15.01.2021 - 12:04 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Leser kritisiert Corona-Berichterstattung und wundert sich über "unplausible Maßnahmen"

Verbreiten wir mit unserer Corona-Berichterstattung Panik? Hinterfragen wir zu wenig? Haben wir Angst, Position zu beziehen? Eine kleine Bestandsaufnahme aufgrund der Kritik eines Lesers.

Berufsverkehr in einer Großstadt: Fahrgäste steigen in eine S-Bahn ein. Sie tragen einen Mund-Nasen-Schutz. Wie hoch ist die Corona-Ansteckungsgefahr im Nah- und Fernverkehr? Dazu gebe es keine einzige Studie, beklagt der Medizinstatistiker Prof. Dr. Gerd Antes.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

"Die Realität ist durch nichts zu beschönigen", das ist einem Leser aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach klar, der mir dieser Tage in Sachen Corona-Berichterstattung geschrieben hat. Deutschland, Europa und die Welt befänden sich in einer Ausnahmesituation, es kursiere ein Virus, das den Menschen sehr gefährlich werden könne. Und wir alle seien gehalten, unseren Teil dazu beizutragen, die Verbreitung dieses Virus aufzuhalten beziehungsweise einzudämmen.

"Macht es aber Sinn, ständig gesprochene und gedruckte Panik zu verbreiten? Gibt es keine anderen Meinungen und Fakten, als die, die von Drosten, Lauterbach und Söder verbreitet werden?", will der Leser wissen, den noch mehr umtreibt: Warum werde nicht hinterfragt, weshalb trotz eines "harten Lockdowns" die Infektionszahlen nicht zurückgehen? Warum werde nicht hinterfragt, weshalb Betriebe mit Hygienekonzepten schließen müssen, die "Großindustrie aber ohne jegliches Konzept munter weiter produziert"? Warum würden Verstöße einzelner gegen die Corona-Auflagen seitenweise abgearbeitet, das Verhalten vieler jedoch (Winterberg, Hirschau usw.) als Lappalie abgetan?

"Im Wartezimmer der Hoffnung"

"All diese Fragen wären vermutlich überflüssig", meint der Leser, "wenn sich die Presse auch sonst so neutral verhalten würde. So aber gewinnt man den Eindruck, dass irgendjemand versucht, die Presse mundtot zu machen. Oder aber ist es die Angst der Journalisten, ins Lager der Verschwörungstheoretiker und Rechtsradikalen eingeordnet zu werden, wenn Sie nicht dem Mainstream folgen?"

Wo, so fährt der Leser fort, bleibe der Enthüllungsjournalismus, der die Hygieneverhältnisse in Großbetrieben wie Siemens, Audi oder BMW hinterfragt, der hinterfrage, wieso andere Länder Millionen von Dosen des Biontech-Impfstoffes verimpfen, "während wir im Land des von unseren Steuergeldern geförderten Herstellers im Wartezimmer der Hoffnung sitzen".

Was dem Leser außerdem durch den Kopf geht: "Fehlt es dem studierten Intellekt an der Fähigkeit, die Ängste und Nöte des normalen Volkes zu verstehen?" Viele Ärzte und Virologen, die dies in den letzten Monaten gewagt hätten, seien von der buchstäblichen Bildfläche verschwunden - "ein Schelm, wer Böses dabei denkt".

Abschließend bittet der Amberg-Sulzbacher "schon mal um Entschuldigung, dass ich weder Verschwörungstheoretiker noch Rechtsradikaler bin, sondern nur einer aus dem Kreise der gefährdeten Personen, der sich über so viele unplausible Maßnahmen nur noch wundert".

