08.02.2019 - 14:34 Uhr
AmbergDeutschland & Welt

Der Mörder ist noch irgendwo

20. März 1980. Um 23 Uhr endet die Spätschicht in der Emailfabrik Baumann. Am Kreisverkehr verabschiedet sich die Traudl von ihrer Kollegin. Kurze Zeit später ist sie tot. Eine Sonderkommission der Kripo will den Fall jetzt klären.

Am 21. März 1980 macht sich Oberstaatsanwalt Klaus Pfannschmidt (Zweiter von rechts) ein erstes Bild vom Tatort. Hauptkommissar Josef Lettl (rechts) zeigt ihm die Stelle, an der die 38-jährige Gertrud Kalweit ermordet worden ist.
von Andreas Ascherl Kontakt Profil

Es ist einer dieser ungeklärten Fälle, ein Cold Case, wie die Fahnder sagen. Die Ermordung der Gertrud Kalweit im Amberger Stadtgraben in der Nacht zum 21. März 1980 beschäftigt die Menschen bis heute. Dabei glaubte man bis vor kurzem, den Täter zu kennen, inzwischen gibt es Zweifel. Neue Technik bietet neue Erkenntnisse, die Soko Stadtgraben hat die Fährte wieder aufgenommen. Drei Beamte sind seit Oktober dafür freigestellt, den Mordfall Kalweit aufzuklären.

Was passierte in der Nacht auf 21. März 1980? Fest steht, dass die 38-jährige Gertrud Kalweit, Mutter zweiter Töchter, nach ihrer Schicht in der längst abgerissenen Emailfabrik der Gebrüder Baumann gemeinsam mit ihrer Kollegin durch die noch existierende Bahnunterführung zum großen Kreisverkehr beim Nabburger Tor geht. Dort trennen sich die Wege. Die Traudl schlägt den Weg zu ihrer Wohnung am Kaiser-Wilhelm-Ring ein. Dazu nimmt sie mit ziemlicher Sicherheit den oberen Weg entlang des Stadtgrabens. Der Spazierweg im Graben ist völlig dunkel, in den Wintermonaten schaltet die Stadt Amberg hier die Beleuchtung aus.

Bildergalerie: Fotos von damals und heute zum Mordfall Gertrud Kalweit

Eine Spur im frischen Schnee

Es hat leicht geschneit in dieser Nacht, deshalb können die Ermittler unschwer nachvollziehen, was kurz nach 23 Uhr nur rund 100 Meter nach dem Nabburger Tor passiert sein muss. Wie die Ermittler damals feststellten, wurde die 38-Jährige wohl auf dem Fußweg überwältigt und anschließend in den Stadtgraben geschleift. Eine unübersehbare Spur im frischen Schnee legt diese Vermutung für die Polizei sehr nahe. Hinter einem Ligusterbusch direkt an der Zwingermauer vergeht sich der Täter an Gertrud Kalweit. Wahrscheinlich ist sie da schon bewusstlos, weil sich vor Ort keinerlei Kampfspuren finden.

Die Ermittler heute sprechen von einem "Overkill", wenn sie beschreiben sollen, wie Gertrud Kalweit schließlich gestorben ist. Um den Hals der Frau geschlungen war ein eng zusammengezogener Schal - die erste Todesursache. Neben ihrem übel zugerichteten Kopf fand sich ein Betonbrocken, mit dem der Mörder offenbar brutal auf die Traudl eingeschlagen hatte - Todesursache Nummer zwei. Und die Obduktion ergab später, dass der Täter mit einem langen, dünnen Werkzeug insgesamt 15 Mal in die Brust seines Opfers gestochen hat. Auch diese Stiche waren für sich tödlich.

An der Kleidung der Toten fanden sich Blut- und Spermaspuren. Damals, 1980, konnte anhand dieser Spuren aber nur die mutmaßliche Blutgruppe des Täters festgestellt werden - und das auch nur nach mehreren Fehlversuchen: AB. Doch die Kleidung der Toten lagert bis heute in der Asservatenkammer der Amberger Polizei. Die hat sich mit modernsten Methoden an die Untersuchung gemacht, inzwischen gilt die DNA des Mörders als entschlüsselt. Nun ist es an der Gruppe um die beiden Kriminalhauptkommissare (KHK) Birgit Fröhlich (Mord) und Harald Wächter (Spurensicherung), einen möglichen Täter ausfindig zu machen.

