22.11.2019 - 14:50 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Ikarus und andere Luftgeister

Das Luftmuseum widmet mit "Fliege, was fliegen kann" dem Schweizer Konzeptkünstler Res Ingold und seiner imaginären Fluggesellschaft eine fantastische Ausstellung. Und in der gotischen Hauskapelle überrascht Marion Mack mit Glasarbeiten.

Res Ingold lässt sich von der Ikonographie des Fliegens inspirieren – und ersinnt als „Superfiktionalist“ seine höchst eigenwilligen, aerodynamischen Bildwelten.
von Peter GeigerProfil

Etwa mit dem Finger auf der Landkarte?" Mit dieser Frage konfrontieren allzu nüchterne Eltern ihre Kinder immer dann, wenn der Nachwuchs Gefahr läuft, die Bodenhaftung zu verlieren. Wenn den Kleinen die Pferde der Fantasie durchgehen. Deren Mundwerk beängstigende Eigendynamik entwickelt und schwärmerisch von allzu fantastischen Reisezielen erzählt. Dass der Schweizer Konzeptkünstler Res Ingold schon lang kein Kind mehr ist, beweist sein Geburtsjahr 1954. Ein Fantast aber ist der Gründer der nach ihm benannten Fluggesellschaft trotzdem.

Eigenes Universum

Denn die "Ingold Air", sie ist eine reine Kopfgeburt. Es gibt sie nicht. Kein Flugzeug dieser Gesellschaft hebt ab. Und es landet auch keines, auf keinem Flughafen dieser Welt. Keine ihrer Maschinen durchstreift die Atmosphäre. Nein, die "Ingold Air", sie existiert nur, weil sich der Künstler, der aus Burgdorf im Kanton Bern stammt und der eine Professur für interdisziplinäre Projekte in München innehat, an der "Akademie der Bildenden Künste", weil der das so will. Weil er sich in einem Akt der Aneignung einer der kraftvollsten Metaphern unserer Moderne bedient. Und sich ermächtigt, wie einst Ikarus in der griechischen Sage, den Kräften der Erdanziehung zu widersagen und ihnen die kalte Schulter zu zeigen. Und sich als bekennender "Superfiktionalist" (oder auch "Hyperrealist") ein eigenes Universum namens "Ingold Air" errichtet hat, in den vergangenen Jahrzehnten.

In Amberg ist ein buntes Potpourri zu sehen, ein Überblick über das überbordende Schaffen des Res Ingold, dem bereits in den Nullerjahren im Zeppelinmuseum in Friedrichshafen eine große Schau gewidmet war. Da sind Objekte wie die an der Wand hängenden geöffneten Koffer, deren Inhalt Kameras sind oder andere Reiseutensilien. Das sind dreidimensionale Still-Leben, eingefrorene Ensembles, die davon künden, was wir bei uns tragen, wenn wir den Erdball umrunden und unterwegs sind, von A nach B. Die Kunst des Res Ingold ist nicht nur dann ironisch und augenzwinkernd, wenn er das Flugthema nach allen Regeln der Kunst durchdekliniert und uns beispielsweise Hexenbesen zeigt. Oder seine audiovisuelle Installation, die eine Hommage darstellt, an all die Musiker (angefangen beim Bigband-Leader Glenn Miller bis hin zur R&B-Sängerin Aaliyah), die abgestürzt sind, mit dem Flieger.

Res Ingold hält uns den Spiegel vor. Und erzählt schwärmerisch und bildreich davon, wie rasant eine Technologie, die gerade etwas mehr als 110 Jahre alt ist, Klimawandel, Ressourcenknappheit und Sicherheitsrisiken zum Trotz ihren globalen Siegeszug antrat. Sich durchgesetzt hat. Und unsere Gegenwart und wie auch die Zukunft prägt, denkt man nur daran, dass der neue Wirtschaftsgigant China im Begriff ist, in den nächsten eineinhalb Jahrzehnten mehr als 200 neue Flughäfen zu errichten.

Bravour der Gravur

Als gebürtige Ambergerin kennt die Glaskünstlerin Marion Mack natürlich die gotische Hauskapelle oben im ersten Stock in- und auswendig. Ist das der Grund, weshalb sie den Raum und seine Geheimnisse so erstklassig erkundet und bespielt? Und dort, wie sie sagt, ihren "eigenen Kosmos und Orbit" geschaffen hat? Souverän nutzt sie die Qualitäten ihres Materials. Erforscht die Verbindung mit Metallen und Salzen, mit Keramik und Oxiden. Und ergründet mit Linsen die Geheimnisse des Makro- wie auch des Mikrobereichs.

Gleichzeitig zeigt sie, dass sie als gelernte Graveurin auch glatten Oberflächen neue Facetten abzutrotzen weiß. Der Ausstellungstitel "Dschinn" ist dabei Programm: Denn dabei handelt es sich um mythische Gestalten, um zauberhafte Wesen, die der Vorstellungswelt auf der arabischen Halbinsel entstammen. Diese Geister entspringen dem rauchlosen Feuer und besiedeln als denkende Existenzen die Welt. Und ähneln darin frappierend den gläsernen Skulpturen der Marion Mack. Im Erdgeschoss: der Mensch als Vogel. Und oben: Die alles bewahrende Schutzgottheit! Was für eine Doppelausstellung!

Info:

Service

Ausstellungen: „Fliege, was fliegen kann- ingold airlines“ von Res Ingold und „Dschinn“ von Marion Mack. Bis 19. Januar 2020

Ort: Luftmuseum, Eichenforstgäßchen 12, 92224 Amberg

Kontakt: Telefon 09621/ 420883, mail[at]luftmuseum[dot]de

Öffnungszeiten: Dienstag bisFreitag: 14 bis 17 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertage: 11 bis 17 Uhr

www.luftmuseum.de

In der gotischen Hauskapelle hat Marion Mack mit ihren Skulpturen ihren eigenen Kosmos geschaffen.
Ob die auch Getränke kühlen? Marion Mack versteht sich mittels Materialmix darauf, ihre Glaskuben wie Eiswürfel aussehen zu lassen.
„Würden Sie bitte Ihren Koffer öffnen?“ Mit seinen dreidimensionalen Still-Leben erzählt Res Ingold davon, was wir bei uns tragen, wenn wir den Erdball umrunden.
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