Ich gebe unserem Leser aus dem Raum Amberg-Sulzbach recht: Wir stecken ganz offensichtlich in einer für die Gesundheit der Menschen schwierigen Situation, die wir so noch nicht erlebt haben. Das spiegelt sich in der täglichen Berichterstattung und in vielen Kommentierungen in dieser Zeitung wider. Natürlich besteht hier immer die Gefahr, mit der gewählten Form der Berichterstattung bei Lesern Panik zu schüren. Deshalb sollte man hier schon bei der Wahl von Worten oder Überschriften sorgfältig abwägen und sich vor Augen führen, welche Wirkung sie erzielen könnten.

„Man gewinnt den Eindruck, dass irgendjemand versucht, die Presse mundtot zu machen. Oder aber ist es die Angst der Journalisten, ins Lager der Verschwörungstheoretiker und Rechtsradikalen eingeordnet zu werden, wenn sie nicht dem Mainstream folgen?“

Ein Leser aus dem Raum Amberg-Sulzbach

Rieseninteresse an Corona-Artikeln

Panikmache ist laut Duden das "Heraufbeschwören einer Panikstimmung durch aufgebauschte Darstellung eines Sachverhalts". Agieren unsere Redaktionen tatsächlich so? Das kann ich nicht erkennen. Die Kollegen brechen Corona-Themen auf die regionale und lokale Ebene herunter. Denn der Markenkern unserer Zeitung ist das Regionale und Lokale. Der Lokalteil ist für die meisten unserer Leser der Hauptgrund, die Zeitung zu abonnieren. Deshalb räumen wir dem Lokalteil im Verhältnis zu den überregionalen Inhalten mehr Platz ein. Wenn wir zu einem Corona-Thema mit dem Leiter des örtlichen Gesundheitsamtes sprechen oder einen Arzt interviewen, den viele Leute kennen, dann wird das besonders aufmerksam gelesen. Den Beleg dafür liefern täglich die hohen Zugriffszahlen auf Facebook oder im Onetz auf solche Corona-Artikel.

Verbreiten wir nur Meinungen und Fakten von den Herren Drosten, Lauterbach und Söder? Ich denke nicht. Das Spektrum ist schon etwas größer. Wobei ich durchaus der Meinung bin: Manches könnten wir kritischer hinterfragen. Vielleicht an erster Stelle tatsächlich mal nachhaken, warum trotz des verschärften Lockdowns die Infektionszahlen weiter so hoch sind. Sich erklären lassen, wie groß die Ansteckungsgefahr und die Hygieneverhältnisse in Großbetrieben sind. Mir fällt dazu ebenfalls Siemens ein, die Werke in Amberg.

Ich glaube nicht, dass meine Kolleginnen und Kollegen in Bezug auf die Corona-Berichterstattung an den Lesern "vorbeiarbeiten", deren Ängste und Nöte nicht verstehen. Das zeigen viele positive Rückmeldungen, die auch bei mir eingegangen sind, sie überwiegen deutlichst die negativen Reaktionen. Mundtot macht uns niemand, wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir zu berichten haben. Und beziehen Position. So hat eine Kollegin am vergangenen Montag in ihrem Meinungsbeitrag unter der Überschrift "Schluss mit der Bürgerbeschimpfung" unter anderem geschrieben: "Viel zu viele Menschen versuchen inzwischen verzweifelt zu verstehen, was bei den immer neuen Regeln genau erlaubt ist. Viel zu viele Menschen wissen nicht, wann und wo sie sich gegen Covid impfen lassen können, wie es an den Schulen ihrer Kinder weitergeht, wann sich ihre Selbsthilfegruppe wieder treffen kann, wann die Enkel endlich wieder zu Besuch kommen dürfen. Und nein, das sind keine Kinkerlitzchenprobleme, weil die andere, die unmittelbar tödliche Seite von Covid-19, so viel schlimmer ist."

