Kilometer Nord-Süd-Ausdehnung, 200 Kilometer Ost-West) am Pazifischen Ozean führt den Spanisch sprechenden Unternehmer ein familiärer Zufall: In den Herbstferien 2011 besucht er mit Frau Brigitte Sohn Bene in Peru, der sich nach dem Abi mit einer Südamerika-Tour belohnte. Das Ehepaar wird sich schnell einig: Lehrerin Brigitte kann sich ein Jahr in einer deutschen Schule vorstellen, Solar-Überzeugungstäter Sigi will den Markt sondieren. In Frage kommt nur ein politisch und wirtschaftlich stabiles Land – Chile mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen und höchster Dichte an deutschen Schulen in Lateinamerika gerät schnell in den Fokus.

„Brigitte hat Bewerbungen an deutsche Schulen in ganz Mittel- und Südamerika geschickt“, erzählt Schröpf, „die meisten Rückläufer kamen aus Chile.“ Erste Station des Paars ist Concepción, eine Universitätsstadt mit rund 200 000 Einwohnern 500 Kilometer südlich von Santiago. Spätestens bei einer Unternehmer-Reise 2013, bei der sich Schröpf über die Verhältnisse vor Ort informieren will, stellt er fest: „Chile ist eine gute Idee, Concepción eine schlechte.“ Der lateinamerikanische Zentralismus führe dazu, dass alle Unternehmen ihren Sitz in der Hauptstadt Santiago hätten. Man orientiert sich um, Brigitte findet noch eine gute Stelle in einer bilingualen Schule der Metropole.

Im August 2013 beginnt das Abenteuer mit Unterstützung der rührigen deutsch-chilenischen Handelskammer, die Kontakte zu Firmen und Institutionen herstellt. Geografisch ist der Andenstaat für Schröpfs Zwecke bestens geeignet: „Die Sonneneinstrahlung an den meisten relevanten Orten ist um 50 bis 150 Prozent besser als in Deutschland.“ Gleichzeitig habe es damals nur eine Handvoll größerer Anlagen gegeben. „Es gibt große Hoffnung, dass da was entsteht“, ist der Amberger guter Dinge. „Seit dem Ende der Pinochet-Ära erfährt das Land einen stabilen Aufschwung – und da Chile nur wenig und schlechte Kohlevorkommen hat und fossile Energien einkaufen muss, setzt die Regierung auf regenerative Energien.“

Wie stabil dieser Kurs dort gehalten wird, zeigt der Regierungswechsel im Herbst: „Trotz der Niederlage der Sozialdemokratin Michelle Bachelet und der Regierungsübernahme des konservativen Sebastián Piñera, wird an energiepolitischen Entscheidungen nicht gerüttelt: „Sogar die Staatssekretäre blieben im Amt“, freut sich Schröpf über die Kontinuität. Anders als in Deutschland fördert die Politik die regenerative Energie nicht durch ein EEG, sondern durch so genanntes „Net Billing“: „Wenn du ein Kilowatt Strom produzierst und ins Netz einspeist, bekommst du eine Gutschrift von etwa Zweidrittel unseres Preises.“ Schröpfs Geschäftsidee: „Wir wollen uns auf mittelgroße Anlagen auf Firmengebäuden spezialisieren.“

Menschlich fühlen sich die Oberpfälzer in der 12 000 Kilometer entfernten Stadt im Talkessel am Río Mapocho sofort wohl. „Wir wurden sehr positiv aufgenommen“, erzählt er, „wir hatten schnell einen internationalen Freundeskreis, viele sagten gleich, ,bleibt halt da!‘. Ein klassisches Einwanderungsland sei Chile, nur die Spanier beklagten sich: „Die mögen uns nicht, weil wir die Kolonialisten waren“, zitiert er Bekannte. Auch mal eine andere Erfahrung für einen Deutschen.

