29.06.2019 - 10:00 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Fall Sophia Lösche: Bruder will die Wahrheit wissen

Im Juni 2018 will Sophia Lösche von Leipzig nach Amberg trampen, wie so oft. Sie freut sich auf daheim, der Papa hat am nächsten Tag Geburtstag. Entgegen ihrer Gewohnheiten lässt sie sich von einem Lkw mitnehmen. Die Studentin kommt nie an.

Sophia Lösche, fotografiert von ihrem Bruder.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Juni 2019. Ein Jahr danach. Bamberg bei schönstem Sommerwetter. Heute fällt ein bayerischer Hitzerekord, heißt es im Radio. In der Regnitz wird gebadet. Im Biergarten am Bootshaus werden gegen Mittag die ersten Radlhalben eingeschenkt. Kolonnen an Südkoreanern laufen in der Altstadt hinter den Regenschirmen ihrer Stadtführerinnen her, vorbei an dem Haus, in dem Herr Taschenbier und das "Sams" gewohnt haben, sollte jemand den gleichnamigen Film kennen.

Bamberg war für viele Jahre auch Sophia Lösches Stadt. Hier hat die Amberger Max-Reger-Abiturientin studiert, ehe sie in Leipzig den Master drauflegen wollte. Im Bamberg war sie Vorsitzende der Jusos. Eine, die sich einmischte. Kein stilles Mäuschen. Fröhlich und diskussionsfreudig. Eine, die an Menschlichkeit glaubte. Eine, die sich einbrachte, als 2015 in der Flüchtlingskrise Migranten ins Land strömten. Die nach Lesbos fuhr und in einem stillgelegten Hotel in Athen Flüchtlingsfrauen und ihre Kinder versorgte.

Irgendwann tut man's dann doch und liest, was anonyme Verfasser in Internetforen ausgekippt haben, nachdem Sophia Lösche verschwunden war. Eine Flüchtlingshelferin, die zu einem Fernfahrer aus den Maghreb-Staaten einsteigt! "Mitleid aus." "Selber schuld." Das sind die freundlichen Kommentare. Alles andere mag man gar nicht wiederholen.

Heute sitzt im Biergarten im Hain der Bruder (51) und erzählt bei einer Johannisbeerschorle, wie vor einem Jahr das Leben der Familie aus den Fugen geriet. Andreas Lösche, Grünen-Kreisrat in Bamberg-Land, hat Dutzende solcher Interviews geführt. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert, betreibt eine Konzertagentur. Er ist Medienprofi und will zumindest Herr der Lage sein, was die Berichterstattung angeht.

Falschinformationen sind in Zeiten des World Wide Web nicht mehr einzufangen. Irgendwann erwähnt eine Zeitung, dass Sophia Lösche Vorsitzende der Jusos in Bamberg war. Stimmt. Der erste Reporter, der abschreibt, lässt das "ehemalig" weg. Der Zweite "Bamberg". In spanischen Medien wird Sophia Lösche zur Bundesvorsitzenden der Jungsozialisten. Das erste Kondolenzschreiben kommt am Tag nach dem Leichenfund vom spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sanchez.

Prozessbeginn: 23. Juli

Die Fahrtstrecke des Lkw

In vier Wochen wird Andreas Lösche zum ersten Mal dem Mörder seiner Schwester begegnen. Er weiß wenig über den Marokkaner. Boujemaa L., Jahrgang 1977, arbeitete als Fernfahrer für eine Spedition in Tanger. Die BILD zeigte Facebook-Bilder von ihm und seinen vier Kindern. Er wartet in der JVA Bayreuth auf den Prozess. "Ich habe mich mit ihm nicht befasst", sagt Andreas Lösche. Er empfinde keinen Hass, noch immer überwögen Trauer und Verlust. "Vielleicht ist das anders, wenn ich ihm gegenübersitze." Die Eltern aus Amberg sind Nebenkläger, auch, um Akteneinsicht zu haben. Die Akten umfassen 4500 Seiten. Über den Inhalt spricht Lösche nicht.

Vieles ist schon 2018 durchgesickert. Die spanische Tageszeitung "El Correo" veröffentlichte Details aus dem ersten Autopsiebericht. Sophias Leichnam war eine Woche nach ihrem Verschwinden an einer Autobahn in Nordspanien gefunden worden. Es gibt Hinweise, dass sie gefesselt war. Als Todesursache schreibt "El Correo" von "stumpfer Gewalt durch einen schweren Gegenstand". Der Leichnam wies Brandspuren auf.

Für den Prozess ab 23. Juli in Bayreuth sind 17 Zeugen und drei Sachverständige geladen. Zeugen aus Spanien sind - nach derzeitigem Stand - nicht darunter. Nach Auskunft von Landgerichtssprecher Clemens Haseloff wird Professor Peter Betz gehört, Leiter der Rechtsmedizin Erlangen. Dort war die Leiche nach der Überführung - acht Wochen nach dem Fund - noch einmal untersucht worden. Den Erkenntnissen der Forensiker kommt eine zentrale Rolle zu. Zwar gesteht der Angeklagte die Tötung, spricht aber von einem Streit, der vorausging.