Ich pflichte dem Leser aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach, der sich an mich gewandt hat, bei, dass manche Maßnahmen nicht einleuchtend, nicht begreiflich sind. Hochinteressant finde ich in diesem Zusammenhang ein Gespräch, das Stephanie Hügler geführt hat, verantwortliche Redakteurin bei Münchner Ärztliche Anzeigen, dem offiziellen Publikationsorgan und Mitteilungsblatt des Ärztlichen Kreis- und Bezirksverbandes München. Interviewt hat sie den Medizinstatistiker Prof. Dr. Gerd Antes, der als ein Wegbereiter der evidenzbasierten Medizin in Deutschland gilt. In der Medizin bezeichnet Evidenz den erfahrungsgemäß erbrachten Nachweis des Nutzens einer diagnostischen oder therapeutischen Aktion.

So bewerten die Deutschen die Berichterstattung über die Corona-Pandemie

Deutschland und die Welt

"Viele Dinge werden nicht getan"

Auf die Frage, wie gut die aktuelle Evidenzlage zu Covid-19 sei, antwortete Antes: "Katastrophal. Zum Einen, weil die Sachlage objektiv sehr komplex ist, aber auch, weil viele Dinge nicht getan werden. Aus meiner Sicht müsste man erhebliche zusätzliche Anstrengungen unternehmen, um mehr Evidenz zu schaffen. Dass diese fehlt, merkt man schon alleine daran, wie unterschiedlich die Maße und Maßnahmen in den verschiedenen Ländern sind. Wir in Deutschland empfehlen z. B. einen Mindestabstand von 1,5 Metern, Österreich dagegen nur einen Meter. Beides kann nicht richtig sein. Wenn ein Meter reicht, dann ist jede höhere Zahl sozusagen ,Verschwendung'. Vielleicht sind aber auch beide Zahlen zu niedrig."

„Natürlich besteht immer die Gefahr, mit der gewählten Form der Berichterstattung bei Lesern Panik zu schüren. Deshalb sollte man hier schon bei der Wahl von Worten oder Überschriften sorgfältig abwägen und sich vor Augen führen, welche Wirkung sie erzielen könnten.“

Leseranwalt Jürgen Kandziora

Im Sommer wäre Zeit gewesen

Auch viele andere Dinge seien ungeklärt, sagt Antes. "Zum Beispiel: In welchen Arbeits- und Alltagsbereichen besteht bei uns das höchste Infektionsgeschehen - in Kitas und Schulen, Büros, Fabriken, in der Lebensmittelindustrie? Es wäre ein riesiger Schritt nach vorn, wenn man die Berufe der Infizierten mit erfassen würde. Das hätte man schon im Sommer tun können. Bis jetzt aber geschieht dies nur bei ausgewählten, systemrelevanten Berufen. So könnte man zum Beispiel besser feststellen, ob Lehrer*innen ein höheres Risiko haben oder nicht, und abhängig davon entscheiden, ob diese ab einem bestimmten Alter oder Vorerkrankungen besser im Homeoffice arbeiten sollten."

Das Gleiche gelte für die Geschäfte, zum Beispiel Friseurgeschäfte, die durch Schließungen ökonomisch stark bedroht seien. Antes: "Wenn man sicher wüsste, dass dort keine Infektionen stattfinden, z. B. weil die Masken zuverlässig getragen werden, müsste man sie nicht schließen. Dies könnte man auf alle Bereiche ausweiten, die derzeit durch eine Schließung massivste Kollateralschäden erleiden. Es fehlen sowohl das Wissen als auch die Transparenz."

In dem Interview beklagt Antes, die größte "Massenveranstaltung" sei der Nah- und Fernverkehr. Auch wenn die Bahn behaupte, dass sich dort aufgrund von Lüftungsanlagen niemand anstecken könne: "Dazu gibt es keine einzige Studie." Die einzige Studie dazu von der Charité beziehe sich nur auf das Begleitpersonal, nicht auf die Fahrgäste.

 

 

Kommentare

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silvia blödt

was für ein toller artikel und bringt es auf den punkt!!!

17.01.2021