Der Mord an Gertrud Kalweit liegt inzwischen 39 Jahre zurück. Eine neue Sonderkommission der Kripo, die Soko Stadtgraben, will das Verbrechen jetzt aufklären. Die beiden Pressesprecher des Polizeipräsidiums (von links) Florian Beck und Albert Brück besichtigen den damaligen Tatort. Es herrschen in etwa ähnliche äußere Bedingungen.

Völlig neu aufrollen

Im Jahr 1980 führen die vor Ort aufgefunden Spuren - unter anderem eine Ratsche aus einem Werkzeugkoffer sowie der Deckel eines Sturmfeuerzeugs - sehr schnell in den Kreis der amerikanischen Soldaten, die in der Möhlkaserne stationiert sind. 2019 sind sich die Fahnder aber nicht mehr sicher, ob diese Spur tatsächlich die richtige war. Was ist, wenn alles ganz anders ist? Wenn die Ermittler damals etwas Wichtiges übersehen haben? Wenn sie sich zu sehr auf die amerikanische Spur verlassen haben? Aus diesem Grund rollt die Soko Stadtgraben den Fall nun wieder von ganz vorne auf. Denn es gibt die Möglichkeit, dass es jemand ganz anderes gewesen ist.

Soko Stadtgraben:

Eine Belohnung von 10000 Euro ausgelobt

Mord verjährt nicht. Und die Spur ist wieder heiß. Mit zunächst fünf Ermittlern startet im Oktober 2018 die Soko Stadtgraben, die 39 Jahre nach dem Mord an Gertrud Kalweit die vielleicht letzte Chance nutzen will, den Täter doch noch zu fassen. Alte Spuren müssen neu ausgewertet werden, neue technische Möglichkeiten eröffnen inzwischen ganz neue Horizonte. 1980 arbeiteten die Spurenspezialisten der Kripo mit Trenchcoat und Hut. Um keine unerwünschten Fingerabdrücke zu hinterlassen, trugen sie Lederhandschuhe. Dass es knapp zehn Jahre später möglich sein würde, das menschliche Erbgut aus Blut oder Sperma sowie winzigsten Hautfetzen oder Haarschuppen herauszudestillieren, das konnten sie damals nicht ahnen.

Entsprechend schwer ist es heute für die Kriminaltechnik, echte DNA-Spuren von „falschen“ zu unterschieden. Zusätzlich unterliegen das damals gefundene Blut und Sperma einem gewissen Alterungsprozess. Für die Spezialisten der Rechtsmedizin Erlangen und den Spurenspezialisten vor Ort, Harald Wächter, eine enorme Herausforderung. Doch Spuren sind nur ein Teil der neuen Ermittlungen. Mehr als 600 Zeugen wurden 1980 rund um den Mordfall Kalweit gefragt, viele von ihnen mussten erneut vernommen werden, um ihre Aussagen zu verifizieren.

Und die Soko Stadtgraben holte sechs der ehemaligen Ermittler zusammen und diskutierte mit ihnen über den Fall. Dabei stellte sich heraus, dass sich die Fahnder damals schon nicht hundertprozentig einig waren in der Einschätzung über den Täter. Wichtig für die weiteren Ermittlung sind nun Zeugen, die Hinweise geben können. Jede Beobachtung ist der Kripo wichtig. Wer sich rund um den 20. März 1980 an seltsame Begebenheiten oder Vorfälle im näheren Umfeld des Stadtgrabens erinnert, sollte sich unbedingt melden. Es können auch die vermeintlich „unwichtigsten“ Beobachtungen, es können Dinge vom Hörensagen sein. Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen, hat das Landeskriminalamt eine Belohnung von 10 000 Euro ausgelobt. Hinweise nimmt die Kripo Amberg unter 09621/890-0 entgegen.

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