Den Vorsitz der Kammer hat der neue Vizepräsident des Landgerichts Bayreuth, Bernhard Heim. Die Anklage wird voraussichtlich von Oberstaatsanwältin Sandra Staade vertreten. Andreas Lösche erhofft sich eine Aufklärung des Geschehens. "Es ist für die Angehörigen ein starkes Bedürfnis zu wissen, was passiert ist und wenn es noch so brutal ist."

Wann und wo starb Sophia? Die spanischen Forensiker datierten den Todeszeitpunkt - im vorläufigen Autopsiebericht - auf Donnerstag bis Samstag, 14. bis 16. Juni 2018. Damit wäre die Tötung noch in Deutschland erfolgt, der Täter demzufolge mit einer Leiche an Bord 1800 Kilometer durch Europa gefahren. Ab dem späten Samstagabend macht er laut GPS-Daten eine 24-stündige Rast in Frankreich. Schon am Montag überquert er die Grenze ins spanische Baskenland.

Zeitgleich rennen Familie und Freunde der Polizei sprichwörtlich die Bude ein. Am Freitag, 6.45 Uhr, ruft der Vater die Einsatzzentrale an. Er kann seine Tochter seit dem Vorabend nicht mehr erreichen, als sie von Leipzig nach Bayern trampen wollte. Er weiß aus ihrem Freundeskreis, dass sie um 19.55 Uhr eine letzte Nachricht versandte: "Sitze bei Marokkaner Bob im Lkw." Kurz darauf ist ihr Handy aus. Untypisch für die kommunikative Studentin. "Meine Eltern haben der Polizei vom allerersten Moment an gesagt, dass ein Gewaltverbrechen vorliegen muss. Eine andere Erklärung gab es nicht." Am Freitagmittag wird bei der Inspektion Amberg die Vermisstenmeldung aufgenommen. Aus Sicht von Andreas Lösche kein probates Mittel, weil dies keine aktive Suche bedeute.

Der Bekanntenkreis in Bamberg, Amberg und Leipzig ist höchst alarmiert. In Eigenregie koordinieren Andreas Lösche, Cousine Klara in Leipzig und Sophias beste Freundin Eva eine Suchaktion. 80 bis 100 Helfer schließen sich an. Der "Schwarm" wird tätig. Über ein eilends eingerichtetes Internetportal werden die Maßnahmen abgestimmt.

Per Handzettel und Facebook läuft die "Fahndung" in zehn Sprachen an. Trucker-Foren helfen. Auf einen Flyer hin meldet sich ein polnischer Lkw-Fahrer, dem am Donnerstag um 18.20 Uhr eine Frau auffiel, die am Autohof Schkeuditz in einen blauen Lkw aus Marokko stieg. Der Tankstellenpächter erklärt sich bereit, die Überwachungsvideos zu sichten - aber nur im Beisein der Polizei. Ab Freitagabend habe seine Cousine die Leipziger Polizei bekniet, sich mit ihr die Aufnahmen anzusehen. Erst am späten Samstagnachmittag sei ein Beamter dazu bereit gewesen. Die Cousine lässt auf 18.20 Uhr spulen - und prompt ist Sophia zu sehen, wie sie in den Lkw steigt.

"Ab Samstagabend wussten wir alles: Kennzeichen, Spedition, wie der Fahrer aussieht", sagt Andreas Lösche. Aber selbst dann sei die Polizeiarbeit nicht forciert worden. Die Polizei Leipzig habe erst die Zuständigkeit klären wollen - Sachsen oder Bayern. Dies sei frühestens am Montag möglich. "Zu Deutsch hieß das: Wir machen jetzt 36 Stunden nichts." Er und sein Vater hätten daraufhin im Präsidium Regensburg und Leipzig, sogar im Landeskriminalamt in München angerufen. Man sei mit der immer wortgleichen Erklärung abgespeist worden, die "Polizei habe alles getan, was in ihrer Macht steht".

Es wird Montag. Ein arabisch sprechender Bekannter der Familie ruft in der Spedition in Tanger an. Die Spedition signalisiert Hilfsbereitschaft. Wenig später meldet sich der Fahrer persönlich auf dem Handy der Cousine, deren Nummer in den Fahndungsaufrufen abgedruckt ist. Er habe die Tramperin schon in Hersbruck aussteigen lassen und sei jetzt in Spanien. Zum "Beweis" sendet er Fotos von der Autobahn, einem Tollcollect-Automaten und einen Standort-Screenshot. Asparenna. Dort wird später die Leiche gefunden. Alle Infos gehen auch an die Kripo.

Festnahme vor Fährhafen

Und plötzlich geht alles ganz schnell. Am Dienstag nimmt die Guardia Civil in Südspanien den Fernfahrer an der Autobahn fest. Sein Lkw brennt. Boujemaa L. befindet sich auf Höhe der Stadt Jaén. Nur noch 300 Kilometer - drei Stunden - trennen ihn von der Fähre, die ihn über die Straße von Gibraltar nach Marokko gebracht hätte. Die Festnahme ist aus Sicht des Bruders nur der privaten Recherche zu verdanken. "Ohne unsere Arbeit hätten wir jetzt vielleicht weder einen Täter, noch eine Leiche."

Es ist für die Angehörigen ein starkes Bedürfnis zu wissen, was passiert ist. Und wenn es noch so brutal ist.

Andreas Lösche

Andreas Lösche erneuert im Interview seine Kritik an der Polizeiarbeit:

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