06.10.2019 - 14:21 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Dunkeldeutschland

Drei Menschen auf der Bühne – zehn Worte: „Es hat zwei Tote gegeben, ein Mann und ein Kind!“ – ein schrecklicher Schrei. Aus dem Nichts ändert sich alles in Katjas Leben!

„War ihr Mann religiös? Er war doch Kurde? War er politisch aktiv?“ Falsche Fragen, Vorurteile, rechte Denkmuster – der Politthriller „Aus dem Nichts“ nach dem gleichnamigen Film von Fatih Akin liefert keine Rekonstruktion der Taten der NSU-Bande, sondern versucht, Strukturen zu verfolgen und die mehrfache Opferrolle der Betroffenen in packenden Bildern zu erzählen.
von Marielouise ScharfProfil

Kurze Szenensplitter der jüngeren Zeitgeschichte blitzen als optisch-mediales Informationsgewitter auf. Drei Menschen auf der Bühne – zehn Worte: „Es hat zwei Tote gegeben, ein Mann und ein Kind!“ – ein schrecklicher Schrei. Aus dem Nichts ändert sich alles in Katjas Leben! Fatih Akins preisgekrönter Film erzählt, wie Katjas Leben zerbricht, nachdem ihre Familie bei einem Neonazi-Anschlag stirbt. Das Euro-Studio Landgraf bringt nun eine gleichnamige Theater-Adaption von Miraz Bezar nach Amberg und plant noch knapp 50 weitere Auftritte auf den Tourneebühnen der Republik.

„Aus dem Nichts“ ist ein Politthriller. Parallelen zu der Mordserie von Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe, zu den unsäglichen Ermittlungspannen der Polizei und zum anschließenden NSU-Prozess liegen auf der Hand. Das verbrecherische Repertoire der rechtsradikalen Terroristen war vielfältig: Mord, Raub und Sprengstoffanschlag. Obwohl viele Spuren zur rechtsradikalen Szene führten, tappte die Polizei jahrelang im Dunkeln und kriminalisierte die traumatisierten Opfer…

Die Explosion einer Nagelbombe hat Katjas Leben zum Einsturz gebracht. Ihr deutsch-kurdischer Mann Nuri und der gemeinsame Sohn Rocco sind zerfetzt worden. Die grausamen Details erfährt sie später vom Gerichtsgutachten. Dass Roccos Haare bis zu den Wurzeln geschmolzen, seine Augen in der Hitze der Explosion gekocht worden sind. Rocco war sechs. Vor dem Anschlag hatte sie am Tatort eine junge Frau gesehen, die ihr mit einem schwarzen Behälter bepacktes Fahrrad an einer Laterne abstellte. Doch statt diese Spur zu verfolgen stürzt sich die Polizei lieber auf Nuri, der angeblich Kontakte ins Mafiamilieu unterhielt.

Es läuft alles schief. - nicht nur die Ermittlungen! Auch der Bühnenrahmen hängt schräg. Ein Kunstgriff der Raumwirkung, die ansonsten mit klaren Linien, Podesten, Treppen überzeugt und die passende Kulisse für drei Kapitel im Drama bietet. „Wahrheit“, „Gerechtigkeit“ und „Wahrheit und Politik“ lauten die Überschriften. Und Regisseur Miraz Bezar, der selbst viele Prozesstage verfolgt hat, baut kühl distanzierte Bilder. Er setzt auf Licht und Ton, Video- und Audioeinspielungen als wichtige Gefühlsträger in einem Leben, das nach der Katastrophe aus den Fugen gerät.

Für die Schauspieler schneidert er ebenfall ein straffes Konzept. So verschreibt er Anna Schäfer als Katja, kühl-theatralische Momente, oft etwas eckig-distanziert und doch mitten im stummen Entsetzen. Rauchen, kiffen, randalieren, resignieren! „Sie bringt's voll rüber“ meint Nico, ein junger Theaterbesucher in der Pause. Die vielen Gefühlsnuancen, das sprachlose Entsetzen, die impertinenten Verdächtigungen – vom vielseitigen Ensemble gut eingefangen in Sprache und Spiel. Alle Protagonisten zeigen Vielseitigkeit, schlüpfen in unterschiedliche Rollen und überzeugen mit großem Engagement und Einfühlungsvermögen. Nach Verdächtigung, Aufklärung und Freispruch für das Täterpärchen bleibt das Ende offen. Die Akten landen im Reißwolf, der politische Untersuchungsausschuss stochert im Trüben, die Schlussparole lautet: „Staatswohl hat Vorrang vor Aufklärung!“ Die Geschichte ist packend erzählt. Über die Videoleinwand laufen zum Schluss Namen und Porträts der Opfer rechter Gewaltmorde. Stille im Zuschauerraum – dann begeisterter Applaus.

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