Dennoch ist die Gründung der Grammer Solar Chile SpA, einer Sociedad para acciones, im Januar 2014 mit inzwischen drei festen Mitarbeitern kein Spaziergang: „Auch dort ist die Bürokratie nicht ohne“, stöhnt Schröpf. „Behördengänge im Ausland sind sowieso schwierig, wir brauchten Stunden für die Aufenthaltsgenehmigung und das Visum für Brigitte war nochmal eine riesige Baustelle.“ Andererseits: „Wenn du mal drin bist in der Maschine, dann läuft’s.“ Die Unternehmungsgründung sei „ratzfatz“ gelaufen. Allerdings erst, als er darauf verzichtete, das neue Unternehmen als Tochterfirma von Grammer Solar zu gründen: „Dann hätten wir alle Urkunden beglaubigen lassen müssen.“ Jetzt firmiert Schröpf als Alleinunternehmer.

Bei der Realisierung von Projekten ist Grammer Solar Chile von Fremdfirmen abhängig. „Unsere Erfahrungen reichen von sehr gut bis katastrophal“, beschreibt er die Lage. „Morgen ist die Abnahme von zwei Schuldächern, eine 70 und eine 80 KW-Anlage – es dauert alles doppelt bis dreimal so lang wie bei uns – nicht, weil die Leute fauler sind, sondern weil es eine Vielzahl an Vorschriften gibt.“ Weil das die Kosten erhöht, sei es schwer, in die Gewinnzone vorzustoßen. Dafür seien die PV-Preise transparent, der Markt wachse und das Land sei resistent gegen Korruption: „Wir hoffen, dass wir schnell genug dazulernen, um rentabel zu werden.“

Derzeit setzt Schröpf auch Projekte mit geringem Deckungsbeitrag um, „um zu zeigen, was wir können“. Er habe viel investiert, zumindest den „Return of Investment“ erwarte er in absehbarer Zeit. Erste Achtungserfolge der Firma mit der guten Adresse im Stadtteil Providencia stellen sich bereits ein: Grammer hat es in die letzte, vierte Runde bei der Prestigeausschreibung von Walmart geschafft. „Unser Geschäftsmodell rechnet sich für beide“, erklärt Schröpf, „wir bieten den Strom für 8,5 Cent an/KWh preisgünstiger an, als die 10 Cent, für den sie ihn einkaufen können.“

Höchstes Pro-Kopf-Einkommen und große Dichte an deutschen Schulen:

Die Schröpfs in Chile

Ins langgestreckte Land (4200 Kilometer Nord-Süd-Ausdehnung, 200 Kilometer Ost-West) am Pazifischen Ozean führt den Spanisch sprechenden Unternehmer Siegfried Schröpf ein familiärer Zufall: In den Herbstferien 2011 besucht er mit Frau Brigitte Sohn Benedikt in Peru, der nach dem Abi ein halbes Jahr in einem Waisenhaus in Cusco arbeitete. Das Ehepaar wird sich schnell einig: Lehrerin Brigitte kann sich ein Jahr in einer deutschen Schule vorstellen, Solar-Überzeugungstäter Sigi will den Markt sondieren. In Frage kommt nur ein politisch und wirtschaftlich stabiles Land – Chile mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen und höchster Dichte an deutschen Schulen in Lateinamerika gerät schnell in den Fokus. „Brigitte hat Bewerbungen an deutsche Schulen in ganz Mittel- und Südamerika geschickt“, erzählt Schröpf, „die meisten Rückläufer kamen aus Chile.“ Erste Station des Paars ist Concep-ción, eine Universitätsstadt mit rund 200 000 Einwohnern 500 Kilometer südlich von Santiago. „Aber in einem zentralistischen Land wie Chile muss man in der Hauptstadt vertreten sein“, erklärt Schröpf den Umzug. Über ein Jahr bleibt das Paar aus Amberg im Anden-Staat, inzwischen hat er die Leitung in die Hände seine Mitarbeiter gelegt.

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