25.01.2019 - 15:56 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Auf die Hülle kommt es an

Luftmuseum-Gründer Wilhelm Koch ist es gelungen, etwas auf die Füße zu stellen, das weit über den Freistaat hinausstrahlt. Anlässlich der Eröffnung der 100. Ausstellung am Samstag (26. Januar) hat die Kulturredaktion mit ihm gesprochen.

Zu einem Anziehungspunkt weit über die Grenzen des Freistaats hinaus hat sich das Amberger Luftmuseum entwickelt. Inzwischen waren dort 100 Ausstellungen zu sehen.
von Peter GeigerProfil

ONETZ: Sie treten meist zurückhaltend auf, leise, verschmitzt. Offensichtlich eine vorteilhafte Eigenschaft, wenn man sich den Erfolg des Luftmuseums betrachtet …

Wilhelm Koch: Hm, da bin ich leider befangen.

ONETZ: Ihr Medium, die Luft, die kann aber ganz anders sein. Allumfassend. Fordernd. Laut.

Wilhelm Koch: Unter anderem hat die Luft den Vorteil, dass man mit ihr sehr große, raumgreifende Arbeiten machen kann. Auf die Hülle kommt es an. In Bewegung versetzt, kann sie sanft berühren oder orkanmäßig alles mit sich reißen. Musik oder jedweder Klang ist klingende Luft. Ein Highlight in den 13 Jahren unseres Bestehens war die vom Berliner Komponisten Hans Schanderl eigens für das Luftmuseum komponierte Aerophonie, eine Luftmuseumsymphonie. Ohne Text oder Melodie sangen bei der Uraufführung 100 Sänger ganz ursprüngliche Polyrhythmen für 100 Zuhörer im Museum.

ONETZ: Was darf man sich unter Polyrhytmik vorstellen?

Wilhelm Koch: Damit ist die Überlagerung mehrerer Taktfolgen in einem mehrstimmigen Stück gemeint. Dabei kann jede einzelne Stimme auch ein eigenes Metrum haben.

ONETZ: Können Sie sich eigentlich noch erinnern, an den Moment, in dem die Idee entstand, der Luft Ihre künstle- rische Existenz zu widmen?

Wilhelm Koch: Ja, schon. Das war 1983 während meines Grafikdesign-Studiums in Würzburg. Für ein Werk von Sigmund Freud gestalteten wir experimentelle Buchumschläge. Ich kombinierte Leder und Gummi und nähte eine stilisierte Freud'sche Liege zusammen. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich Gummischläuche in der Wohnung, die in den Folgejahren der Auslöser für meine „Luftbildhauerei“ waren. Es folgten aufgeblasene Schlauchadaptionen oder wuchernde Schlauchstrukturen in unterschiedlichen Situationen, die aus Fenstern oder Türen heraus- wucherten oder in Innenräume ge- quetscht waren. Das umfasste aber auch Designobjekte, geometrische Pneuobjekte wie auch Performan- ces, Videos oder Luftmaschinen.

ONETZ: Das Luftmuseum ist das einzige seiner Art auf der Welt. Und für die Stadt Amberg ist das sicher ein gewinnbringendes Alleinstellungsmerkmal?

Wilhelm Koch: Die scheinbar unsichtbare Luft ist ja unser Lebenselixier schlechthin. die Selbstverständlichkeit ihrer An- wesenheit verleitet die Menschen dazu, sie nicht zu beachten. Außer in vereinzelten Sonderausstellungen oder Museen, die sich nur bestimmten Phänomenen widmen - wie beispielsweise dem Fliegen - gibt es weltweit kein Museum, das sich in der kompletten Bandbreite wie wir dem Thema Luft widmet. unsere Schwerpunkte bei den Son- derausstellungen sind Architektur, Design, Technik und Kunst. Und in unserer „Luftbibliothek“, da sam- meln wir alle Bücher, die im weites- ten Sinne das Thema behandeln.

ONETZ: Es gab aber auch einen schmerzlichen Einschnitt, nämlich den Brand im Jahr 2011. Wie hat das Luftmuseum diese Krise überstanden?

Wilhelm Koch: Der Brandschaden, ausgelöst durch ein Ausstellungsobjekt, war ein Schock für uns. Wir mussten fast vier Monate schließen. durch die Unterstützung von Privatleuten, von Vereinsmitgliedern und Firmen konnten wir aber diesen für unseren Verein existenziellen Rückschlag erfolgreich meistern und das Luft- museum nach einer Renovierung in neuem Glanz erstrahlen lassen. Ab diesem Zeitpunkt bekamen wir peu á peu auch erste finanzielle Unter- stützung durch die Stadt Amberg. Die Wiedereröffnung feierten wir dann mit 5000 Ballonen auf dem Marktplatz. Und aus München war mit Ministerialdirigent Toni Schmid vom Kunstministerium extra einer der ranghöchstenKkulturbeamten des Freistaats angereist.

