06.04.2021 - 18:20 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Corona-gebeutelte Gastronomen kooperieren zähneknirschend mit Lieferando

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Restaurant zu? Das Internet ist immer offen: Lockdown-Hungrige haben die Qual der Wahl. Burger, Geschnetzeltes, Pizza oder Sushi sind nur einen Klick weit entfernt. Für Lieferando ein Bombengeschäft, für die Gaststätten und Kuriere weniger.

Der Fahrer eines Lieferdienstes fährt an dem Freisitz eines geschlossenen Restaurants vorbei.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Das Angebot überbietet die meisten Speisekarten. Appetit auf Knoblauch-Naan? Danach zum Ostermenü Lamm Korma in sahniger Sauce mit Mandeln, Kokosnuss und feinen Gewürzen? Als Dessert noch ein Kokos-Lassi? Ein paar Klicks und eine knappe Stunde später läutet ein abgehetzter Fahrradkurier an der Haustüre, Styropor-Schachteln bis zum Kinn. Man gibt ein paar Euro extra, danach wird aufgetischt. Die Esskultur in Deutschland befindet sich im Wandel. Die Pandemie heizt das Geschäft der Lieferdienste gewaltig an.

"Für viele Mitgliedsbetriebe ist das halt aktuell der einzig noch erlaubte Vertriebskanal", sagt Frank-Ulrich John, Geschäftsführer und Pressesprecher des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga zu Oberpfalz-Medien. Das Geschäftsmodell des niederländischen Internet-Riesen und der finnischen Konkurrenz von Wolt sieht er mit gemischten Gefühlen. "Bei 30 Prozent mit Lieferung und 13 Prozent ohne pro Bestellung bleibt eine Menge der Wertschöpfung nicht beim Betrieb, der das Produkt aufwendig herstellt, Personal, Rohstoffe und Betriebskosten bezahlt."

Mit dem Rücken zur Wand

Die Gastronomen besonders in ländlichen Regionen stünden mit dem Rücken zur Wand. "Wir hatten sie schon vor Corona ermuntert, sich zusätzliche Standbeine zuzulegen", sagt John, "um mehr Gäste zu erreichen." Manche hätten versucht, sich mit Studenten oder Schülern selbst einen Bringdienst aufzubauen. "Trotz aller Anstrengung befürchten wir, dass sich einige Insolvenzen nicht abwenden lassen", bedauert John, "dann gibt es weitere Ortschaften, in denen es keine Wirtschaften mehr gibt."

Das Schlimmste für gestandene Wirtsleute, die ihr Gasthaus oft in der dritten Generation führten, sei es, nicht mehr unternehmerisch tätig werden zu können. "In diesem Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffen und Bangen appellieren wir an die Politik, kontrollierte Öffnungen mit Abstand, Tests und Hygienekonzept zuzulassen. "Das wäre zur Eindämmung der Pandemie jedenfalls besser, als unkontrollierte Treffen in Partykellern oder Massenansammlungen in Parks."

Vergeblich versucht, einen eigenen Lieferdienst aufzubauen, hatten Ingrid und Wolfgang Pirzer vom Landgasthof Koller in Schwandorf-Bubach. "Wir haben mit unserem Neffen probiert Gäste zu beliefern, die nicht mehr mobil waren", erzählt Wolfgang Pirzer. "Das hat sich nicht gerechnet, mal kam gar nichts, dann wieder sollten wir in der Stoßzeit gleichzeitig den Norden und Süden des großen Landkreises beliefern." Da brauche man eine ganz andere Infrastruktur. "Jetzt liefern wir nur noch innerhalb der Ortschaft, wenn jemand im Rollstuhl sitzt und gar nicht kommen kann." Ansonsten könne man sich das Essen selbst abholen. "Wir haben uns geweigert, mit Lieferdiensten zusammenzuarbeiten", sagt Pirzer. "Auch bei Rabattbüchern haben wir nicht mitgemacht." Er kalkuliere den Preis fair: "Ich kann weder eine Provision von 30 Prozent abgeben noch zwei Essen zum Preis von einem anbieten."

