18.06.2018 - 13:23 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Wer fühlen will, muss hören

Amberg. Am Freitag war in der Basilika St. Martin eine außergewöhnliche Premiere zu verzeichnen: Die Vorführung des 90-minütigen Stummfilms „Christus“ (1916) mit Live-Improvisationen des renommierten italienischen Organisten Paolo Oreni.

Der italienische Organist Paolo Oreni an der Walcker-Orgel von St. Martin
von Peter K. DonhauserProfil

Es gelingt ein tief berührender Film- und Musikabend der Spitzenklasse! Regisseur Giulio Antamoro (1877-1945) lässt den Film über das Leben von Jesus Christus mit dem Aufruf des Kaisers zur Volkszählung beginnen und endet ihn mit der Himmelfahrt Jesu. In kurzen, nie langatmigen Passagen sind bekannte biblische Szenen dargestellt. Schon der opulente Aufwand fasziniert: Antamoro drehte an Originalschauplätzen In Ägypten und im Libanon, er rekrutierte für die zahlreichen Massenszenen Heere von Statisten (und Schafherden), der Aufwand für Kostüme und Bauten nötigt Respekt ab. Kameraführung, Schnitt und Bezüge zur italienischen Kunst wie Leonardo Da Vincis „Abendmahl“ als „Tableau vivant“, als lebendiges Bild begeistern.

Vorführung mit Führung

Stumm war der Stummfilm im Übrigen nie. Aus Angst vor beklemmender Stille im dunklen Zuschauerraum wurde schon immer Live-Musik dazu gespielt, bis dann beim Tonfilm die Aufnahme von synchronem Ton möglich wurde. Schnell nutzen die Musiker (so auch Paolo Oreni) die Chance, Stimmungen und Emotionen des Films durch die Musik zu unterstreichen, Bewegungen akustisch darzustellen (Geißelhiebe), mit der Symbolik von musikalischen Leitmotiven Zusammenhang zu schaffen. Oreni verwendet die gregorianischen Motive „Dies irae“ (Tag des Zorns) und „Christ ist erstanden“. Souverän spielt er auf der Tabulatur gestalterischer Finessen: Musikalische Umschreibung der Bilder, Deutung, Verfremdung durch Gegensatz. Er gliedert die Filmsequenzen durch verschiedene Farben, etwa durch milde Tremulant-Klänge in den Passagen vor der Kindheit Jesu, schnarrende Zungenklänge für die Sünder und Verräter (Judas), die abgrundtief knatternde 32’-Bombarde für den Teufel. Die hochvirtuose Dramatik mit vollem Werk bei den dramatischen Szenen geht dann richtig unter die Haut: „Wer fühlen will, muss hören“.

Notenfreie Spontaneität

Improvisation ermöglicht Organisten vom Format eines Oreni, auf Stärken der Orgel (leise Töne, Aliquote) einzugehen, dennoch bleiben die Schwächen unüberhörbar: Die Walcker-Orgel (1968) ist für den Riesenraum unterdimensioniert, die Zungenregister sprechen zu müde und kleinmütig, die Labiale und Prinzipale bringen nie wirklichen Schub und Druck, dem Tutti fehlen gravitätische Bässe. Der Erlös des Konzertes geht denn auch an den Orgelbauverein St. Martin, der Gelder für einen Ersatz des technisch an der Verschleißgrenze schrammenden Instruments sammelt.

Die von den knapp 50 Zuhörern heftig applaudierte Amberger Premiere bildete den Abschluss der 1. Amberger Orgelwoche, die auf die Initiative des Organisten von St. Konrad (Ammersricht), Andreas Feyrer zurückgeht. Sie wird im Juni 2019 eine Fortführung mit Meisterkursen und Konzerten finden.

Projekt Orgel St. Martin

Paolo Oreni (links) und der Initiator der 1. Amberger Orgelwoche, Andreas Feyrer
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