ONETZ: Einhundert Ausstellungen, das ist eine solche Vielzahl, dass die Erinnerungen an manche verblasst, oder?

Wilhelm Koch: Damit das nicht geschieht, ist unsere Homepage zugleich unser Archiv! Jede Ausstellung der Luftkünstler aus Deutschland, England und Frankreich, der Schweiz, Österreich und den Niederlanden, aus Finnland, Slowenien, Kanada, Russland, den USA, dem Iran, Italien, der Schweiz, Japan ist hier mit hochkarätigen Fotos dokumentiert. Und auch die Zugriffszahlen von monatlich 22000 Besuchern auf unserer Homepage - das sind täglich rund 800! - zeugen von einem großen Interesse aus dem gesamten deutsch-sprachigen Raum.

ONETZ: Welche dagegen werden Sie nie vergessen?

Wilhelm Koch: Folgende Ausstellungen haben ei nen ganz besonderen eindruck hinterlassen: „das Loch“, eine Aus- stellung konzipiert von unseren Luftlehrerinnen, mit einem Thema, das noch nie ein Museum aufgegrif- fen hatte. „Inandia“, eine farben- frohe, raumgreifende Ausstellung der jungen Latexkünstlerin Sasha Frolova aus Moskau. Sie kam letztes Jahr auch zur Luftnacht. Dann eine Werkschau des international bekannten Architekten Kengo Kuma aus Tokio, dessen Ausstellung und Vortrag für Deutschland eine Premiere bedeutete. Und auch „Windsbräute“ der Weilheimer Künstlerin Beate Oehmann mit ihren einzigar tigen Fahnenobjekten, die 2016 und 2018 auch im öffentlichen Raum zu sehen waren.

ONETZ: Wohin sollen sich das Luftmuseum und die Luftkunst in Amberg künftig entwickeln?

Wilhelm Koch: Unser mittlerweile auf über zwanzig Personen angewachsenes Mu- seumsteam arbeitet weiter daran, das Luftmuseum mit sehenswerten Ausstellungen und Veranstaltungen sowie Führungen überregional und international bekannt zu machen. Wir gehen auch, wie schon in den letzten Jahren, aus dem Museum heraus, und entwickeln feste kulturelle Termine, die es nur an unserem weltweit einzigartigen Luftkunstort gibt. So das jährliche Luftboottreffen und den „Papierfliegertag“ - und natürlich die alle zwei Jahre stattfindende „Amberger Luftnacht“. in Kooperation mit der Stadt Amberg soll es auch weitere Luftkunstwerke von internationalen künstlern im öffentlichen Raum geben.

ONETZ: Neben dem Luftmuseum unterhalten Sie ja auch noch das Tempel Museum an Ihrem Geburtsort in Etsdorf. Handelt sich's dabei eher um Konkurrenz - oder um eine Ergänzung?

Wilhelm Koch: Mit unseren beiden Vereinen, dem Luftmuseums e.V. und dem Verein der Freunde der Glyptothek e.V., geben wir in Eigeninitiative der Region kreative Impulse. Thematisch sind die beiden Museen sehr unterschiedlich. Was sie aber verbindet, das ist die Ausrichtung, einem breiten Publikum anregende Kulturbeiträge zu bieten. Beide Museen sind Mitglied bei „Koopf“, der Kulturkooperative Oberpfalz und so teil des Netzwerkes von engagierten Aus- stellungshäusern in der Oberpfalz und dem grenznahen Tschechien. Normalerweise ist ein Museum eine bloße Heimstätte für Kunst. Beim Luftmuseum in Amberg ist das an- ders. Das gesamte Konzept des Hau- ses ist Kunst.

„Alles so schön bunt hier!” Sascha Frolova präsentierte sich im Herbst 2017 im Luft- museum als pinkfarbene Latex-Skulptur.
Kengo Kuna:. "Schwebendes Teehaus"
Beate Oehmann: "Windsbräute"
Info:

Service

Ausstellungen

27. Januar bis 21. April 2019

„Habitat - Vom Mensch geprägte Lebensräume“ - Tom Hegen

Eröffnung: Samstag, 26. Januar 2019, 19.30 Uhr

„Plain Air Kirchen“ - Peter Angerman

Eröffnung: Samstag, 26. Januar 2019, 19.30 Uhr

Luftmuseum e.V., Eichenforstgäßchen 12, 92224 Amberg Tel. 09621/420883, mail[at]luftmuseum[dot]de

www.luftmuseum.de

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag: 14 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertage: 11 bis 17 Uhr

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