Andere Gastronomen sind zähneknirschend auf das Lieferando-Angebot per E-Mail eingegangen. "Wir wurden zuvor einfach zu selten angerufen", sagt ein indischer Gastwirt aus Regensburg, der nicht genannt werden will. "Aber man muss ganz ehrlich sagen, wir machen das zum Selbstkostenpreis und hoffen darauf, dass mit der Zeit Kunden bei uns direkt anrufen."

Alles nur noch Lieferando?

Schon heute dominiert Lieferando das kulinarische Angebot im Netz. "Die Gefahr besteht natürlich, dass jeder, der sich etwas zum Essen bestellt, über kurz oder lang immer auf einer Seite des Lieferanten landet", sagt John. Das gilt umso mehr, seit Lieferando Kunden auf Tausende Schattenwebseiten lockt, die vom Lieferdienst selbst generiert wurden. Potenzielle Besteller werden so von den Homepages der Restaurants auf die eigenen umgeleitet. So kassiert Lieferando selbst dann, wenn der Kunde eigentlich beim Lokal selbst bestellen wollte.

Auch eine Pizzeria im Landkreis Amberg-Sulzbach wird nicht recht glücklich mit dem teuren Lieferdienst: "Ich habe erst bemerkt, dass die eine Pseudo-Website von unserem Lokal ins Netz gestellt hatten, als uns ein Stammkunde darauf angesprochen hat, ob wir jetzt zwei verschiedene Homepages hätten." Rechtlich ließe sich nichts dagegen machen: "Irgendwo im Kleingedruckten des Vertrags ist das wohl versteckt."

Aus der Lieferando-Perspektive klingt das etwas anders: "Wir beraten unsere Restaurants auch dahingehend, sich einen eigenen Lieferservice aufzubauen", sagt Lieferando-Deutschland-Chefin Katharina Hauke. "Wir helfen den Gastronomen bei der Digitalisierung."

Damit verdient das Unternehmen in der Krise exzellent. Allein im vierten Quartal stieg die Zahl der Bestellungen über die Plattform um rund 56 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf rund 56 Millionen Euro. Für das Jahr 2020 geht der Konzern für sämtliche seiner Märkte von einem Umsatz von rund 2,4 Milliarden Euro aus - mehr als 50 Prozent mehr als 2019.

Seit Spätsommer vergangenen Jahres will davon auch der Finnische Lieferdienst Wolt profitieren und richtet sich vor allem an Restaurants ohne eigenen Lieferdienst. "Deutschland ist der größte Markt in Europa", erklärt Deutschland-Marketingchef Felix Ecke, "klar, dass wir das ausprobieren wollen." Die größtmögliche Kontrolle habe man, "wenn wir das Essen selber ausliefern". 25 bis 30 Prozent werden bei Wolt als Provision fällig. Bislang arbeiten die Finnen noch an der Aufholjagd: Etwas mehr als 750 Gastronomen konnte das Unternehmen vor allem in Berlin, Frankfurt und München überzeugen. Lieferando verzeichnet mehr als 20 000 Restaurants auf der eigenen Plattform.

Fahrer unter Zeitdruck

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sorgt sich nicht um die hohen Provisionen, sondern vor allem um die Belange der Fahrer bei Wolt und Lieferando. Nicht ganz einfach angesichts der hohen Fluktuation. "Wir müssen deshalb Strukturen schaffen, die auch lange halten", sagt Christoph Schink, NGG-Referatsleiter für den Bereich Gastgewerbe.

Inzwischen gebe es in rund sieben Städten Betriebsräte bei Lieferando. "Bei den Lieferdiensten gibt es diese Anreizsysteme: Je schneller du fährst und je mehr Aufträge, desto mehr Geld kannst du verdienen." Das sei ein Fehlanreiz. "Unsere Mitglieder sind immerhin täglich im Straßenverkehr unterwegs."

Immer mehr Händler und Gastronomen kämpfen ums Überleben

Weiden in der Oberpfalz
Info:

Hier werden Sie beliefert

  • Neben den beiden Komplett-Anbietern tummeln sich eine Vielzahl weiterer Unternehmen auf dem Lieferdienstmarkt.
  • App Smart, Simply Delivery oder Discoeat überlassen die Lieferung den Restaurants und kümmern sich um deren Online-Angebot und die Abwicklung.
  • App Smart kooperiert dabei mit Google, um Verbraucher auf die Seiten der Partner-Restaurants zu locken.

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